Die lukrative Lust an der Andersartigkeit

25. Februar 2016, 05:30
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Frühere Freak-Shows haben die Wahrnehmung von Behinderung nachhaltig geprägt, wie ein Grazer Forschungsprojekt zeigt

Graz – Ihre Hochzeit im Februar 1863 war ein Celebrity-Spektakel. Vor der Grace Church in New York drängte sich eine Menschenmenge. Immerhin handelte es sich bei dem kleinwüchsigen Brautpaar um die beliebtesten Stars des American Museum. In dieser von Phineas T. Barnum 1834 in New York gegründeten Institution wurden neben allerlei Kuriositäten auch sogenannte Freaks ausgestellt: Menschen mit den unterschiedlichsten körperlichen Anomalien. Siamesische Zwillinge, Menschen ohne Arme und Beine, Frauen mit Bart, extrem dicke, dünne, große oder kleine Menschen.

Wobei sich durchaus nicht alle dieser Freaks einer so großen Beliebtheit wie das "Zwergenpaar" erfreuten. So wurde etwa ein geistig behinderter Afroamerikaner zur Schau gestellt, den man als fehlendes Glied in der Evolution zwischen Affe und Mensch präsentierte. Die Bevölkerung war fasziniert und stürmte solche Shows, die auch in Zirkussen und Vergnügungsparks stattfanden.

Dabei handelte es sich nicht um ein rein amerikanisches Phänomen, auch in der Alten Welt gab es "Abnormitätenschauen". "Barnum tourte mit seiner Freak-Show auch durch Europa und konnte damit sogar Queen Victoria begeistern", sagt die Amerikanistin Susanne Hamscha von der Uni Graz, die zur Darstellung behinderter Körper in der frühen Unterhaltungsindustrie forscht. Die Gier der Menschen, sich von der Andersartigkeit der Freaks wohlig schockieren zu lassen, beschränkte sich allerdings auf den geschützten Raum solcher Shows. Im wirklichen Leben wollte man sie möglichst nicht sehen. Deshalb wurden ab den 1860er-Jahren in etlichen amerikanischen Städten sogenannte ugly laws erlassen, die es Menschen mit "hässlichen oder ekelhaften" Behinderungen verboten, sich in der Öffentlichkeit zu zeigen.

Bettler fernhalten

"Damit wollte man Bettler und die vielen vom Bürgerkrieg versehrten Männer von den Straßen fernhalten", sagt Hamscha. "Diese Gesetze zielten unausgesprochen aber auch auf die zahllosen Einwanderer aus China ab, die Mitte des 19. Jahrhunderts in die amerikanischen Städte strömten. Sie wurden gemeinhin als hässlich und bedrohlich fremd wahrgenommen." Es waren die zum Teil bis in die 1970er-Jahre nicht aufgehobenen ugly laws, die zum Entstehen von Chinesen-Ghettos, den China-Towns, führten.

In den Freak-Shows dagegen konnte man sich gefahrlos und lustvoll dem Abstoßenden und Beängstigenden hingeben. Eine Attraktion, die über Jahre tausende Menschen täglich in Barnums American Museum lockte. So war es auch diese Frühform der Unterhaltungsindustrie, die das Bild des von der Norm abweichenden Körpers bis weit ins 20. Jahrhundert hinein prägte: "Oft ging es in den Inszenierungen um die Überwindung der körperlichen Einschränkungen", sagt Hamscha.

Ein armloser Mann jongliert auf der Bühne mithilfe seiner Beine, ein anderer, dem sämtliche Extremitäten fehlen, rollt sich mit Mund und Nase eine Zigarette und raucht sie zur Belustigung des Publikums. "Dieses Über-sich-Hinauswachsen von Menschen mit Behinderungen wirkt noch heute als Stereotyp in Hollywoodfilmen", so Hamscha. Die Inszenierung des Körpers gab vor, wie diese Menschen in der Öffentlichkeit wahrgenommen wurden: Kleinwüchsige waren niedlich, Afroamerikaner standen dem Affen näher als dem weißen Menschen, andere Behinderungen wurden als abstoßend, Mitleid heischend, sexuell aufgeladen oder alles zusammen in Szene gesetzt.

Konfrontation mit dem "Anderen"

Dass Freak-Shows in den USA innerhalb kurzer Zeit derart populär wurden, erklärt Hamscha unter anderem mit den enormen gesellschaftlichen Umwälzungen Mitte des 19. Jahrhunderts: Durch die großen Migrationswellen traf man vor allem in den Städten verstärkt auf fremde, ungewohnte Formen menschlichen Aussehens und Verhaltens. "In den Freak-Shows konnte man sich durch die Konfrontation mit dem 'Anderen' den damit verbundenen Ängsten aussetzen und sie so eventuell überwinden", vermutet Hamscha.

Natürlich spielten dabei auch sexuelle Aspekte eine wichtige Rolle. Oft wurde mit den Darstellungen die viktorianische Sexualmoral unterlaufen, indem die Inszenierung bewusst sexuelle Fantasien anregte. So stellte man etwa ein siamesisches Zwillingspaar gemeinsam mit seinen Ehepartnern und Kindern aus, um das Kopfkino der Besucher gezielt in Gang zu setzen. "Die Betrachtung des Andersartigen brachte einen Lustgewinn und bestätigte gleichzeitig die eigene 'Normalität'", sagt Hamscha. Da Freak-Shows ein äußerst lukratives Geschäft waren, gab es einen großen Bedarf an Darstellern. Eigene Agenten suchten nach missgebildeten Kindern, die sie ihren meist bettelarmen Eltern abkaufen konnten.

Behinderung pathologisiert

Als der Dracula-Regisseur Tod Browning 1932 seinen Film Freaks präsentierte, in dem sich behinderte Menschen quasi selbst spielten, war der Hype um die Freak-Shows bereits vorbei. Der Film war kein Erfolg und wurde mancherorts gar verboten. "Als Kriegsgegner des NS-Reiches wollte man sich ab den 1940er-Jahren nicht mehr öffentlich an Menschen ergötzen, die in Europa ermordet wurden", so Hamscha. In der Folge wurde Behinderung verstärkt pathologisiert und die Betroffenen in Institutionen abgeschoben. In Europa war das Interesse an "Abnormitätenschauen" bereits abgeflaut, als Massen verstümmelter Soldaten aus den Schützengräben des Ersten Weltkriegs zurückkehrten. Wenig später sorgte das NS-Euthanasieprogramm für das Verschwinden behinderter Menschen aus der Gesellschaft. (Doris Griesser, 25.2.2016)

  • Die Hochzeit des kleinwüchsigen Brautpaares Charles Stratton und Lavinia Warren war 1863  in New York ein gesellschaftliches Spektakel, zu dem sich Menschenmassen drängten.
    foto: picturedesk.com / science photo library

    Die Hochzeit des kleinwüchsigen Brautpaares Charles Stratton und Lavinia Warren war 1863 in New York ein gesellschaftliches Spektakel, zu dem sich Menschenmassen drängten.

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