"Heute" gratis für Flüchtlinge: Wenn Satire nicht erkannt wird

23. Februar 2016, 11:59
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"Tagespresse"-Artikel wird vielfach geteilt, fiktive Kondolenzseite für einen toten Hund ebenso

In ausländerfeindlichen Kreisen wird erneut ein Satirebeitrag der "Tagespresse" für bare Münze genommen. Diese hatte gescherzt, dass Flüchtlinge die Tageszeitung "Heute" kostenlos erhalten würden. Die Pointe daran: "Heute" ist ein Gratisblatt und liegt für alle zur freien Entnahme auf. Mit dem Beitrag spielt die "Tagespresse" gezielt auf die zahlreichen Gerüchte über Begünstigungen für Flüchtlinge an, die in sozialen Netzwerken die Runde machen. Doch der Satire-Artikel entwickelt sich zu einer Selffulfilling Prophecy: Zahlreiche Nutzer ärgern sich über die Meldung und teilen diese auf Facebook.

Wütende Nutzer

"Weil sonst liest ja keiner die Lügen Zeitung", kommentiert etwa ein Nutzer in der xenophoben Gruppe "Asylmissbrauch Stop!". Direkt auf der Facebook-Seite der "Tagespresse" schreibt eine Nutzerin: "Jeder normalo-sterbliche Mensch muss zahlen, warum diese Herrschaften nicht !!!????". Allerdings klären zahlreiche andere die Wutbürger schnell darüber auf, dass es sich um Satire handelt.

Moschee am Karlsplatz

Dabei handelt es sich nicht um das erste Mal, dass Artikel der "Tagespresse" ernst genommen und für ausländerfeindliche Stimmungsmache verwendet werden. Vor einigen Monaten sorgte etwa die "Moschee am Karlsplatz" – gemeint war die Karlskirche – für Aufregung. Doch auch Scherzartikel anderer Medien werden zusehends ernst genommen: FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache glaubte etwa den Aprilscherz der "Presse", die EU plane ein Panierverbot.

Satirische Kondolenzseite

In Deutschland fallen indes hunderte Nutzer auf eine satirische Kondolenzseite herein. Der "Pitbull Odin" war bei Razzien im rechtsextremen Milieu erschossen worden, daraufhin hatten Neonazis sogar Mahnwachen für den Hund organisiert. Darüber macht sich die Facebook-Seite "RIF Odin treue Seele / Wir vergessen nie" lustig. Sie schreibt etwa, dass Odin von "zionistischen Geheimagenten nach Argentinien" entführt worden sei, wo er zu Rumpsteak verarbeitet werden soll. Außerdem sammelt die Seite Spenden, um der neonazistischen Partei "Die Rechte" eine Delfintherapie auf den Malediven zu finanzieren. Mittlerweile gibt es sogar Gegenseiten wie "Gegen den Missbrauch von Odin durch die Antifa", berichtet der "Spiegel".

Unterscheidungen werden ignoriert

"Das Nicht-verstehen-Können hingegen erscheint als eine Mischung aus medienunabhängiger Textinkompetenz und medienspezifischer Unfähigkeit (und Faulheit), gewisse wichtige Unterscheidungen zu treffen: seriöse von unseriösen Quellen, Überschrift von Aussage und Ironie von Ernst", schreibt der Journalist und Autor Friedemann Karig auf "übermedien.de". Facebook soll zeitweise sogar überlegt haben, eine eigene Kennzeichnung für Satiremeldungen einzuführen, da Nutzer die Fake-Nachrichten im Wirrwarr der Facebook-Timeline nicht mehr erkennen.

Fremdenfeinde ausgetrickst

Erst vergangenes Wochenende versuchte ein Facebook-Nutzer, die Mechanismen hinter der Onlineweiterleitung ohne Faktenchecks offenzulegen. Er brachte ein Gerücht in Umlauf, demzufolge Flüchtlinge 200-Euro-Gutscheine für neue Smartphones erhalten würden. Über Nacht wandelte er den vielfach geteilten Beitrag dann in die Meldung "Ich bin ein strohdummer Nazi" um. Er wollte damit aufzeigen, wie viele Nutzer Artikel und Beiträge teilen, ohne sie auch nur oberflächlich zu prüfen. (fsc, 23.2.2016)

  • Trotz intensivem Einsatz von Smileys erkennen viele Nutzer nicht, dass es sich bei einem "Tagespresse"-Beitrag um Satire handelt.
    foto: screenshot

    Trotz intensivem Einsatz von Smileys erkennen viele Nutzer nicht, dass es sich bei einem "Tagespresse"-Beitrag um Satire handelt.

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