Ausreichend Wohnraum für Zuwanderer – wie geht das?

24. Februar 2016, 11:00
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Wir baten Teilnehmer des kommenden STANDARD-Wohnsymposiums vorab um ein paar Gedanken und Ideen

Am Donnerstag findet das 54. STANDARD-Wohnsymposium, gemeinsam mit dem Fachmagazin "Wohnen Plus", statt. Das Thema lautet diesmal "Unterkunft oder Integration – Mehrbedarf an Wohnraum und Herausforderungen für das Zusammenleben".

Wir haben im Vorfeld des Wohnsymposium den bereits angemeldeten Teilnehmerinnen und Teilnehmern die Möglichkeit gegeben, ihre Ideen und Gedanken in ein kurzes Statement zu fassen und an uns zu senden. Im Folgenden einige Antworten auf die Frage "Was kann man in Österreich tun, um ausreichend Wohnraum für Zuwanderer bereitzustellen?".

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Man muss bei drei Punkten ansetzen. Erstens Intensivierung der Leerstandsaktivierung in österreichischen Gemeinden; nicht nur Privatquartiere, sondern auch alte Genossenschaftswohnungen (wie zum Beispiel in Eisenerz bereits geschehen). Hier wäre eine gemeinsame Anstrengung aller österreichischen gemeinnützigen Bauvereinigungen wünschenswert. Derzeit gibt es einige "proaktive" wie die Vogewosi, die Wohnbaugruppe Ennstal oder die Salzburg Wohnbau, die leerstehende Wohnungen an NGOs wie zum Beispiel Jugend am Werk vermieten, welche dann Flüchtlinge dort unterbringen und betreuen. Daran sollten sich noch viel mehr gemeinnützige Unternehmen ein Beispiel nehmen.
Zweitens braucht es nachhaltige und qualitätsvolle Fertighauslösungen, die auch Wohnraum für einkommensschwache österreichische Bevölkerungsgruppen bieten, nach dem Vorbild von "Transfer Wohnraum Vorarlberg" – unter Berücksichtigung baukultureller und raumplanerischer Überlegungen.
Und drittens die Unterstützung der Gemeinden bei der Leerstandsaktivierung und auch bei der Suche nach geeigneten Grundstücken für Fertighauslösungen. Beratung in Baurechtsfragen sowie hinsichtlich Finanzierungsmöglichkeiten und individuellen, auf die Bedürfnisse und Potenziale der jeweiligen Gemeinde/Region zugeschnittenen Bauabwicklungen.
Barbara Ruhsmann, Obfrau des Vereins Forum Wohn-Bau-Politik

Im Bereich der Arbeitslosigkeit hat es sich bewährt, Arbeitslose mit Unterstützung und Begleitung von sozialen Einrichtungen aus dem "Zweiten Arbeitsmarkt" wieder Schritt für Schritt in den "Ersten Arbeitsmarkt" zu integrieren. Und genau so sollte es auch im Bereich des Wohnungsmarkts sein: Wir Gemeinnützige sollten uns in erster Linie um anerkannte Flüchtlinge kümmern, für diese rund 30.000 Menschen in Österreich braucht es in den nächsten Monaten und Jahren entsprechenden Wohnraum. Dabei wird das Modell "Wohnen auf Zeit" (Zweiter Wohnungsmarkt) ein wichtiger Lösungsansatz sein: Wohnungen mit etwas geringeren Standards, zu günstigen Konditionen und in Lagen, die für "Wohnen auf Dauer" (Erster Wohnungsmarkt) nicht umsetzbar sind.
Wer immer "Wohnen auf Zeit" nutzt, braucht aber auch eine soziale Begleitung und Unterstützung. Deshalb sollten die Einheiten "Wohnen auf Zeit" ausschließlich an soziale Einrichtungen vermietet werden (Zweiter Wohnungsmarkt), diese sollen die Bewohner begleiten (Sprache lernen, Arbeitsplatzsuche, Ausbildung begleiten und so weiter) und Schritt für Schritt in den "Ersten Wohnungsmarkt" integrieren.
Christian Struber, Geschäftsführer der Salzburg Wohnbau und Obmann der Arge Eigenheim

Endlich einen Prozess mit Experten des Wohnbaus, der Architektur, der Raumplanung, der Universitäten, aber auch mit Einbeziehung der "neuen" Bewohner starten, um nach einer intensiven Denkphase, einem gemeinsamen Planungsprozess unterschiedliche Wohnmöglichkeiten – am besten in kleinen Einheiten – zu schaffen. Anschließend von Bund und Ländern geförderte Pilotprojekte in einfacher Bauweise in den Gemeinden umsetzen und dabei immer an eine Durchmischung der hiesigen Bevölkerung und der "neuen" Bewohner denken. Die Konkurrenz zwischen den "hiesigen" und den "neuen" Bewohnern sollte in konstruktiver und offener Art und Weise mitdiskutiert werden. Durch Mitplanungs- und Mitbaumöglichkeiten könnten auch die zur "Arbeitslosigkeit" gezwungenen Menschen einer sinnvollen Beschäftigung nachgehen.
Bei jedem (geförderten) Wohnbauvorhaben in Österreich sollte ein gewisser Anteil an Wohnräumen für Zuwanderer mitgeplant, -gebaut werden. Diese können auch temporär zur Verfügung gestellt werden – sogenannte Gästehäuser beziehungsweise Gästeräume, die genauso von Touristen, kurzfristig Wohnungssuchenden, den "neuen Nomaden" genutzt werden könnten. Utopie oder doch machbar? Es ist machbar, wenn der politische Wille vorhanden ist.
Uli Böker, ehemalige Bürgermeisterin von Ottensheim, Abgeordnete der Grünen im oberösterreichischen Landtag

Es braucht unterschiedliche Maßnahmen für die drei Phasen Asylwerber, asylberechtigt und Integriert/Arbeitsplatz vorhanden.
Ad 1: Nicht Aufgabe des Wohnbausektors, allenfalls nachhaltig leerstehende Gebäude anbieten.
Ad 2: Hier braucht es behutsame "normale" Wohnversorgung, am besten geregelt über Vermieterplattformen (Caritas, Diakonie, Volkshilfe et cetera).
Ad 3: Mehr Wohnraum allgemein schaffen, Fördermittel? Oder übergreifend SOS-Flüchtlingsdörfer.
Wolfgang Schön, Geschäftsführer WAG Wohnungsanlagen GesmbH

Grundsätzlich ist festzuhalten, dass der benötigte Wohnraum durch Neuerrichtungen abzudecken ist, sofern bestehende Wohnräume nicht ausreichend vorhanden sind. In diesem Zusammenhang neu errichtete Wohnbauten sollen ausschließlich von Gemeinnützigen Wohnbauträgern gebaut werden, damit nicht Privatpersonen oder Firmen durch den Erhalt von öffentlichen Fördergeldern außerordentlich große Gewinne erzielen können und so von der Krisensituation profitieren.
Es gibt in Österreich sehr viele Menschen, die aufgrund ihrer Einkommenssituation oder privaten Umstände (familiär oder gesundheitlich) Wohnraum zu günstigen Konditionen benötigen; es ist davon auszugehen, dass sich diese Bürger gegen die Idee, dass von Gemeinnützigen Wohnbauträgern für Zuwanderer leistbarer Wohnraum geschaffen wird, stellen.
Günther Kostan, Kärntner Landesobmann des Verbands Gemeinnütziger Bauvereinigungen

Die einleitende Frage – "Was kann man in Österreich tun, um ausreichend Wohnraum für Zuwanderer bereitzustellen?" – suggeriert bereits, dass das gegenwärtige Zuwanderungsaufkommen auf dem Wohnungsmarkt bewältigt werden könnte. Dauerhaft kann das nicht der Fall sein.
Das Wohnbaupaket der Bundesregierung droht angesichts der Migrantenströme marginalisiert zu werden. Der Zuwachs an zukünftigen Wohnungssuchenden übersteigt schon jetzt den Wohnraum, der durch das Paket insgesamt zusätzlich geschaffen werden soll. Ganz abgesehen von berechtigten fachlichen Einwänden im Zusammenhang mit der technischen Ausgestaltung der Wohnbauoffensive.
Das Interesse der Politik sollte in der Schaffung leistbaren Wohnraums für die einheimische Bevölkerung bestehen. Weitere Vertröstungen durch SPÖ und ÖVP anstatt langersehnter Entlastungen sind unseren Familien, Senioren und unserer Jugend nicht mehr zumutbar. Im Bereich der Zuwanderer sollte die geförderte Wohnung – als wohl eine der aufwendigsten Sozialleistungen – am Ende gelungener Integration stehen und nicht als Willkommensgeschenk schon nach kürzester Zeit zugänglich sein.
Philipp Schrangl, FPÖ-Nationalratsabgeordneter und -Bautensprecher

Wir hier in Perchtoldsdorf ringen als rein private Initiative seit einem Jahr um privaten Wohnraum in kleinen Einheiten – derzeit haben wir 114 geflüchtete Menschen in 32 Wohneinheiten untergebracht und begleiten sie (die Vermieter, die ehrenamtlichen Mitarbeiter wie Deutschlehrer und Familienbegleiter und die Geflüchteten) hochprofessionell ausnahmslos ehrenamtlich.
Bei uns im Ort wäre das Feld wunderbar aufbereitet für eine größere Holzbaumöglichkeit mit bis zu 50 geflüchteten Bewohnern. Aber: Es gibt leider kein Gemeindegrundstück dafür. Das ist sehr traurig, erstens für die Menschen, die es dringend bräuchten, zweitens für die Gemeinde, dass sie keine bessere Lösung als nämlich genau nichts anzubieten hat, und drittens für uns als Flüchtlingsnetzwerk Perchtoldsdorf, da es für uns demotivierend wirkt, weil es ebendiese notwendige gemeinsame Anstrengung auf allen Ebenen vermissen lässt.
Inge Schedler, Flüchtlingsnetzwerk Perchtoldsdorf

Leistbarer Wohnraum ist ein wichtiger Schlüssel zur Armutsbekämpfung und Inklusion von Personen in die Gesellschaft, unabhängig von ihrer Migrationserfahrung. Der zweite wichtige Schlüssel ist die Integration in den Arbeitsmarkt und die Perspektive einer kontinuierlichen Erwerbstätigkeit. Wir schlagen vor, beides zu verbinden, indem man Mindestsicherungsbezieher an der Errichtung von Wohnraum beteiligt und Mitbeteiligungs- und Mitarbeitsmodelle geschaffen werden.
Arno Nowak, Fachbereichsleiter bei Itworks Personalservice

  • Der Mehrbedarf an Wohnraum wegen des Zuzugs von Flüchtlingen und Migranten stellt auch den Wohnbau vor Herausforderungen.
    foto: apa/dpa/julian stratenschulte

    Der Mehrbedarf an Wohnraum wegen des Zuzugs von Flüchtlingen und Migranten stellt auch den Wohnbau vor Herausforderungen.

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