Abriss in Linz: Brücke der späten Liebe

Kommentar23. Februar 2016, 12:30
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"Brückenkuschler" blenden Realität aus: Eine Sanierung wäre zu teuer gewesen

Die Nostalgie hängt dieser Tage schwer über der Stahlstadt. Je näher der Termin des Abrisses der Linzer Eisenbahnbrücke rückt, umso skurriler wird das Treiben, etwa mit einem großen Trauermarsch rund um die marode Donauquerung. Ja, liebe Brückenkuschler, wir reden von einer 114 Jahre alten Stahlbrücke, auf der – von mehreren Gutachten bescheinigt – der Rost gesiegt hat, womit eine Sanierung letztlich extrem teuer und unverantwortlich gewesen.

Diese Realität wird von den selbsternannten Brückenrettern gerne ausgeblendet. Da flüchtet man sich lieber in eine liebevoll konstruierte Scheinwelt, in der die Eisenbahnbrücke zum Linzer Wahrzeichen schlechthin hochstilisiert wird – zum "liegenden Eiffelturm" oder zur "Alten Dame". Kein Linzer hat diese Kosenamen je verwendet, aber am Sterbebett muss die Theatralik stimmen.

Außer Frage steht jedoch, dass der markante stählerne Riese das Linzer Stadtbild geprägt hat. Außer Frage steht auch, dass in der Vergangenheit Fehler passiert sind. Jahrzehntelang hat man ignoriert, dass die alte Brücke den heutigen Verkehrsbelastungen nicht mehr standhält – und sich Streusalz nicht zwingend positiv auf ein Stahlbauwerk auswirkt. Doch wo waren all die Denkmalschützer, Architekten, Künstler und sonstigen Brückenretter, die jetzt so laut aufschreien, damals? Manchmal entdeckt man die Liebe eben erst, wenn es schon zu spät ist. (Markus Rohrhofer, 23.2.2016)

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