Mit dem Muffin in der Faust

22. Februar 2016, 16:30
posten

Im Stück "Krieg – Stell dir vor, er wäre hier" ist die demokratische EU gescheitert – und Europäer fliehen in den Nahen Osten

Bregenz – Die Welt, die Janne Teller 2011 im Jugendbuch Krieg – Stell dir vor, er wäre hier beschrieb, hat viel gemein mit der aktuellen. In Holger Schobers Inszenierung der Bühnenfassung im Vorarlberger Landestheater ist der Globus so fragil wie jener von Chaplins großem Diktator: ein ozeanblauer Ballon. Yannick Zürcher atmet Helium ein, und schon verkündet er mit Micky-Maus-Stimme Klischees über Flüchtlinge.

Die süffisanten Fragen und plumpen Unterstellungen stammen allerdings nicht von hiesigen Stammtischen oder aus Boulevardblättern, sondern aus der arabischen Welt. Und misstraut wird den aus Europa Anreisenden – jenen, die aus dem zerbombten postdemokratischen Post-EU-Europa wegwollen.

Akkordeon-Alarmsignal

Zürcher spielt Ziehharmonika. Zu Beginn ertönen die Klänge noch munter, nach fünf Jahren im Zeltlager übt der Gestrandete die vertraute Nummer, und Anlauf um Anlauf misslingt. Schließlich klafft das Akkordeon auseinander, ein langgezogener Einzelton steht wie ein Alarmsignal. Mit Luft allein geht es weiter: Das Auseinanderziehen und Zusammenschieben hört sich an wie das schwere Schnaufen unter der Gasmaske, die der Darsteller anfangs und am Ende wieder trägt.

Nationalismen ließen Europa scheitern; die Dramaturgie von Ludwig zur Hörst lässt im Dreiländereck die genaue Herkunft des Sprechers offen. Früher hat er am See Eis gegessen, ein Schweizer Akzent schwingt mit, wenn er vom Rot der Gletscher singt. Die Fluchtroute Richtung Ukraine führt zuerst über Bayern. Harte Jahre später drückt der junge Mann orientalische Skalen aus seiner Handorgel.

Der Akademikersohn ist Kuchenverkäufer. Mit dem Muffin in der Faust veranschaulicht Yannick Zürcher Frust und lauernde Aggression wie zuvor mit rhythmischem Pumpern eines Tennisballes gegen die Wand. Eine sehenswerte Produktion, nicht nur für Jugendliche. (Petra Nachbaur, 22.2.2016)

Vorarlberger Landestheater, Bregenz, bis 2. 3.

  • Mit Micky-Maus-Stimme verkündet Yannick Zürcher Klischees über Flüchtlinge – aus Europa.
    foto: anja köhler

    Mit Micky-Maus-Stimme verkündet Yannick Zürcher Klischees über Flüchtlinge – aus Europa.


Share if you care.