Algorithmen der Puppenspieler

21. Februar 2016, 20:13
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Laurent Chétouane im Tanzquartier Wien

Wien – Diese Diskussion wird immer heißer: Wer ist unter welchen Umständen eine Marionette – und wessen oder wovon? Choreograf Laurent Chétouane hat Heinrich von Kleists erzählerischen Essay Über das Marionettentheater neu gelesen und an seiner neuen Choreografie Considering/Accumulations ausprobiert, die im Tanzquartier Wien zu sehen war.

Was Kleist im Advent 1810 in den Berliner Abendblättern als vierteiligen Fortsetzungstext schenkte, hat mit der "Grazie" des Tanzes von an Fäden hängenden Gliederpuppen zu tun. Und mit dem "Maschinisten", der diese "regiert". Chétouane lässt eine Frau und einen Mann (Senem Gökce Ogultekin und Mikael Marklund) zur von Mathias Halvorsen live am Stutzflügel gespielten Musik so unterschiedlicher Komponisten wie Johann Sebastian Bach, Felix Mendelssohn Bartholdy, Beat Furrer, Anton Webern und Charles Ives tanzen. Dazwischen werden Kleists Worte von der Stimme des Schauspielers Johann Jürgens übertragen.

Nicht nur ihr Männerüberhang hält diese Arbeit im Zustand des Taumelns. Auch in der Choreografie steht das Aufrechte des tanzenden Körpers ständig zur Disposition. Das gehört zu Chétouanes Plan. Ogultekin und Marklund drehen sich in spiralisierenden Wegen durch den nur schwach weiß, gelb und blau ausgeleuchteten Bühnenraum. Jürgens' Stimme bleibt stets sanft.

Doch die Musik reißt in die Anmut der Szene immer wieder Löcher, auf die Stefan Riccius' Lichtdramaturgie reagiert. Rissig wird, was sich im Stück zeigt, auch bei der zeitgenössischen Lektüre des Marionettentheater-Texts. Darin gibt es eine mathematische Erklärung des Verhältnisses zwischen den Bewegungen der Puppen und jenen der Finger des Spielers. Weiters die Feststellung, dass kein lebendiger Körper die Qualitäten eines Gliedertänzers erreichen kann. Zudem würden sich Puppen im Gegensatz zu Tänzern niemals "zieren", also sträuben.

Kleists Text, das Licht und die Musik lenken den Blick des Publikums durch die Linse des Tanzes auf die Aktualität des Stücks: die "Grazie" von Menschen, wenn sie unter den Algorithmen schreibenden Fingern ihrer Strippenzieher tanzen. (Helmut Ploebst, 21.2.2016)

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