Berlinale-Gewinner Rosi: Ein Aufrüttler, der keine Lösungen hat

Kopf des Tages21. Februar 2016, 18:41
3 Postings

Der Italiener Gianfranco Rosi gewann den Goldenen Bären

Auf den Wettbewerben internationaler Großfestivals wie Cannes, Berlin und Venedig gehört der Dokumentarfilm immer noch zur Minderheit, dabei ist er so alt wie das Kino selbst. Dem Italiener Gianfranco Rosi ist es nun als Erstem seiner Zunft gelungen, gleich zwei dieser Festivals als Gewinner zu verlassen. Nach dem Goldenen Löwen von Venedig im Jahr 2013 für Sacro GRA, einen Film über Menschen, die entlang des römischen Autobahnrings leben, hat er nun mit Fuocoammare in Berlin den Goldenen Bären gewonnen.

Fuocoammare ist das, was man einen Film der Stunde nennt, weil er sich mit den Widersprüchen der Insel Lampedusa befasst und damit mit dem Flüchtlingsproblem Europas. Keine andere Arbeit im Wettbewerb dieses Jahrgangs hatte diese Aktualität. Als man in einer späten Szene sieht, wie aus Booten mehrere Leichen geborgen werden, konnte man spüren, wie es im Berlinale-Palast unruhig wurde. Ist so ein Bild überhaupt zulässig? "Der Tod kam ja zu mir. Ich wollte bei der Rettung einiger Flüchtlinge dabei sein", sagte Rosi dazu in Berlin.

Die Flüchtlingskatastrophe bezeichnete der Filmemacher als größte des Kontinents nach dem Holocaust. Obwohl sich der 1966 in Asmara, Eritrea, geborene Filmemacher aufs Beobachten verlegt, will er seinen Film als eine dezidiert politische Arbeit verstanden wissen. Er biete keine Lösungen an, versuche aber zu Verantwortung aufzurufen.

In einem Interview mit Corriere della Sera kritisierte Rosi auch den Wandel der österreichischen Politik: "Das, was an der österreichischen Grenze geschieht, ist eine Schande. Österreich verschließt sich, und das ist kein großes Beispiel." Italien, auch das will er mit Fuocoammare transportieren, habe das Problem lange ohne Fremdhilfe meistern müssen.

Als Regisseur interessiert Rosi das eigene Land noch nicht so lang. Mit 13 Jahren kam er von Eritrea nach Rom, sein Studium absolvierte er jedoch an der Tisch School der New York University. Dort drehte er mit Boatman auch seinen Abschlussfilm über einen Fährmann am Ganges. Rosis Talent ist das Porträtieren von Außenseitern in geschlossenen Zirkeln: In Below Sea Level besuchte er eine Trailer-Siedlung von Aussteigern in der Wüste um Los Angeles. Seine Dokumentarfilme sind reich an Erzählungen, weil sie reich an schillernden Menschen sind – vielleicht macht sie genau das auch auf spielfilmorientierten Festivals so erfolgreich. (Dominik Kamalzadeh, 21.2.2016)

  • Gianfranco Rosi gewann bei der Berlinale für Fuocoammare den Goldenen Bären.
    foto: afp

    Gianfranco Rosi gewann bei der Berlinale für Fuocoammare den Goldenen Bären.

Share if you care.