"Djokovic hat viele schlechte Tage"

Interview23. Februar 2016, 07:46
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Gebhard Gritsch aus Tirol betreut seit 2009 den besten Tennisspieler der Welt, Novak Djokovic. Als "Performance-Manager" habe er den Überblick , er hinterfrage alles, jede Aktion

STANDARD: Sie wurden und werden als Fitnesstrainer, als Konditionstrainer, als Guru von Novak Djokovic bezeichnet. Wie bezeichnen Sie Ihren Job selbst?

Gritsch: Ich seh mich als einen von Novaks Coaches. Natürlich habe ich einen anderen Background als Boris Becker oder Marian Vajda. Ich komme mehr aus der intellektuellen und sportwissenschaftlichen Ecke. Ich habe den Vorteil, dass ich den Sport in seiner Gesamtheit verstehe. Mir ist es wichtig, alle Bereiche abzudecken.

STANDARD: Dem wird Guru am ehesten gerecht.

Gritsch: Ich würde mich einen Performance-Manager nennen. Wahrscheinlich ist es kein Zufall, dass es dafür kein deutsches Wort gibt. Der Performance-Manager hält alles zusammen, er hat den Überblick, er hinterfragt alles, jede Aktion. Was bewirkt sie? Wird das Boot schneller oder nicht? Wie finde ich die richtige Balance zwischen Training, Persönlichkeitsentwicklung und Familienleben?

STANDARD: Welche Rolle spielt dabei die Ruhe, die Regeneration?

Gritsch: Erholung ist ein wichtiger Bestandteil. Wenn Novak einmal müde daherkommt, sage ich ihm: ,Ich trainiere dich nicht, ich trainiere keine müden Leute, das bringt nichts.'

STANDARD: Kommt Djokovic oft müde daher?

Gritsch: Natürlich nicht. Er ist ein extremer Perfektionist. Er weiß, worauf es ankommt. Im Tennis geht es um Präzision, also muss ich die Feinkoordination dorthin bringen, wo sie sein soll. Jedes Turnier, jeder Platz ist anders. Die Luftfeuchtigkeit ist anders, die Bälle sind anders. Als Zuschauer sieht man nur das Endprodukt. Aber man hat keine Ahnung, wie viel Arbeit dahintersteckt.

STANDARD: Sind heutzutage nicht fast alle Spitzenspieler körperlich auf einem Topniveau? Lässt sich in diesem Bereich wirklich noch Entscheidendes herausholen?

Gritsch: Das geht immer, weil auch Nuancen entscheidend sein können. Und weil die Zeit ein limitierender Faktor ist. Spitzenspieler und ihre Trainer stehen immer unter Zeitdruck. Es geht um Ausdauer, Schnellkraft, Reaktionsfähigkeit, alles muss passen. Ziel ist es, dass der Spieler immer in der optimalen Position ist, um den Ball zu schlagen.

STANDARD: Bei Thomas Muster hieß es, er sei den meisten Gegnern körperlich weit überlegen. Eine andere Zeit?

Gritsch: Eine ganz andere Zeit. Natürlich hat Muster aus seinen körperlichen Vorteilen das Optimum herausgeholt. Er hat ein sehr einfaches, gescheites System gespielt. Er hat nicht beim zweiten Ball versucht, einen Winner zu schlagen, er hat die Leute zermürbt, fertiggemacht.

STANDARD: Sie betreuen Djokovic seit 2009. Da hatte er erst einen seiner elf Grand-Slam-Titel geholt. 2011 war er erstmals Weltranglistenerster, aktuell ist er es seit Juli 2014. Wie hat sich Djokovic in diesen sechs Jahren entwickelt?

Gritsch: Wenn ich den Djokovic von heute vergleiche mit dem Djokovic von 2009, dann ist das ein Riesenunterschied. Er hat sich ständig verbessert, vor allem seine koordinativen Fähigkeiten, seine Laufbewegungen. Sein bestes Spiel ist jetzt bei weitem besser als vor fünf, sechs Jahren.

STANDARD: Oft liest man von der "Maschine Djokovic". Nicken Sie da, oder schütteln Sie den Kopf?

Gritsch: Ich schüttle heftig den Kopf. Es gibt keine menschlichen Maschinen. Auch Spitzensportler sind Menschen, haben mit familiären und anderen Problemen zu kämpfen, auch Spitzensportler haben schlechte Tage.

STANDARD: Novak Djokovic hat schlechte Tage?

Gritsch: Ich sehe, er hat viele schlechte Tage. Okay, das sind meistens nicht komplett schlechte Tage. Aber auch er steigt manchmal mit dem falschen Fuß aus dem Bett. Wenn ich das merke, schrillen die Alarmglocken. Dann ist der Performance-Manager besonders gefragt.

STANDARD: Ist Djokovic, wenn er sein bestes Tennis spielt, derzeit zu schlagen?

Gritsch: Wenn er richtig gut drauf ist, ist er nicht zu schlagen.

STANDARD: Auch auf Sand nicht?

Gritsch: Auch auf Sand nicht.

STANDARD: Allein der Sieg bei den French Open fehlt in seiner Grand-Slam-Titelsammlung. Wie wichtig ist Paris für ihn, wie sieht generell die Saisonplanung aus?

Gritsch: Das Jahr 2015 ist so gut gelaufen, wir können nicht wirklich planen, das zu verbessern. Wir wollen weiter g'scheit arbeiten, die Form erhalten, wieder eine Supersaison hinkriegen.

STANDARD: Verändern die Olympischen Spiele die Planungen? Da kommt ja ein Riesenevent dazu.

Gritsch: Olympia verändert nicht wirklich viel. Jedes Turnier mehr ist eine Belastung. Man wird halt dafür das eine oder andere Turnier auslassen. Das größere Problem ist der Daviscup, weil die Termine oft wirklich schlecht angesetzt sind.

STANDARD: Kommt infrage, Olympia oder Daviscup auszulassen?

Gritsch: Nein. Das hat viel mit der Herkunft zu tun. Für einen Serben sind Olympia und der Daviscup wichtiger als für einen Deutschen oder Österreicher.

STANDARD: Wie genau verfolgen Sie die Karriere von Dominic Thiem?

Gritsch: Ich bekomme mit, dass er vieles richtig macht. Ich weiß, dass sich jetzt Alex Stober speziell um Dominic kümmert, und Alex ist einer der besten Physios, die es gibt. Ein guter Physio ist unbezahlbar. Er bringt den Spieler jeden Tag in die Verfassung, dass dem das Training etwas bringt.

STANDARD: Schlagen Spitzenspieler ab und zu auch über die Stränge? Sollen sie das sogar? Kann ein Djokovic außer Kontrolle geraten?

Gritsch: Wenn man ausbalanciert lebt, ist das unwichtig. Isst er ein Stück Schokolade, hat Novak schon über die Stränge geschlagen. Er liebt den Sport, ist fanatisch. Es gibt ihm eine unheimliche Befriedigung zu gewinnen.

STANDARD: Sind Sie selbst ein ähnlicher Fanatiker und Perfektionist?

Gritsch: Bis zu einem gewissen Grad bin ich auch so ein Typ. (Fritz Neumann, 23.2.2016)

Gebhard Gritsch (59) aus Silz in Tirol studierte Sportwissenschaften und -management in Innsbruck und Wien. Spielte Tennis (Landesliga), war Coach in der Südstadt und für die Fed-Cup-Teams der Philippinen und Indonesiens tätig. Dockte dann an der Academy of Sports in Neuseeland an. Ist mit der Neuseeländerin Elizabeth verheiratet, sie haben zwei erwachsene Töchter. Gritsch kam 2009 auf Empfehlung Günter Bresniks ins Djokovic-Trainerteam, dem auch der Deutsche Boris Becker und der Slowake Marian Vajda angehören. Djokovic, überlegen Nummer eins, hat 61 Turniere gewonnen, darunter elf Grand-Slam-Titel (sechs in Australien, zuletzt heuer, drei in Wimbledon, zwei in New York).

  • Laut Gebhard Gritsch ist Djokovic, so der sein bestes Tennis spielt, unschlagbar. "Wenn ich den Djokovic von heute vergleiche mit dem Djokovic von 2009, ist das ein Riesenunterschied", sagt der Tiroler.
    foto: gepa/hauer

    Laut Gebhard Gritsch ist Djokovic, so der sein bestes Tennis spielt, unschlagbar. "Wenn ich den Djokovic von heute vergleiche mit dem Djokovic von 2009, ist das ein Riesenunterschied", sagt der Tiroler.

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