Julya Rabinowich: Ferdinand von Schirachs Weitsicht

Kolumne20. Februar 2016, 14:00
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Das Stück "Terror" trifft zielsicher in die eigenen Todesängste und Sicherheitsbedürfnisse und zwingt, die eigene Position zu überdenken

Von Schirachs Theaterstück Terror passt schmerzlich gut hinein in eine Zeit, in der Vorverurteilungen ganzer Bevölkerungsgruppen überhandnehmen, andererseits auch eine reale Bedrohung durch in der Flüchtlingsmenge untergetauchte Attentäter gegeben ist.

In eine Zeit, in der gern und unkonstruktiv geschrieen wird, statt nach Lösungen zu suchen und die Politik auf diese Schreie hört. Unterwandern des Rechtsstaates als solches birgt eine noch größere Gefahr für unser Demokratieverständnis als die Attentäter im Schatten.

Von Schirach greift diese Idee auf, er lässt den Zuschauer in jenen Konflikt eintauchen, der sich zwischen Selbstschutz und Rechtmäßigkeit abspielt, dieses Abwägen des kleineren Übels, das bei Änderung des Blickwinkels schnell zum größeren Übel mutiert.

Ein Attentäter hat eine Lufthansamaschine in seine Gewalt gebracht. Kurz bevor sie in ein vollbesetztes Stadion stürzt, wird sie von einem Abfangjäger abgeschossen. Alle Menschen an Bord sterben. Das Publikum soll nun über Schuld oder Unschuld des Piloten entscheiden.

Es folgt eine sachliche Schilderung jener Abgründe, die sich erst im Aufrollen der Folgen dieses Übergriffes öffnen.

Anfangs scheint die Sache klar. Die Unantastbarkeit der menschlichen Würde, geschützt einzig und allein durch das Gesetz und damit durch den Rechtsstaat, der in einem solchen Fall keinen Abschuss erlaubt und der über jeder emotionalen Entscheidung steht, ist das eine Plädoyer.

Das andere Plädoyer ist das Opfern Weniger gegen die Rettung der Vielen. Ist Lars Koch nun Held oder arroganter Mörder? Die Brisanz dieser Antwort zwingt die Zuschauer gut sichtbar zu einer klaren Antwort.

Das Stück trifft zielsicher in die eigenen Todesängste und Sicherheitsbedürfnisse und zwingt, die eigene Position zu überdenken.

Argumentieren lassen sich sowohl ein Freispruch als auch eine Verurteilung, sie lassen sich sogar brillant argumentieren – aber lassen sie sich auch moralisch verkraften?

Das Stück hat leider nichts an Brisanz verloren, im Gegenteil, die politische Realität wächst an dieses Stück erst heran.

(20.2.2016)

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