Luftangriff: Noch setzen die USA in Libyen auf Eindämmung

Analyse20. Februar 2016, 09:00
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Amerikanischer Militärschlag gegen Treffen von Mitgliedern des "Islamischen Staats" in Sabratha

Tripolis/Wien – Ein US-Militärschlag in Libyen von solcher Wucht wie jener am Freitag früh in Sabratha wirft die Frage auf, ob es sich dabei um den Auftakt zu einer größeren amerikanischen Intervention, über die vermehrt spekuliert wird und an der sich wahrscheinlich auch europäische Nato-Staaten beteiligen würden, handeln könnte. Im Viertel Qasr Talil wurde gezielt ein Gebäude bombardiert und getroffen, darin starben laut libyschen Angaben mehr als vierzig Menschen, offenbar bei einem Treffen von Militanten des "Islamischen Staats".

Konkretes Ziel soll der Tunesier Noureddine Chouchane gewesen sein, der mutmaßlich an den Großattentaten gegen Touristen in Tunesien – im März 2015 im Bardo-Nationalmuseum in Tunis und im Juni am Strand von Sousse – beteiligt war. Bereits im November töteten die USA bei Derna mit einem gezielten Luftschlag den aus dem Irak stammenden IS-Kämpfer Abu Nabil, der in einem Video aus dem Februar 2015 zu sehen sein soll, das die Ermordung von 21 ägyptischen Kopten an einem libyschen Strand zeigt.

Das heißt, der Militärschlag von Freitag ist weiter im Rahmen der bisherigen Eindämmungsstrategie der USA in Libyen zu sehen, sagt der österreichische Sicherheitsanalyst Wolfgang Pusztai, ein Experte besonders für Nordafrika, zum STANDARD. Allerdings gibt es seiner Analyse nach eine "rote Linie" westlich von Marsa al-Brega und Ajdabiya. Wenn der IS diese überschreitet und sich damit den Weg Richtung Bengasi öffnet, dann würden wohl größere internationale Luftschläge folgen.

Warten auf Einheitsregierung

Und das auch ohne Einladung einer libyschen Regierung: Zurzeit beraten die Mitglieder des Parlaments in Tobruk – das Gegenparlament sitzt in Tripolis –, ob sie der unter Uno-Vermittlung erarbeiteten Ministerliste für eine Einheitsregierung zustimmen. Diese Entscheidung werden die USA und ihre potenziellen Alliierten (Frankreich, Großbritannien, vielleicht Italien) abwarten, um einen legitimierten libyschen Partner zu bekommen.

Der US-Luftschlag von Freitag kann aber auch als Hinweis an Tobruk gedacht sein, dass man, wenn man es für nötig erachtet, so oder so aktiv werden wird. Experten wie Pusztai rechnen aber ohnehin eher damit, dass Tobruk, das eine erste Ministerliste schon abgelehnt hat, nun zustimmt – alleine schon, weil dann das Waffenembargo gegen Libyen aufgehoben werden könnte.

Die Regierung im Osten mit ihrem Militärchef General Khalifa Haftar weiß, dass sie den IS ohne Hilfe von außen nicht aufhalten kann. Jede Verstärkung, die Haftar an die Front gegen den IS in den Westen schickt, geht ihm personell im Osten ab, wo andere islamistische Gruppen, etwa die Ansar al-Sharia, davon profitieren.

Die USA und Großbritannien, aber auch Frankreich sollen in Libyen bereits Spezialkommandos am Boden haben. Eine Rolle bei zukünftigen Operationen könnte auch die ägyptische Luftwaffe spielen. Ägypten hat ein vitales Interesse daran, die Ausbreitung des IS an seiner Westgrenze zu verhindern. Neben Kairo unterstützt Moskau die Regierung in Tobruk.

Glaubt man US-Medienberichte, so drängen US-Militärs auf eine größere Intervention, aber Präsident Barack Obama zögert. Dass der IS auf eine große Militärkampagne reagieren wird, indem er gegen westliche Ziele – beziehungsweise westliche Bürger – vorgeht, ist zu erwarten und auch als Reaktion auf den Angriff von Freitag nicht auszuschließen.

Entführung jährt sich

In der Hand des IS in Libyen dürfte sich nach wie vor Dalibor S. befinden, der gemeinsam mit acht weiteren aus verschiedenen Staaten stammenden Mitarbeitern eines maltesisch-österreichischen Unternehmens am 6. März 2015 – also vor beinahe einem Jahr – vom Al-Ghani-Ölfeld in Zentrallibyen entführt wurde. Zwei Männer aus Bangladesch und ein Ghanaer wurden später freigelassen. Dem Oberösterreicher werden weiter gute Chancen gegeben, mehr als Entführten aus Ländern, die keine Lösegelder zahlen. (Gudrun Harrer, 20.2.2016)

  • Der US-Luftangriff hinterließ diesen Krater
    foto: foto: reuters/sabratha municipality media office

    Der US-Luftangriff hinterließ diesen Krater

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