Ökologin: "Bio könnte die Welt zweimal ernähren"

Interview20. Februar 2016, 17:00
336 Postings

Genmanipulierte Pflanzen sind nicht per se gefährlich, aber ihre kommerzielle Nutzung, sagt Vandana Shiva. Die Industrie diktiere den Behörden, welche Sorten angebaut werden dürfen

STANDARD: Sie beschäftigen sich seit drei Jahrzehnten mit den Folgen der modernen Landwirtschaft. Was haben Sie herausgefunden?

Shiva: Das dominante ökonomische Modell basiert auf falschen Annahmen. In der Flüchtlingskrise zeigen sich die Konsequenzen. Wir diskutieren darüber, ob Europa auseinanderbricht, weil der Nahe Osten auseinanderbricht. Und warum? Weil er das falsche ökonomische Modell übernommen hat. Speziell das landwirtschaftliche, das zur Verwüstung des Bodens und zur Entwurzelung der Bauern führt. Das ist in Indien passiert und genauso in Syrien kurz vor Ausbruch des Krieges.

STANDARD: Was sind das für falsche Annahmen, auf denen die heutige Landwirtschaft basiert?

Shiva: Die Unternehmen, die von der industriellen Landwirtschaft profitieren, sagen, Pflanzenschutzmittel ernährten die Welt, Kunstdünger ernähre die Welt, genmanipulierte Organismen ernährten die Welt. In Wahrheit zerstört die Chemie den Boden. Die Konzerne nehmen an, dass die Erde ein leeres Gefäß ist, in das man einfach immer mehr Stickstoff kippt. Doch dadurch verringert sich die Kapazität zur Wasseraufnahme, die Böden sind anfälliger für Trockenheit.

STANDARD: Aber haben nicht erst die Technologien vielen hungernden Menschen Nahrung gegeben?

Shiva: Die Annahme in den 1980er-Jahren war einmal: Die "Grüne Revolution" ernährt Indien. Mittlerweile ist längst klar, dass nur mehr Reis und Weizen geerntet wurden, nicht aber mehr Nahrungsmittel insgesamt. Gemüse und Ölpflanzen wurden verdrängt. Uns wurde immer erzählt, Bauern profitierten von chemisch unterstützter Landwirtschaft. Sieht man sich aber alle negativen Folgen für die Umwelt an, ist die Kosten-Nutzen-Rechnung negativ. Dasselbe gilt für die Gentechnik. Für viele Bauern ist dieses Saatgut eine Schuldenfalle, weil sie laufend Lizenzgebühren dafür zahlen müssen.

STANDARD: Haben nicht auch traditionelle Formen der Landwirtschaft darin versagt, die Menschen ausreichend zu ernähren?

Shiva: Kein Biobauer gerät in Verschuldung und muss sein Land verkaufen. Wir haben in den vergangenen 30 Jahren rund 120 Saatgutbanken aufgebaut – hauptsächlich mit Frauen. Keine von ihnen wird jemals ohne Saatgut dastehen. Alle internationalen Organisationen sagen dasselbe: Biologischer Landbau könnte die weltweite Bevölkerung zweimal ernähren. Deshalb müssen wir unsere Landwirtschaft diversifizieren. Und wir brauchen fairen Handel, nicht Freihandel.

STANDARD: Gibt es eine vernünftige Art, Gentechnik in der Landwirtschaft einzusetzen?

Shiva: Ja, diese Innovationen sind natürlich nicht grundsätzlich schlecht. Ganz im Gegenteil – wir brauchen mehr Wissen, speziell über die Molekularbiologie. Aber es ist falsch zu sagen, wir können dieses Wissen nur gewinnen, wenn wir mehr genmanipulierte Sorten zur kommerziellen Nutzung freigeben. Wir erfahren nicht, wie Leben funktioniert, indem wir es zerstören.

STANDARD: Wie soll die Technologie den Menschen dienen, wenn sie niemand kommerziell nützen darf?

Shiva: Vor diesem Schritt sind hundert andere zu machen. Wir können das Leben auch im Labor erforschen. Indem man zuerst eine korrekte Beobachtung der Wirkung macht und die Öffentlichkeit über die Ergebnisse informiert. Heute wird gegen wissenschaftliche Grundlagen verstoßen. 99 Prozent der Forscher sind ehrlich, ihre Einwände werden einfach übergangen.

STANDARD: Sie sagen, die Souveränität über Nahrungsmittel ist der Schlüssel zur Lösung von Konflikten. Glauben Sie, die extreme Armut auf der Welt kann bis 2030 ausgelöscht werden, so wie es die Uno zum Ziel hat?

Shiva: Die Menschheit hat alles Wissen, das sie dazu braucht. Wir müssen nur die Systeme stoppen, die Armut und Ungleichheit verursachen. Hunger, Armut, fehlendes sauberes Trinkwasser: Die industrielle Landwirtschaft hat all diese Probleme vertieft. Armut ist kein natürlicher Zustand, sondern das Ergebnis von Unrecht und Ausbeutung.

STANDARD: Beim Einkaufen schauen wir nicht auf die Produktionsbedingungen, sondern auf den Preis.

Shiva: Ich wäre frustriert, wenn ich wüsste, dass die Menschen die ganze Wahrheit kennen und trotzdem unverantwortlich handeln. Empört bin ich über die Regierungen, die mit unserem Geld die industrielle Landwirtschaft fördern und Nahrungsmittel billiger erscheinen lassen, als sie sind. (20.2.2016)

foto: ap/zak
Vandana Shiva (63) forscht zu Ökologie und Nachhaltigkeit und ist Trägerin des Right Livelihood Award. Die Inderin war für die Uno als Konfliktbeobachterin tätig. Shiva war für eine Veranstaltung der Gemeinwohlökonomie in Wien.
  • Dass die konventionelle Landwirtschaft durch den Einsatz von Dünge- und Spritzmitteln die  Erntemengen erhöht, sei ein Irrtum, sagt die indische Ökologin Vandana Shiva.
    foto: reuters / chaiwat subprasom

    Dass die konventionelle Landwirtschaft durch den Einsatz von Dünge- und Spritzmitteln die Erntemengen erhöht, sei ein Irrtum, sagt die indische Ökologin Vandana Shiva.

Share if you care.