"Unterwerfung": Elegie auf polygame Minderleister

19. Februar 2016, 16:08
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Wie lohnend könnte es sein, Michel Houellebecqs Islamismus-Roman genauer zu erforschen. Im Meidlinger Werk X flüchten die Beteiligten allzu oft in ein um Lässigkeit bemühtes Aufsagetheater. Die Provokation des Buches verpufft

Wien – Paris hat im Jahr 2022 einiges von seinem revolutionären Glanz eingebüßt. Michel Houellebecqs satirischer Roman "Unterwerfung" erregte bei seinem Erscheinen vor einem Jahr ungläubiges Staunen. Um einen Wahlsieg des Front National zu verhindern, entschließt sich Restfrankreich, einen gemäßigten Muslim an die Spitze der Republik zu berufen. Dieser, ein gewisser Mohamed Ben Abbès, wälzt kaiserliche Pläne. Aus der EU soll ein neues muslimisches "Römisches Reich" entstehen, das den gesamten Mittelmeerraum einschließt.

Inzwischen sind mehrere Terrorwellen über das wirkliche Paris hinweggegangen. In Wien-Meidling, im Werk X, stellt man das Houellebecq-Buch jetzt beflissen nach. Die Seine-Metropole besteht hier aus nackten Betonwänden. Zwei Glascontainer dienen jeweils als Studenten-WG und als Wärmestube für pausierende Schauspieler (Ausstattung und Regie: Ali M. Abdullah).

Die Pointe des Stoffes liegt in der ätzenden Verachtung, die Houellebecq der westlichen, käuflichen Intelligenzija entgegenbringt. Das Juste Milieu der Akademiker arrangiert sich nämlich bestürzend rasch mit den neuen Verhältnissen.

Die vermeintliche Schreckensherrschaft der Islamisten erweist sich für die Rotwein süffelnden, universitären Minderleister als wahres Labsal. Einzelgänger wie der Literaturexperte François (Marc Fischer) werden kaltgestellt. Sie dürfen sich aber mit der Aussicht auf die staatlich geförderte Polygamie über die kränkende Nutzlosigkeit ihres Daseins hormonell hinwegtrösten.

Mit trübem Blick

Über die Eignung von "Unterwerfung" ("Soumission") als Theaterstoff kann man geteilter Meinung sein. Houellebecq betrachtet den totalen Umsturz der Verhältnisse aus den trüben Augen François'. Im Werk X stellt sich der spindeldürre Mann im bestürzend hässlichen Würfelsakko als ein Bob Dylan der Zukunft vor. Einen Satz seines Leib-und-Magen-Dichters Joris-Karl Huysmans hat er auf Zettel gebannt, die er wie Karteikarten herzeigt.

Mit diesem schönen Einfall können die folgenden rund zweieinhalb Stunden nicht mithalten. Regisseur Abdullahs Textfassung ist von dem blinden Eifer gekennzeichnet, auch wirklich das ganze Buch abzubilden. Die meiste Zeit über lauscht François mit stark säurehaltiger Miene den kaum enden wollenden Monologen seiner Mit- und Gegenspieler.

Erzählt wird u. a. von der rührenden Sorge, mit der unser Antiheld um das Wohlergehen seines Penis besorgt ist. Ein geschwätziger Mann vom Inlandsgeheimdienst (Arthur Werner) hält François auf dem Laufenden. Ein VW rollt über die Bühne, Studierende des diverCITYLAB bilden eine Studentenfraktion, die sich mit Tee- und Zigarettengenuss über die Zeit schwindelt. Der neue Rektor (Christian Dolezal) umschmeichelt den Huysmans-Experten mit honigsüßer Suada. Gehirnwäsche gelungen! Es wäre wichtig gewesen, Houellebecqs kurioses Universum genauer zu erforschen. Doch Paris ist für Meidling vorderhand noch zu groß. (Ronald Pohl, 19.2.2016)

  • Paris-Stimmung im Werk X mit dem Autor als böser "Charlie Hebdo"-Karikatur: François (Marc Fischer, rechts) wird von seinem neuen Rektor (Christian Dolezal, Mitte) in einen Mitläufer umgewandelt.
    foto: chloe potter

    Paris-Stimmung im Werk X mit dem Autor als böser "Charlie Hebdo"-Karikatur: François (Marc Fischer, rechts) wird von seinem neuen Rektor (Christian Dolezal, Mitte) in einen Mitläufer umgewandelt.

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