Ankauf Sammlung Plachutta: Von Fürsten und Kaisern

19. Februar 2016, 17:06
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2,6 Millionen Euro ließ das Land Niederösterreich für Mario Plachuttas private Sammelleidenschaft springen. Das Drohpotenzial der vermeintlichen Abwanderung der Kaiserhausobjekte nach China war eigens inszeniert worden

Historisches Interesse, eine Prise Nostalgie, dazu Respekt vor einem Architekten der derzeitigen europäischen Konstellation, charakterisiert Mario Plachutta einst seine "Begeisterung" für Kaiser Franz Joseph. Das war 2009, drei Jahre nachdem er Devotionalien des österreichischen Kaiserhauses zu sammeln begonnen hatte. Rund 800 Exponate umfasste die Kollektion damals, zuletzt waren es mehr als 2500.

Knapp zehn Jahre währte der Kaufrausch, der sich als Leidenschaft gut vermarkten ließ. Je teurer ein Objekt war, desto eher fand es in den Aussendungen des Dorotheums Erwähnung. Mal war es ein "Pic-Nic-Set" des Kronprinzen Rudolf (41.800 Euro; Taxe 3500-6500) oder das Feldschreibzeug des Kaisers (21.000; 4000-8000), dann wieder ein Sisi-Porträt aus der Werkstatt Franz Xaver Winterhalters (88.880; 15.000-18.000) oder Manschettenknöpfe (34.460; 1000-2000). Kam Plachutta ins Spiel, waren Schätzpreise schnell Geschichte. Selbst dann, wenn es "nur" um kaiserliche Bartschnipsel (6900; 1200-2400) oder eine Haarlocke (13.720, 400-600) ging.

foto: dorotheum
Nach dem Ankauf werden Mario Plachuttas einstige Trophäen nun künftig im niederösterreichischen "Haus der Geschichte" präsentiert. Zu den Exponaten gehört auch vergleichsweise Kurioses wie Barthaare Kaiser Franz Josephs (Dorotheum, 2008: 6900 Euro), die schon sein Kammerdiener Eugen Ketterl einst zur Aufbesserung seines Salärs unters Volk brachte.

Konkurrierende Museen und ausländische Sammler aus dem Feld zu schlagen, das konnte und wollte sich der Wiener Gastronom leisten. Im Frühjahr 2013 gelangte etwa bei Hermann Historica (München) Franz Josephs "Bonjourl" genannter Hausrock für 12.000 Euro zum Ausruf. Eine Trophäe, die er für stolze 160.000 Euro ergatterte. Zum Vergleich: Das Heeresgeschichtliche Museum hatte für einen solchen Hauspaletot 2000 im Dorotheum nur knapp 5300 Euro bezahlt.

Jüngst also wurde der Verkauf der Sammlung bekannt und feierten Medien die Großtat des niederösterreichischen Landeshauptmanns, der sie vor einer Abwanderung ins Ausland bewahrt habe. Eine gelungene Inszenierung, die einige Fragen aufwirft, etwa auch, wer hier wen überrumpelte. Die vom Amalthea-Verlag für Anfang März zeitgerecht vor dem 100. Todestag avisierte Publikation der Plachutta-Kuratorin Katrin Unterreiner (Franz Joseph Eine Lebensgeschichte in 100 Objekten aus der Kaiserhaussammlung Plachutta) wird nach einem Korrekturgang jedenfalls verspätet erscheinen.

Kaiserliche Haarpracht

Die Verhandlungen über einen Ankauf, bestätigt Kultur-Abteilungsleiter Hermann Dikowitsch, starteten im Frühjahr 2015. Wie kolportiert, bei einem Abendessen in der Wollzeile, als Landesfürst und Rindfleischkaiser ins Gespräch kamen. Zwei Auktionshäuser wurden mit der Schätzung der Kollektion beauftragt, jene beiden übrigens, deren bester Privatkunde Plachutta über Jahre war.

Der Marktwert, den der Sammler über eine Dekade entscheidend mitprägte, belief sich auf 2,6 Mio. Euro, jener Preis, den Erwin Pröll schließlich bewilligte: für 2500 Kaiserhausobjekte, die in seinem "Haus der Geschichte" eine neue Heimat finden, dessen Projektkosten ursprünglich mit drei Millionen beziffert (2,5 Mio. für Umbauten, 500.000 Euro für wissenschaftliche Arbeit) wurden.

Wie sich die kaiserlichen Erinnerungsstücke in das Konzept fügen, das auf die Geschichte Niederösterreichs fokussiert, wird sich weisen. Welche Relevanz etwa Fragmente kaiserlicher Haarpracht für das Bundesland haben sollen, ist ungewiss. Hauptsache die Abwanderung "kultureller Identität Österreichs" nach China wurde verhindert.

Der Alibi-Chinese

Dabei dürfte Mario Plachutta diese asiatische Konkurrenz selbst initiiert haben. Vorweg, er war für den STANDARD nicht erreichbar und ließ stattdessen eine Aussendung übermitteln, in der er betont, wie wichtig ihm der geschlossene Erhalt der Kollektion gewesen sei. Die Geschichte, die Josef Schütz zu erzählen hat, ist eine andere. Konkret war der über diverse Ausstellungsprojekte in China gut vernetzte Wiener Kunsthändler im Herbst von Plachutta kontaktiert worden. Er solle sich doch bezüglich eines Käufers umhören. Auch von einer Ausstellung in China und anschließenden Verwertung der Kollektion war die Rede. Ein Käufer, der 4,5 Millionen bezahlt hätte, war schnell gefunden, wurde aber gar nicht benötigt. Der Chinese dürfte bloß als Druckmittel fungiert haben, um den Verkauf an das Land Niederösterreich zu beschleunigen. Die Rolle als Alibi für jene, die sich gerne als Bewahrer inszenieren, muss freilich eine reine Mutmaßung bleiben.

Eine Ausstellung wird es in China trotzdem geben, organisiert von Josef Schütz und zur Freude der Kulturabteilung, die von der mittelfristigen Refinanzierung des Deals über Leihgebühren träumt. (Olga Kronsteiner, Album, 19.2.2016)

  • Bei Hermann Historica (München) gelangte 2013 Kaiser Franz Josephs "Morgenmantel" zur Versteigerung. Der Rufpreis war mit 12.000 Euro veranschlagt. Mario Plachutta setzte sich erst bei 160.000 Euro gegen die Konkurrenz durch.
    foto: hermann historica

    Bei Hermann Historica (München) gelangte 2013 Kaiser Franz Josephs "Morgenmantel" zur Versteigerung. Der Rufpreis war mit 12.000 Euro veranschlagt. Mario Plachutta setzte sich erst bei 160.000 Euro gegen die Konkurrenz durch.

  • Den Namen "Bonjourl" erhielt dieses Kleidungsstück, da die Bevölkerung den Kaiser täglich frühmorgens am Fenster seines Arbeitszimmers in diesem Hausmantel bei der Beobachtung der Wachablöse sehen konnte.
    foto: hermann historica

    Den Namen "Bonjourl" erhielt dieses Kleidungsstück, da die Bevölkerung den Kaiser täglich frühmorgens am Fenster seines Arbeitszimmers in diesem Hausmantel bei der Beobachtung der Wachablöse sehen konnte.

  • Dieses Porträtgemälde Kaiserin Elisabeths war im Dorotheum 2013 heiß umkämpft. Der Schätzwert lag für ein Werkstattbild (Franz Xaver Winterhalter) bei marktkonformen 15.000 bis 18.000 Euro. Motivbedingt stiegen die Gebote auf ein Vielfaches, bei 88.880 Euro erhielt Mario Plachutta den Zuschlag.
    foto: dorotheum

    Dieses Porträtgemälde Kaiserin Elisabeths war im Dorotheum 2013 heiß umkämpft. Der Schätzwert lag für ein Werkstattbild (Franz Xaver Winterhalter) bei marktkonformen 15.000 bis 18.000 Euro. Motivbedingt stiegen die Gebote auf ein Vielfaches, bei 88.880 Euro erhielt Mario Plachutta den Zuschlag.

  • Ein Konvolut an Rezepten, Bestellscheinen und Rechnungen für kosmetische Artikel Kaiserin Elisabeths aus dem Jahr 1875 erwarb der Sammler 2009 für vergleichsweise "günstige" 2900 Euro.
    foto: dorotheum

    Ein Konvolut an Rezepten, Bestellscheinen und Rechnungen für kosmetische Artikel Kaiserin Elisabeths aus dem Jahr 1875 erwarb der Sammler 2009 für vergleichsweise "günstige" 2900 Euro.

  • Als Jugendlicher war Franz Joseph sportlich, konnte sich jedoch anfänglich nicht fürs Reiten begeistern. Der Wille zur Pflichterfüllung überwand die Angst. Eine Reitunterhose (mit kaiserlichem Monogramm) und seine Reitgerte wechselten 2012 für 6250 bzw. 3250 Euro in die Sammlung Plachutta.
    foto: dorotheum

    Als Jugendlicher war Franz Joseph sportlich, konnte sich jedoch anfänglich nicht fürs Reiten begeistern. Der Wille zur Pflichterfüllung überwand die Angst. Eine Reitunterhose (mit kaiserlichem Monogramm) und seine Reitgerte wechselten 2012 für 6250 bzw. 3250 Euro in die Sammlung Plachutta.

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