Itzik-Manger-Biografie: "Das kosmopolitische Jiddischland als Wortrepublik"

Interview21. Februar 2016, 12:00
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Origineller Künstler, Enfant terrible und europäischer Dichter: Die Literaturwissenschafterin Efrat Gal-Ed über Itzik Manger, den "jiddischen Baudelaire", die Rezeption seiner Werke und sein tragisches Schicksal

"Prinz der jiddischen Ballade" nannte man ihn, und Isaac Bashevis Singer sah in ihm einen "jiddischen Baudelaire". Itzik Manger war einer der größten Dichter jiddischer Sprache. In der weltweit ersten Biografie Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter (Jüdischer Verlag im Suhrkamp-Verlag, Berlin 2016) widmet sich die Literaturwissenschafterin Efrat Gal-Ed diesem außergewöhnlichen und zugleich tragischen Lebensschicksal.

STANDARD: Zu seinen Lebzeiten war Itzik Manger ein berühmter und gefeierter Dichter. Wie bewerten Sie aus heutiger Perspektive die Bedeutung seines Werks?

Gal-Ed: Itzik Manger war ein überaus origineller Künstler. Er schaffte es, aus der Vermischung diverser Modelle der europäischen Literatur mit dem Jiddischen eine eigene Stimme zu entwickeln. In seiner Lyrik setzte er stilistische Elemente, wie man sie seit der Romantik kannte, ebenso ein wie Elemente aus dem Symbolismus und Expressionismus. Er leistete, was auch andere bedeutende Lyriker vollbrachten. Nur hatte er das Unglück, dies in einer Sprache zu tun, die heute nur noch wenige Menschen kennen.

STANDARD: "Niemandssprache" betiteln Sie Ihre Biografie. Sie greifen damit eine Aussage Itzik Mangers auf, der das Jiddische 1925 so bezeichnete. Warum damals schon?

Gal-Ed: 1925 war Manger gerade 24 Jahre alt, und er wollte seine Gedichte veröffentlichen. Aber es mangelte an Verlegern, an literarischen Bühnen und vor allem an Geld. Angesichts dieser Schwierigkeiten griff Manger zu dem emphatischen Ausdruck "hefker", was "herrenlos", "vogelfrei" oder "gesetzlos" bedeutet. "Jidisch is hefker" nannte er 1925 seinen Selbstverlag. Mit dieser radikalen Feststellung brachte er den Vorwurf zum Ausdruck, dass die jüdische Gemeinschaft vogelfrei sei. Zum anderen richtete sich seine Kritik an die jiddische Gemeinschaft selbst, dass diese Sprache keine Gesetze und Traditionen habe und jeder mit ihr machen könne, was er wolle.

STANDARD: "Jiddisch, die wirkliche Volkssprache, wird gepflegt von den Arbeiterfreunden, den Sozialisten, Weltlichen", zitieren Sie Al fred Döblin. War Mangers Entscheidung, Jiddisch als Dichtersprache zu wählen, ein Bekenntnis zur Arbeiterschaft?

Gal-Ed: Es ist die Frage, ob er tatsächlich eine Wahl hatte. Aus kultureller Perspektive gesehen hätte er die Wahl gehabt. Er wuchs im multikulturellen Czernowitz auf. Die Juden dort konnten wählen zwischen Deutsch, Jiddisch und Rumänisch. Doch ich zweifle, ob Manger die deutsche Sprache so gut beherrschte, um darin Gedichte schreiben zu können. Rumänisch kam auch nicht infrage. Das konnte er nicht schreiben. So blieb als die Sprache, in der er sich wirklich ausdrücken konnte, das Jiddische. In politischer Hinsicht war die Entscheidung für das Jiddische sicher ein Bekenntnis. Manger wuchs in einem armen Schneiderhaus auf. Auch war seine Haltung antibürgerlich. Vor allem in seiner Jugend äußerte er sich kritisch gegenüber der Bourgeoisie.

STANDARD: Hatte Manger auch Leser unter der Arbeiterschaft?

Gal-Ed: Die Arbeiter waren sein großes Publikum. Es konnte sich damals nicht jeder ein Buch kaufen; dazu waren die Bücher zu teuer. Die Verbreitung der modernen jiddischen Literatur beruhte auf der Bekanntschaft mit den Autoren, die wie Handlungsreisende ihre Werke öffentlich vorstellten. Seine ganze Jugend in Rumänien hindurch und auch später während der zehn Jahre, die er in Polen verbrachte, reiste Manger von Ort zu Ort, hielt Vorträge und rezitierte seine Gedichte.

STANDARD: Itzik Manger betonte mehrfach, ein säkularer Jude zu sein. Zugleich aber entstammen viele Themen seiner Werke der religiösen Tradition. Wie ist dieser Widerspruch zu erklären?

Gal-Ed: Wenn wir die Quellen der jüdischen Religion betrachten, nennen wir sie religiös. Für die jiddische Intelligenz damals aber waren sie Kulturgut. Jiddische Dichter, die auf den Tanach, die hebräische Bibel, zurückgriffen, suchten nicht nur Anbindung an die eigene Volkstradition, sondern an etwas Universales. Jiddisch war das identitätsstiftende Medium der Minderheitskultur und die Voraussetzung der Zu gehörigkeit zu Europa. Es entstand "Jiddischland", eine "Wortrepublik". Gerade heute, da wir in der Kulturwissenschaft von Trans kulturalität und Transnationalität sprechen, erscheint dieses kosmopolitische "Jiddischland", wie es damals gelebt wurde, als ein großartiges europäisches Konzept.

STANDARD: Wann setzte die jiddische Literatur ein?

Gal-Ed: Die moderne jiddische Literatur begann um 1860 mit den Werken von Scholem Jankew Abra mowitsch, bekannt als Mendele Moicher Sforim. Sie wurde buchstäblich aus dem Boden gestampft. Da es keinen autonomen säkularen Kulturraum in jiddischer Sprache gab, konnte sie auf keine kontinuierliche Tradition zurückgreifen. Eine solche Tradition bildete sich erst um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert im Zusammenhang mit der jüdischen Aufklärung und dem internationalen Sozialismus. Allmählich begann man, die jiddische Sprache nicht mehr nur als "Jargon", also als Umgangssprache der Unterschichten, zu betrachten, sondern in ihr eine Kultursprache zu sehen.

STANDARD: Und wo entstand die moderne jiddische Literatur?

Gal-Ed: Im östlichen Europa. Der Beginn vollzog sich in Gebieten der österreichisch-ungarischen Monarchie, wo Jiddisch gesprochen wurde, und im sogenannten "Ansiedlungsrayon" im Westen des russischen Kaiserreichs, in dem Juden geduldet waren. Es handelte sich um eine fragmentierte Kulturgemeinschaft. Sie befand sich im mittelosteuropäischen Raum sowie im Westen. Mit den großen Migrationswellen nach den Pogromen der Achtzigerjahre des 19. Jahrhunderts wuchs auch in England sowie in Nord- und Südamerika eine jiddische Sprachgemeinschaft.

STANDARD: Als Enfant terrible brüskierte Itzik Manger Freunde und Gönner. Dennoch fand er immer wieder Hilfe, vor allem bei Frauen. Haben Sie eine Vorstellung, wie er als Person gewirkt hat?

Gal-Ed: Er muss unglaubliches Charisma und Feuer besessen haben. Die Frauen opferten sich geradezu für ihn auf, obwohl die Schatten in seiner Persönlichkeit ihn oft zur Zumutung machten. Von seinen Vorträgen und Rezitationen ist überliefert, dass er leidenschaftlich und ekstatisch geredet hat. Da er sehr belesen war, konnte er vieles aus der Erinnerung zitieren, und er soll eine große Liebe zu den Themen vermittelt haben, über die er sprach. Die Jugend hing an seinen Lippen und verehrte ihn. Sie konnte seine Gedichte auswendig. Einige seiner Gedichte wurden auch vertont und gesungen. Das Lied Auf dem Weg steht ein Baum wurde 1938 am Vorabend des Zweiten Weltkriegs in der Warschauer Naje Folksszajtung abgedruckt, hernach vertont und im Warschauer Ghetto gesungen.

STANDARD: Die Katastrophe der Flucht brach über Itzik Manger herein, als er sich auf einem Höhepunkt seines Schaffens befand. Sie brachte seine Schaffenskraft zum Erliegen, obwohl er erst 37 Jahre alt war. Kann man sich ausmalen, was er noch hätte vollbringen können, wenn der "blutige hitlerische Albtraum", wie er es nannte, nicht alles zerstört hätte?

Gal-Ed: Ausmalen kann man es sich. Aber es bleibt Spekulation. Was er wahrscheinlich weiterentwickelt hätte, waren seine Bibelgedichte. Er war drauf und dran, das Buch Rut als Gedichtzyklus auszuarbeiten. In Warschau hatte er auch angefangen, für den Film zu arbeiten. Er schrieb Liedtexte für die Filmmusicals Jidl mitn fidl und Der Purimspieler, die sehr beliebt waren. Diese Arbeit hätte er mit Sicherheit fortgesetzt, ebenso seine Theatertätigkeit. Dann plante er eine Textsammlung über Vertreter der modernen jiddischen Literatur. Und schließlich wollte er auch biografische Prosa verfassen. Sie ist Teil seines in Amerika entstandenen Spätwerks, das unvoll endet blieb.

STANDARD: Am Ende Ihrer Bio grafie zitieren Sie aus einem Papierschnipsel Itzik Mangers den erschütternden Vierzeiler: "Ich komm aus den Öfen von Auschwitz / Ich bin jung und auch alt / Ich war Millionen gewesen / Jetzt bin ich Ein-Gestalt." Thematisierte Manger die Shoah in seinen Gedichten?

Gal-Ed: Über die Shoah hat er mehr geschwiegen als gedichtet. Er bezweifelte, dass die Generation, die die Shoah unmittelbar erlebt hatte, die nötige künstlerische Distanz entwickeln könnte. Das wurde häufig missverstanden, und man kritisierte ihn dafür. Die wenigen Gedichte, die er über die Shoah schrieb, waren ganz knapp gehalten. Er versuchte darin nicht, Beschreibungen des Geschehenen zu geben, sondern brachte in Bildern das Entsetzen über das Nicht-mehr-Bestehen dieser Welt zum Ausdruck, die er in ihrem Glanz erfahren hatte.

STANDARD: "Für wen" solle man Jiddisch noch schreiben, fragte Itzik Manger resigniert. Wurde mit der Shoah die gesamte jiddische Kultur zerstört?

Gal-Ed: Nein, aber es kam einem Todesurteil gleich. Nicht nur wurde über die Hälfte der Mitglieder der jiddischen Sprachgemeinschaft umgebracht, sondern es wurden auch die Orte vernichtet, an denen sich diese Kultur in Europa entwickelt hatte. Damit war die Basis der jiddischen Kultur zerstört. Die Überlebenden der Shoah und diejenigen, die rechtzeitig geflüchtet waren, bildeten eine Minderheit in einer Welt, in der Jiddisch im Alltag kaum noch gelebt wurde. Hätten in Polen drei Millionen Juden überleben dürfen, hätte die jiddische Kultur eine Chance gehabt. Aber in dieser fragmentierten Form, verteilt auf mehrere Kontinente, ohne Herz, musste die jiddische Kultur untergehen.

STANDARD: Wie steht es um die heutige Rezeption seines Werks?

Gal-Ed: In Israel, wo Manger berühmt und beliebt ist, findet seine Rezeption auf Hebräisch statt. Im deutschsprachigen Raum liegen die Übersetzung von Mangers Roman Das Buch vom Paradies sowie die einiger seiner Essays und Erzählungen vor. Es gibt die Anthologie Ich, der Troubadour, und soeben wurde die von mir heraus gegebene und übersetzte Antho logie Dunkelgold wiederaufgelegt, nachdem die ersten beiden Auf lagen ausverkauft sind. Das erscheint mir wie ein kleines Wunder. (Ruth Renée Reif, Album, 20.2.2016)

Efrat Gal-Ed, geb. 1956 im israelischen Tiberias, studierte Judaistik, Germanistik und Komparatistik sowie Malerei. Seit 2010 lehrt sie jiddische Literatur und Kultur an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. 2013 habilitierte sie sich in Jiddistik. Von ihr erschien: "Itzik Manger: Dunkelgold. Gedichte. Jiddisch und deutsch" (Berlin 2013).

  • Itzik Manger, gemalt von Arthur Kolnik: "Er muss unglaubliches Charisma und Feuer besessen haben."
    foto: aphorisma kulturstiftung | rainer zimmer-winkel

    Itzik Manger, gemalt von Arthur Kolnik: "Er muss unglaubliches Charisma und Feuer besessen haben."

  • Efrat Gal-Ed, "Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer  Dichter", Suhrkamp-Verlag, Berlin 2016.
    foto: suhrkamp

    Efrat Gal-Ed, "Niemandssprache. Itzik Manger – ein europäischer Dichter", Suhrkamp-Verlag, Berlin 2016.

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