Der Strampelanzug für den reichen Powderfreak

Kolumne mit Video21. Februar 2016, 15:00
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Skioveralls waren in den 80ern groß, aber schon damals super unpraktisch. Jetzt werden sie neu erfunden – zu einem unpackbaren Preis

foto: thomas rottenberg

Wir waren uns einig. Alle. Vorher und nachher. So etwas kommt vor – aber nicht, wenn eine ganze Gruppe ihre vorgefasste Meinung um 180 Grad dreht. Und genau das geschah in Gudauri als ich dort mit dem Strampelanzug von Peak Performance herumhoppste: Das Ding ist einfach geil – und eines der ganz wenigen Testspielzeuge, die ich nicht zurückgeben will.

Nur: Es ist geradezu obszön überteuert. Das fanden sogar meine Berg- und Hubschrauberkameraden im georgischen Kaukasus. Und das sind Leute, die 7.000 Euro für eine Woche Heliskiing abdrücken: "Europreise finde ich grad recht lustig. Aber 1.150 Euro? Das geht echt nicht", sagte etwa der Edel-Catering-Betreiber aus Zürich, nachdem er "meinen" "Men´s Heli Vertical Suit" unter die Lupe genommen hatte.

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foto: thomas rottenberg

"Bist du ein Jäger?", hatte mich Benni Raich, das VIP-Testimonial des Veranstalters, lachend gefragt, als ich mit dem olivgrünen Teil das erste Mal aus der "Lama" (der hier verwendete Hubschrauber) gehüpft war. Und dann hatten die Bergführer das gesagt, was ich den PR-Leuten von Peak Performance schon in Wien erklärt hatte: Dunkle Farben im Schnee sind für den Popsch. Auf Fotos. Weil die Teile in der Regel "absaufen" oder der Hintergrund "ausbrennt". Außer man kommt mit dem großen Reflektor – und daheim wird minutiös nachbearbeitet. Das mache ich nicht.

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thomas rottenberg

Aber ich wollte ja eh vor allem eins: meine Vorurteile bestätigen. Die Rich-Skier-Partie sah das genauso: Ohne, dass ich die Leute hätte "impfen" müssen, legten alle los: Über den Unfug "Overall im Schnee". Dabei waren wir nur Männer: von Aufs-Klo-Geh-Problemen mit einem Komplettanzug und Skischuhen wussten wir nur aus Geschichten von früher. Als am Schulskikurs die Mädchen mit den damals angesagten Teilen daherkamen – und fluchen lernten.

Dabei sind Overalls schon auf den ersten Blick super: Weil da weder Lücken noch Ritzen noch Schlitze sind, bei denen Schnee, Wind oder Wasser rein kommen. Genau das macht den Einteiler aber unbrauchbar, sobald man sich bewegt: Man ist rundum eingepackt. Wärme bleibt drin. Wird zu Schweiß. Und wenn man eine Schicht ausziehen will, kann es nie die äußerste sein. Und bis man bei den unteren ist … und so weiter.

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foto: thomas rottenberg

Außerdem sind Overalls bei Erwachsenen problematisch: Die Arm-Bein-Relationen sind für Menschen mit Idealmaßen konzipiert. Kann man sich bewegen, sehen sie sackartig aus. Sind sie körperbetont, kann man nur gerade stehen. Sind sie gefüttert, sieht man aus wie ein Michelinmännchen – und schwitzt. Sind sie nicht gefüttert friert man – oder der Platz für "Zwiebelschichten" lässt das Teil flattern und knattern. In der Hütte oder im Restaurant räumt man mit der "Schleppe" Tische ab – und am Klo…

In Summe also vollkommen unbrauchbar. Nix gut.

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foto: thomas rottenberg

Dann schlüpfte ich in das grüne Dings hinein – und erkannte innerhalb weniger Minuten, dass ich mit meiner vorgefassten Meinung falsch lag: Ich widerrufe!

Das Material – "Gore Tex C-Knit" – ist hauchdünn. Leicht, bewegungsfreundlich, und de facto wasserdicht. (Wassersäule: 28.000 Millimeter). Reißverschlüsse – wasserabweisend, eh klar – lassen an Armen und Beinen genug Lüftungs-Spielereien zu, um auch bei komplett angezogenem Teil indoor nicht sofort einen Schweißausbruch zu bekommen oder zu ersticken.

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foto: thomas rottenberg

Aber das Wichtigste: Der Oberteil wird nicht wie eine Jacke von hinten angezogen und vorne geschlossen, sondern wie ein Pulli vorne über den Kopf gezogen. Und mit einem halbkreisförmig angelegten Rücken-Zipp (von der Achsel zum Kreuz und wieder zur Achsel) verschlossen. Ja, das klingt super kompliziert und nach massiven Verrenkungen. Ist es aber genau gar nicht: Man steigt in die Hose und klippst den innenliegenden Gürtel zu: Damit kann einem das Ding auch halb ausgezogen nicht vom Körper fallen. Arme einfädeln, Kopf dazu – überstreifen: keine Hexerei (wenn der Rückenzipp offen ist). Aber auch ich – als Nicht-Yogi und schlecht gedehnter Mann – hatte wider Erwarten keine Sekunde ein Problem damit, mit dem linken Arm hinten zur rechten Schulter zu fassen und den richtigen der vier (! – es warate wegen der Belüftbarkeit) hier laufenden Zipps zu erwischen. Zu- aber auch aufmachen geht (ebenfalls wieder Erwarten) easy, ohne Stocken und Ruckeln. Sogar mit dem fetten Daunenanorak drunter.

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foto: thomas rottenberg

Ich beginne den Tag nämlich gern kuschelig und in dieser Kombi: Skiunterleiberl, Daunenjacke, Windstopper und wenn ich aufgewärmt bin, tausche ich Daune gegen leichtes Fließ. Meine Michelinmanderl-Ängste bewahrheiteten sich aber nicht.

Beim Heliskiing ist Wind ein Thema. Der vom Helikopter: Beim "Heli Huddle", also dem In-der-Gruppe-Wegducken, wenn der Chopper kommt, presst es einem Schnee in jede Ritze. Irgendwann hat man ihn auch zwischen Hose und Jacke. Und dann unter der Jacke. Oder er kommt als "Spray" beim Powdern. Von unten. Beim Fahren. Beim Springen. Beim Stürzen. Von den Anderen: Hallelujah, wie liebte ich das Teil da!

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foto: thomas rottenberg

Die Einstiegsmethode "Pullover" hat noch einen Vorteil: Auf der Brust ist Platz für eine große Tasche. Die ist so angelegt, dass der Airbag-Brustgurt vorbei geht. (Die Gopro-Chesty-Halterung nicht – aber Chesties sind ein Irrtum. Dazu ein andermal mehr.)

Taschen hat der Overall an allen möglichen Stellen. Alle gut erreichbar. Mit sinnvollen Größen – und so, dass auch große Teile rein gehen: Das zusammengeklappte Idiotenzepter (aka "Selfiestick", beim Skifahren ein Traum, solange man andere nicht gefährdet) bekomme ich in meiner eigenen Hose schwer in die Oberschenkeltasche (wenn ich sie zumachen will) – und dann spüre ich das Trum bei jedem Schwung. Hier aber…

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foto: thomas rottenberg

Alle Taschen, die "unter die Haut" führen, haben die gleichen wasserresistenten High-End-Zips, wie die Ventilations/Einstiegszippverschlüsse.

Und das bringt mich endlich zu den Bugs: Wieso an den Oberschenkeltaschen und, absolut unverständlich, am Hals dann Billigsdorfer Zippmaterial verbaut wurde, wäre auch bei einem nicht-überpreisigen Teil ein No-Go: Beim rechten Beintaschenzipp verkeilte und verdrehte sich ein Haken beim dritten Mal Aufmachen dauerhaft, beim linken hakte und stockte es regelmäßig – und der Zipp beim Hals fraß jedes Mal den Stoffrand: So etwas geht nicht. Nicht bei einer 200-Euro-Jacke – und schon gar nicht bei einer mehr als fünfmal so teuren Haut, die auf der Ispo gerade fett ausgezeichnet worden ist.

(Dass ich in die reche Beintasche ein kleines Beinahe-Loch "gestanzt" habe, ist kein echter Bug: Der Druck der Schraube am Selfiestick in der Beintasche ist nicht das, wofür der Stoff ausgelegt ist. Auch wenn das andere Hosen bisher klag- und schadlos aushielten: Das ist der Preis des dünnen und leichten Materials…)

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foto: thomas rottenberg

Mein Fazit: Ja, ich war begeistert. Und dachte mir im Gelände ständig "Dich gebe ich nicht mehr her." Aber nur bis zur Rückkehr ins Hotel. Denn den Preiszettel hatten die Peak-Performance Leute im Overall gelassen. Ich hütete mich, dieses "Memento" abzuzupfen: Und auch wenn andere Marken – etwa Norrona – für ihre Heli-Suits ebensoviel verlangen, sind 1.150 Euro schlicht und einfach unpackbar.

http://www.peakperformance.com/

Mehr über den Trip in den Schnee gibt es hier:

www.derrottenberg.com

Anmerkung im Sinne der redaktionellen Leitlinien:

Die Reise nach Gudauri erfolgte auf Einladung des Veranstalters.

(Thomas Rottenberg, 21.2.2016)

Weiterlesen: Heliskiing in den kanadischen Columbia Mountains: exklusiv, teuer, ein Abenteuer

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