Die erste Online-Lesung meines Lebens

21. Februar 2016, 09:00
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Kein Publikum, keine Reaktion oder Interaktion und eine Stimmung wie bei einem Geisterspiel im Fußball. Die Literatur entdeckt einen neuen Geschäftszweig

Gestern war ich bei der ersten Online-Lesung meines Lebens – wenn auch nicht als lesender Autor, sondern als Zuschauhörer. Pessimistisch, wie ich nun einmal leider bin (wenn auch zum Glück im Unglück dionysisch-pessimistisch ...), habe ich mir unwillkürlich gedacht: Das ist der Anfang vom Ende aller Offline-Reality-Readings, also der guten alten Lebendlesungen.

Das Online-Portal hieß Litlounge und wurde von einer großen deutschen Verlagsgruppe geöffnet, die aus vielen, vielen Verlagen bestand – im Vorspann sah man ein glückliches, unentwegt lächelndes Pärchen als Publikum, das es sich zu Hause auf der weißen Ledercouch mit zwei Gläsern edlen Rotweins vor dem Flatscreen gemütlich gemacht hatte und der Online-Lesung lauschte.

Willkommen, liebe Zuschauer

Ein Moderator schlug ein Bein über das andere wie vor ihm Walther von der Vogelweide beim ersten Reichsspruch, saß aber nicht auf einem Steine, sondern in einem Fauteuil und dachte nicht darüber nach, wie man leben sollte, sondern sagte ins schwarze Auge der Kamera: Willkommen, liebe Zuschauer, in der literarischen Spannungswelt!

Gelesen hat praktischerweise nicht irgendein Litnobody, sondern gleich ein extrem erfolgreicher Autor (eines Verlags der Verlagsgruppe) aus Österreich (Tirol, Innsbruck mit den schillernden Anfangsbuchstaben B. und A.), dessen Werk Totenhausen (oder so) nicht nur im Bestsellerranking unter den Top Ten und in den Jahrescharts die Nr. 1 war, sondern der auch noch extrem sympathisch rüberkam. Wenn er von sich und seinem Buch und seinem Erfolg sprach, sagte er: "Wundervoll!" und "Ein Wahnsinn, oder?" oder "Super!" oder "Und das ist das Schöne!", und der Moderator nickte und sagte: "Du hast einen ganz eigenen Sound", und der Autor B. A. sagte: "Auf alle Fälle, oder? Und das ist das Schöne!"

Extrem sympathische Autoren

In meinem Pessimismus dachte ich, bald werden nur noch die extrem sympathischen Autoren (und die extrem fotogenen Autorinnen) rüberkommen, die Autoren der Zukunft werden eine Mischung aus Schlagersängern, Skihelden und rhetorisch grundgeschulten Fußballern sein, und ich bemitleidete all die unsympathischen Autoren (und unfotogenen Autorinnen), die bald nicht mehr rüberkommen werden.

Früher einmal waren alle Autoren extrem unsympathisch (und die meisten Autorinnen unfotogen) und mit komplexen und komplizierten Psychen gestraft, keiner war kaninchenlieb, alle waren zynisch, sarkastisch, weltfremd, angeekelt oder eitel, aber sie waren ebenso hochverehrt und ein bisschen gefürchtet wie ihre Literatur. Und das war das Schöne, oder! Sie waren ja Schöpfer sui generis! Aber wer wird sich auf der weißen Couch mit dem roten Rotwein einen unsympathischen Schöpfer sui generis antun, wenn er einen sympathischen haben kann? Eine Unfotogene im Heer (Harem) der Fotogenen? Die Zukunft gehört den Service-is-our-success-Künstlern, die zur Begrüßung des Publikums mit dem Schwanz wedeln!

Nie länger als ein, zwei Minuten

Die Lesung selbst? Kurz und bündig, Zwei, drei Kostproben, nie länger als ein, zwei Minuten, weil dann lässt die Aufmerksamkeit ja nach. Kein Publikum: Die Stimmung also etwa wie bei einem Geisterspiel im Fußball. Aber Geschäft ist Geschäft. Kein Publikum: kein Blickkontakt, kein Lachen, keine Reaktion, keine Interaktion – dadurch kann der Autor weder besser noch schlechter werden. Auch der Text kann weder besser noch schlechter werden, wo doch Texte und Autoren durch ihr Publikum immer besser oder schlechter wurden ...

Zwischen den Leseblöcken ein Gespräch mit dem Moderator als letztes bisschen Originalzwischenmenschlichkeit, der Fragen stellt, deren Antworten er schon kennt. Mr. Vogelweide hat etwas von einem Therapeuten, das Gespräch etwas von einem Coaching. Das Publikum daheim an den Laptops darf E-Mails schicken. Die Fragen kennt man noch aus der muffigen alten Realrealität, es sind immer die gleichen: Schreiben Sie mit der Hand? Oder am PC? Im Pyjama oder im Anzug? Am Vormittag oder am Nachmittag? Wie lang brauchen Sie für ein Buch? Was ist Ihr nächstes Buch? Ein unsympathischer, grantiger Autor hätte dionysisch-pessimistisch gegengefragt: Warum wollen Sie das wissen? Das ist doch völlig unerheblich und immer das Gleiche ....

Keine Pessimisten mehr

Aber unsympathische dionysisch-pessimistische Autoren sind nicht mehr zugelassen. Also erzählt der sympathische Autor, er hat bei den Recherchen für einen Krimi einmal am Friedhof ein Grab ausheben dürfen. Er hat lange überlegt, wo er den Krimi spielen lassen soll, und dann ist ihm eingefallen: Innsbruck! Als nächstes Projekt eine Liebesgeschichte. "Garantiert leichenfrei. Und das ist das Schöne!"

Eine Lesung für alle Lesungen, man kann sie ja anklicken und neu beginnen lassen, überall, jederzeit. Der Veranstalter spart sich die Honorare, die Hotelkosten, das Abendessen, das kostenintensive gesellige Beisammensein, die Fahrtspesen, Saalmiete, Heizkosten etc. Das Publikum die Garderobe, die Parkplatzsuche, den Heimweg bei Wind und Wetter, gegebenenfalls auch den Eintritt: Dadurch wird es bald keinen anderen Veranstalter mehr geben, kein anderes Publikum; keine anderen als willfährige Autoren, keine andere als willfährige Literatur. Das heißt: keine Literatur. Auf alle Fälle. Wahnsinn. Super. Und das ist das Schöne. (Egyd Gstättner, 21.2.2016)

Egyd Gstättner, Jahrgang 1962, lebt als Schriftsteller und Publizist in Klagenfurt. Zuletzt erschien von ihm im Picus-Verlag: "Das Freudenhaus – Roman über das absurde Theater".

  • Fürchtet, dass die Zukunft den Service-is-our-success- Literaten gehört: Egyd Gstättner.
    foto: johannes puch

    Fürchtet, dass die Zukunft den Service-is-our-success- Literaten gehört: Egyd Gstättner.

  • Bücher werden nun auch im Netz gelesen.
    foto: cremer

    Bücher werden nun auch im Netz gelesen.

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