Skispringen: Finnlands gestutzte Flügel

18. Februar 2016, 17:51
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Auf Matti Nykänen, Toni Nieminen und Janne Ahonen folgte Tristesse. Vom finnischen Skisprungwunder ist nichts mehr übrig. Am Wochenende steigt in Lahti die Generalprobe für die Heim-Weltmeisterschaft in einem Jahr

Lahti – Janne Ahonen ganz vorn, Harri Olli und Toni Nieminen auf den Plätzen 15 und 17: Zumindest Skisprung-Nostalgiker kamen bei den finnischen Meisterschaften Ende Jänner voll auf ihre Kosten. Und doch war die Veranstaltung ein Offenbarungseid. Denn wenn am Freitag die Weltcup-Stars um Peter Prevc, Severin Freund und Stefan Kraft zur WM-Generalprobe nach Lahti kommen, spielen die Erben des großen Matti Nykänen nur eine Nebenrolle.

Bester Finne im Gesamtweltcup ist derzeit Lauri Asikainen auf Platz 42. Mit Rang sieben in Lillehammer sorgte der 26-Jährige auch für die mit Abstand beste Saisonplatzierung eines finnischen Skispringers. Ein Ausreißer. Normalerweise springt auch Asikainen weit hinterher. Ein Jahr vor der Heim-WM gibt die einst so stolze Skisprung-Nation ein bescheidenes Bild ab. Daran wird sich bis 2017 wohl kaum etwas ändern. "Die Finnen haben irgendwann ihr Nachwuchsproblem übersehen. Der Erfolg von Janne Ahonen hat viel verdeckt, und dann kann ein Loch entstehen", sagt der Trainer der deutschen Skispringer, der Vorarlberger Werner Schuster.

Abgestürzt

Innerhalb von nicht einmal fünf Jahren ist Finnland in die sportliche Bedeutungslosigkeit gerutscht. Im Dezember 2010 hatten Ville Larinto und Matti Hautamäki in Kuopio einen Doppelsieg gefeiert, anschließend ging es im Rekordtempo bergab. Larinto galt als Ausnahmetalent, doch seit seinem schweren Sturz beim Neujahrsspringen 2011 ist der 25-Jährige völlig von der Rolle. In diesem Winter schaffte er es gerade einmal in die Weltcuppunkteränge – Platz 17 in Willingen.

Und so sollen es diejenigen richten, die eigentlich schon weg vom Fenster waren. Olli beispielsweise, sportlich hoch begnadet, aber mit noch größerem Talent für skandalöse Ausfälle gesegnet. Im Jänner 2012 hatte der heute 29-Jährige seine Karriere zum ersten Mal beendet. Zuvor war er aus dem Nationalkader geflogen, nachdem er der Jury in Kuusamo den Mittelfinger gezeigt hatte.

Nieminen springt wieder

Oder – tatsächlich – der große Toni Nieminen. Der 40-Jährige wagte sich Anfang des Jahres und zwölf Jahre nach seinem Rücktritt wieder auf die Schanze. "Ganz ehrlich: Ich hatte ziemliche Angst. Alles war wie neu für mich", sagte Nieminen, der 1992 als 16-Jähriger wie im Rausch die Vierschanzentournee, zweimal Gold bei den Olympischen Spielen in Albertville und den Gesamtweltcup gewonnen hatte.

Fragen nach einem Auftritt bei der WM 2017 vor seiner Haustür weicht Nieminen aus. "Ich möchte derzeit einfach nur Spaß haben", sagt er. Zumindest den scheint er zu haben. "Ich kann wieder sagen: Springen ist das Beste, was man mit Skiern machen kann. Ich habe mich wie ein kleiner Bub gefühlt", sagte der einstige Superstar.

Oder Tournee-Rekordsieger Ahonen, dessen Denkmal seit seiner 2009 erschienenen Autobiografie Risse hat, weil er beichtete, zumindest semialkoholisiert zum Skifliegen angetreten zu sein. Dass der heute 38-Jährige 2013 zum zweiten Mal zurückkehrte, erklärt er selbst mit dem Ziel, einmal gemeinsam mit Sohn Mico (14) zu springen. Finnische Medien erklären es mit chronischen Geldproblemen. Im Weltcup tauchte Ahonen nach gesundheitlichen Problemen zuletzt nicht mehr auf. Dafür aber bei den Meisterschaften, wo er prompt Erster und Zweiter wurde.

Geschlagen wurde Ahonen einzig auf der Normalschanze – von einem gewissen Niko Kytoesaho. Kytoesaho ist gerade 16 Jahre alt geworden. Einen Funken Hoffnung also gibt es noch. (sid, red, 18.2.2016)

  • Schon zweimal kehrte Janne Ahonen in den Skisprung-Weltcup zurück. Der 38-Jährige ist längst kein Überflieger mehr. Angeblich springt der fünfmalige Weltmeister nur noch aus Geldnot.
    foto: apa/epa/antonio bat

    Schon zweimal kehrte Janne Ahonen in den Skisprung-Weltcup zurück. Der 38-Jährige ist längst kein Überflieger mehr. Angeblich springt der fünfmalige Weltmeister nur noch aus Geldnot.

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