UNHCR: Griechenland vor Migrantenstau, neue Fluchtrouten in die EU

19. Februar 2016, 07:00
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Binnen 14 Tagen könnte das griechische Flüchtlingswesen kollabieren, so sich dort die Neuankommenden stauen

Wien/Athen – Mit großer Sorge beobachtet man beim UN-Flüchtlingshochkommissariat UNHCR die zunehmenden Beschränkungen für Flüchtlinge an den Staatsgrenzen auf der Westbalkanroute. Am Mittwoch seien 4.600 Asylsuchende und Migranten in Booten aus der Türkei auf den griechischen Inseln angekommen, so viele wie zuletzt Anfang Jänner, sagt Christoph Pinter, Leiter des Büros des UN-Flüchtlingshochkommissariats (UNHCR) in Wien.

"Unsere Mitarbeiter vor Ort gehen davon aus, dass jetzt, wo das Wetter wieder besser ist, in den kommenden Tagen von ähnlichen Ankunftszahlen ausgegangen werden muss", meint Pinter im STANDARD-Gespräch.

Sollte das eintreffen und den Menschen die Weiterreise über den Westbalkan sehr erschwert oder gar verunmöglicht werden, drohe "binnen ein, zwei Wochen" ein Kollaps der Flüchtlingsbetreuung in Griechenland. Auf dem Festland stünden dort nur "zwischen 30.000 und 35.000 Unterbringungsplätze" zur Verfügung.

Alternative Fluchtwege

Zu rechnen, so Pinter, sei dann aber auch damit, dass sich die Flüchtlinge und Migranten andere Wege suchen, um nach Mittel- und Westeuropa zu gelangen – denn die Erfahrung zeige, dass man Menschen, die vor Todesgefahr und Elend fliehen, letztlich nicht daran hindern könne. Verschiedene Ausweichrouten gebe es schon, und sie würden zunehmend frequentiert: so etwa die Route "aus Griechenland über Bulgarien, Rumänien und Ungarn nach Österreich".

In Ungarn, wo Migranten wegen illegalen Grenzübertritts seit September Haftstrafen riskieren – und das von Flüchtlingen danach gemieden wurde -, seien zuletzt wieder vermehrt Asylanträge registriert worden. Pinter: "Im Februar waren es bisher rund 600, davor im gesamten Jänner 550."

Ungarn durchreisen

Durch Ungarn wagen sich derzeit vor allem Menschen aus Staaten wie Pakistan, dem Iran, Algerien und Marokko, die schon seit einigen Wochen von Griechenland nicht mehr nach Mazedonien gelassen werden. Doch, so Pinter, die Schlepper würden auch weitläufigere Umwege nutzen.

Sollte etwa die griechisch-mazedonische Grenze für Flüchtlinge völlig geschlossen werden, würden mehr Menschen "von der Türkei durch das Schwarze Meer nach Rumänien" – und weiter über Österreich nach Westeuropa – kommen. Oder mehr Bootsflüchtlinge würden versuchen, aus der Türkei direkt nach Albanien und von dort nach Italien zu gelangen – all dies unter, so Pinter, "massiver Lebensgefahr".

Selbst eine "Wiederbelebung der großen Seeroute von Libyen nach Lampedusa" durch Schlepper hält das UNHCR für denkbar.

Mehr Resettlement nötig

Dass es in der EU doch noch zu einem solidarischen Vorgehen kommt, hält Pinter aufgrund der in Flüchtlingsfragen dominierenden nationalstaatlichen Interessen derzeit für unwahrscheinlich. Dennoch: Der Flüchtlingsdruck auf die EU-Außengrenzen werde sich nur verringern, wenn es legale Einreisemöglichkeiten für Verfolgte gebe, wiederholt er.

"Über die Hotspots und die Relocation der 160.000 Asylwerber hinaus, die dringend vorangetrieben werden müsste, brauchte es dazu Resettlement-Programme in großem Stil für weit mehr anerkannte Flüchtlinge als die für 2016 und 2017 EU-weit zugesagten 20.000", sagt der Experte.

Brasilien aufnahmebereit

Doch konkrete Hoffnung auf großzügigeres Resettlement für syrische Kriegsflüchtlinge gebe es nur "auf internationaler Ebene". In Vorbereitung einer UN-Konferenz am 30. März habe zuletzt etwa Brasilien angekündigt, "mehrere Tausend" Flüchtlinge einreisen zu lassen. (Irene Brickner, 19.2.2016)

  • Gerade angekommen: Flüchtlinge und Migranten, darunter viele Frauen und Kinder, drängten sich am Donnerstag im Hafen von Mytilene auf der griechischen Insel Lesbos. Tags davor, am Mittwoch, hatten insgesamt 4600 Menschen die griechischen Inseln erreicht.
    foto: afp / aris messinis

    Gerade angekommen: Flüchtlinge und Migranten, darunter viele Frauen und Kinder, drängten sich am Donnerstag im Hafen von Mytilene auf der griechischen Insel Lesbos. Tags davor, am Mittwoch, hatten insgesamt 4600 Menschen die griechischen Inseln erreicht.

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