Amerikanischer Albtraum: Schwarze Männer stecken in Armutsfalle fest

19. Februar 2016, 09:40
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Wer in den USA in einer miesen Gegend aufwächst, schwarz und männlich ist, steigt selten auf

Wien – In den USA zerbrechen sich Medien und Wissenschafter seit geraumer Zeit den Kopf: Die Wirtschaft brummt, die Arbeitslosenrate ist wieder so niedrig wie vor der Finanzkrise. Trotzdem haben deutlich weniger Menschen einen Job als in der Vergangenheit. Ein Trend, der schon länger zu beobachten ist. Viele jüngere US-Amerikaner scheinen aus dem Arbeitsmarkt und damit aus dem System gefallen zu sein. Sie haben die Jobsuche aufgegeben und zählen damit nicht mehr als arbeitslos.

foto: afp/jason redmond
Bei schwarzen Männern verfestigt sich Armut in der Kindheit viel eher als bei Frauen – vor allem wenn es Probleme in der Familie gibt.

Eine Studie, die in den USA große Wellen geschlagen hat, könnte nun Licht ins Dunkel bringen: Ein Team von Forschern der Unis Harvard und Stanford hat herausgefunden, dass vor allem schwarze Männer, die in ärmlichen, instabilen Verhältnissen in Problemvierteln aufgewachsen sind, aus dem Arbeitsmarkt fallen.

Normalerweise ist die Beschäftigungsquote, also der Anteil an Leuten mit Jobs in einer Gruppe, unter Männern deutlich höher als unter Frauen. Der Mann sorgt für das Einkommen, die Frau passt auf die Kinder auf. Das gilt in abgemildeter Form noch in allen reichen Ländern der Welt so. Das Team um den 36-jährigen Raj Chetty, einem der angesehensten Jungökonomen der USA, hat nun entdeckt, dass unter Kindern aus den ärmsten 25 Prozent der Familien in den USA deutlich mehr Frauen arbeiten als Männer. Das liegt aber wohl nicht daran, dass dort die Männer auf den Nachwuchs aufpassen, sondern in die Ausweglosigkeit und Kriminalität abdriften.

Die Forscher nutzen dazu Daten von zehn Millionen Kindern, die zwischen 1980 und 1982 geboren sind. Deren Eltern teilen sie dann nach Einkommen ein. Beim ärmsten Viertel der Familien haben die Männer mit 30 Jahren viel seltener einen Job als die Frauen. Das deutet der Studie zufolge darauf hin, dass Buben in ihrem späteren Leben viel stärker von Armut in ihrer Kindheit betroffen sind. Besonders stark ist der Effekt bei sozial instabilen Familien: Auch unter ihnen scheinen Buben deutlich stärker zu leiden als Mädchen. Das trifft nicht nur Schwarze, sie aber öfters und stärker.

Umziehen lohnt sich

Die Ökonomen haben aber noch tiefer gegraben und einen weiteren Hinweis gefunden. Nicht überall in den USA verfestigt sich Armut bei Buben so drastisch. Der Effekt ist in jenen Regionen groß, wo die Armen unter sich sind. In Vierteln, wo Arme und Reiche gemischt leben, fällt der Aufstieg deutlich leichter. Das könnte bedeuten, dass in letzter Zeit mehr Menschen aus dem System fallen, weil Ungleichheit und Segregation gestiegen sind, heißt es in der Arbeit.

Bereits im Vorjahr hat der Ökonom Chetty mit Kollegen die entscheidende Rolle der Nachbarschaft, in der Kinder aufwachsen, erforscht. In den 1990ern wurden arme US-Amerikaner per Lotterie ausgewählt. Sie bekamen Gutscheine, um in bessere Gegenden zu ziehen. Kinder unter 13, die umgezogen sind, haben mit Mitte 20 um ein Drittel mehr verdient als Kinder, die nicht umgezogen sind.

Weniger Abschottung

Für die Ökonomen zeigt das auch die Lösung des Problems auf: "Wir müssen die Abschottung zwischen Arm und Reich verringern", sagt Jeremy Majerovitz, einer der Forscher, zum STANDARD. Im Moment würden viele arme Kinder im Umfeld vieler anderer armer Kinder aufwachsen. "Wir bauen selbst Sozialwohnungen so, dass die Armen untereinander wohnen. Wenn man die besser aufteilt, kostet das nicht einmal mehr Geld", sagt er. Eine andere Studie von Chetty zeigte 2014, dass die Aufstiegschancen für Kinder in den USA heute nicht niedriger seien wie in den 1970ern.

Viele Experten waren überrascht, weil die Schere zwischen Arm und Reich zuletzt massiv aufgegangen ist. Weil sich der Reichtum aber nur ganz oben konzentriere, seien die Chancen der Restbevölkerung davon nicht betroffen, folgerten die Ökonomen. Der Aufstieg ist in den USA trotzdem unwahrscheinlicher als in anderen Ländern. Ihre Arbeit zeige, wie man den "American Dream" etwas realistischer machen könne, so Studienautor Majerovitz. (Andreas Sator, 19.2.2016)

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