"Der ideale Mann": Einem Haifisch geht niemals die Luft aus

18. Februar 2016, 16:24
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Dem Theater schon. Dennoch ist Oscar Wildes Stück in den Kammerspielen Linz sehenswert

Linz – Oscar Wilde (1854–1900) wurde wegen "homosexueller Unzucht" zu zwei Jahren Gefängnis mit schwerer Zwangsarbeit verurteilt. Die gesundheitlichen Folgeschäden und ein dadurch bedingtes Leben in Armut führten zum frühen Tod des irischen Schriftstellers. Man ist in diesem Zusammenhang immer wieder verleitet, in Wildes Werken nach die Norm brechenden Begehrensformen zu suchen. Das kann gut ausgehen, wie am Landestheater Linz, wo Lord Goring, der ewige Junggeselle und Dandy in Der ideale Mann (Übersetzung: Elfriede Jelinek), Züge einer Dragqueen trägt.

In Bernarda Horres' Inszenierung singt diese Königin zum Auftakt ein unerhört schönes Lied. Sie (Christian Manuel Oliveira) steht im bodenlangen Kleid auf dem Podest einer blauen Glitzervarietébühne, und das Publikum hält, kaum wurden die Saaltüren geschlossen, den Atem an. Sie, die in weiterer Folge Lord Goring spielt, bleibt die interessanteste Figur des Kammerspiel-Abends.

Als der nicht in das Konzept der Londoner Politprominenz passende Sohn von Lord Caversham (Lutz Zeidler), ein Liebling der Frauen, ist Goring jene schillernde Randfigur, in der man Oscar Wilde selbst wiedererkennen mag. In diffusen, schön sicheren Bewegungen macht Oliveira diese Rolle zum Erlebnis, ohne jemals – und das ist selbst im Queer-Theorie-Theater bemerkenswert – Ironie zuzulassen. Goring wird so zu einem selbstbewussten Typ, der die Korruptheit seiner Society souverän-träge aus gesunder Distanz beobachtet.

Allerdings erzeugt das Ensemble schon im ersten Akt auf der Politparty bei den Chilterns (Peter Pertusini, Katharina Wawrik) weniger London- als St.-Pölten-Atmosphäre. Dafür sind nicht nur die fantasielosen Kostüme verantwortlich (das "kleine Schwarze" in Desigual-Varianten), sondern auch der halbherzig fingierte Smalltalk am Bühnenrand. Da ist bald die Luft draußen.

Apropos Luft: Das blaue Varieté-Podest wandelt sich im nächsten Akt zum Whirlpool, dann zur Sauna, in der Geschäfte à la russe abgewickelt werden. Und mit dem Hereinschweben eines ferngesteuerten Haifisch-Luftballons, der im blauen Schnürboden seine Kreise zieht, erscheint der Pool in weiterer Folge als Haifischbecken der Finanzjongleure. Denn die Kernintrige von Der ideale Mann handelt vom Erpressungsversuch der Mrs. Cheveley (Bettina Buchholz), die für ihr "hybrides Alpenkanalprojekt" Geld auftreiben will. Die lautmalerische Wortkreation Jelineks zielt – wie auch in Barbara Freys herzhafter Burgtheaterinszenierung 2011 – punktgenau auf den Hypo-Alpe-Adria-Skandal. Am Ende obsiegt die Moral, und dennoch planschen alle Haie fröhlich weiter.

Das Podest wandelt sich schließlich noch zum Boudoir des Lord Goring (Bühne: Anja Jungheinrich), dessen Begegnungen mit seinem Vater zu den schönsten Szenen des Abends gehören. In Seidenstrümpfen und Jackett steht Goring seinem alten Herrn gegenüber, der seinen Sohn wiederum so gerne als stämmigen Kabinettspolitiker sähe. Ist aber nicht. Die Blicke des Bedauerns und der Beruhigung darüber sprechen Bände. (Margarete Affenzeller, 18.2.2016)

Bis 4. 5.

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Kammerspiele Linz

  • Zwei Freunde im Zwist: Christian M. Oliveira, Peter Pertusini (li.).
    foto: christian brachwitz

    Zwei Freunde im Zwist: Christian M. Oliveira, Peter Pertusini (li.).

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