Brainstorming macht kreativ? Irrtum!

25. Februar 2016, 09:45
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Zu dritt, zu viert, mit Zettel und Stift entstehen die besten Einfälle? Stimmt nicht, sagen Wissenschafter. Plus: Strategien, wie gute Ideen eher entstehen

Brainstorming ist eine vielgeliebte Praxis im Büro: Bei jeder Gelegenheit, bei jeder Sitzung soll gemeinsam nachgedacht werden – in der Hoffnung auf außergewöhnliche Ideen. Im Kollektiv sei man kreativer, produktiver, lautet die Annahme, und sporne sich gegenseitig zu gedanklichen Spagaten an.

1939 von dem Werbefachmann Alex F. Osborn erfunden, erscheint das "Brainstorming" als innovative Technik – mit der es allerdings ein Problem gibt: Sie bringt nicht den gewünschten Erfolg. "Seit 50 Jahren belegt die psychologische Forschung, dass Brainstorming nicht besonders gut funktioniert", sagt der Sozialpsychologe Wolfgang Stroebe, einer der führenden Experten zu dem Thema, der "Süddeutschen Zeitung".

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Brainstorming, "using the brain to storm a problem" – wörtlich: das Gehirn zum Sturm auf ein Problem verwenden.

Schon Experimente, die 1958 an der Universität Yale durchgeführt wurden, zeigten, dass Studierende, die alleine an einer Aufgabenstellung arbeiteten, doppelt so viele Ideen hervorbrachten wie jene, die brainstormten – und eine unabhängige Jury bewertete diese Ideen im Schnitt auch noch als besser. Erst kürzlich wiesen auch Psychologen der Universität von Pennsylvania im Anschluss an eine Studie über kollektive Entscheidungsfindung darauf hin, dass Brainstorming schlecht funktioniert.

Der Grund dafür könnte sein, wie Wissenschafter an der Texas A&M University vermuten, dass sich eine Gruppe zu leicht auf eine Idee oder Möglichkeit fixiert und die anderen gar nicht in Betracht zieht. Das führe gegebenenfalls zu einer "Ideenkonformität": Man imitiert unbewusst die anderen und produziert somit Ideen, die einander sehr stark ähneln. "Also wird man möglicherweise sogar unkreativer", sagt Studienleiter Nicholas Kohn.

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Brainstorming ist eine von Alex F. Osborn 1939 entwickelte Methode zur Ideenfindung, die das Entstehen neuer, ungewöhnlicher Ideen in einer Gruppe von Menschen fördern soll.

Ein anderes Forscherduo, Nicholas Kohn und Steven Smith, machte auch soziales Faulenzen (Social Loafing) für die Ineffizienz von Brainstorming verantwortlich: Alle halten sich unbewusst zurück – und leisten damit in der Gruppe weniger, als wenn sie allein in ihrem Büro vor sich hinarbeiten würden.

Weitere Nachteile des Brainstormings: Es führt laut Kohn unbewusst in eine Sackgasse, wahllos werden Ideen gesammelt, schlechte können nicht aussortiert werden. Zudem kommen introvertierte Gruppenmitglieder gar nicht zu Wort.

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Besser als Brainstormen: alleine seine Gedanken aufschreiben. Zum Beispiel in einem Notizbuch.

Wesentlich sinnvoller als herkömmliches Brainstorming ist laut den Experten, jeden alleine arbeiten und die Gruppe am Ende über die Ergebnisse beraten zu lassen. Kleine Gruppen würden die Bereitschaft aller Teilnehmer erhöhen, sich am Gespräch zu beteiligen. Auch das Nachdenken alleine bringe mehr. Als Strategien, um auf gute Ideen zu kommen, nennen sie:

  1. Alleine spazieren oder joggen gehen: vorzugsweise im Grünen, denn das regt nachweislich die Produktivität an.
  2. Aufschreiben und kritzeln: mit Notizblock oder der elektronischen Version Sketchnote. Empfehlenswert ist auch, sich die Aufgabenstellung aufzumalen – und dann seine Gedanken dazu.
  3. Alleine sein: am besten ohne Computer und Smartphone in Reichweite einfach beobachten.
  4. Zu zweit spazieren gehen: Alleine spazieren gehen funktioniert, ebenso kann der Spaziergang mit einem Vertrauten helfen oder mit jemandem, der das Problem ebenfalls kennt und bearbeitet. Zu zweit kommt man weiter, denn Input und Resonanz sind notwendig, wenn man sich erste Gedanken zu etwas gemacht hat.
  5. Blöde Ideen haben: Man hat nicht auf Kommando gute Einfälle – sie findet man nur, wenn man auch blöde zulässt.
  6. Darüber schlafen: Hat man sich am Nachmittag oder Abend intensiv mit einem Problem auseinandergesetzt, ist es gut, darüber zu schlafen. Denn das Gehirn verknüpft über Nacht die Informationen noch einmal anders, als man es bewusst untertags tut. Und vielleicht kommt so die Eingebung.
  7. Ausprobieren: So begreift man die Problemstellung und lernt dabei etwas über das Wesen des Problems.
  8. Lesen: Sehr wahrscheinlich ist man nicht der Erste, der vor dieser Art von Problem steht. Wie haben es andere gelöst? Ratsam ist, mit jemand anderem in der Abteilung, in der Firma, in der Branche zu sprechen oder bei diesem nachzulesen. (lib, 25.2.2016)
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