DVD und Blu-ray: Die Scheibenwelt geht langsam unter

28. März 2016, 15:03
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Netflix und Co. gewinnen den Kampf ums Wohnzimmer – nur die IT-Infrastruktur hinkt noch nach

Es ist nicht einmal zehn Jahre her, da pilgerten Film- und Serienfreunde noch in die Läden, um sich die cineastischen Werke ihrer Wahl auf DVD zu kaufen. Langsam hielten auch Blu-rays Einzug in die Geschäfte und versprachen dank drastisch erhöhter Speicherkapazität mehr digitale Features und bessere Bildqualität. Das Angebot im Internet beschränkte sich – sieht man von illegalen Quellen ab – auf Bezahl-Downloads.

Schlechte Aussichten für neue UHD-Blu-ray

Das Streaminggeschäft steckte damals noch in den Kinderschuhen. 2006 hatte erst Spotify Pionierarbeit im Musikgeschäft geleistet. Doch seitdem hat sich viel verändert. Der US-Konzern Netflix baute sich vom DVD-Verleih zum Video-on-Demand-Anbieter um. Mittlerweile mischen in diesem Geschäft auch Riesen wie Amazon und Google mit.

Der Wandel ist ein grundlegender. Blickt man auf die Zahlen der letzten fünf Jahre, lassen sich zwei Schlüsse ziehen. Erstens: Streaming wird den Kampf um die Wohnzimmer gewinnen. Zweitens: Der langsame Abschied von der Scheibenwelt bedeutet auch für die Zukunft der neuen Ultra HD-Blu-ray nichts Gutes.

DVD-Verkäufe brechen ein

Exemplarisches dafür liefert der US-Markt, üblicherweise Vorbote für Europa, starke Indizien. Blickt man auf die Gesamtverkäufe der Top-10 DVDs, zeigt sich, dass die seit der Jahrtausendwende in Mode gekommene Silberscheibe 2012 wohl ihren Zenit erreicht hat. Seitdem haben die Verkäufe und Umsätze um mehr als die Hälfte nachgelassen. Verkauften sich "Harry Potter and the Deathly Hallows – Part 1" (2011) und "The Hunger Games" (2012) als Topseller noch über sieben Millionen Mal, wanderte der beste Film von 2015, "American Sniper", gerade einmal 2,5 Millionen Mal über den Tresen.

Nicht einmal Anomalien wie Disneys enorm erfolgreiches Märchenabenteuer "Frozen" (elf Millionen Verkäufe 2014) wirkten sich auf die Gesamttendenz aus. Dass "American Sniper" heuer wohl von "Star Wars: The Force Awakens" klar überholt werden dürfte, verkommt ebenfalls zur Randnotiz.

Blu-ray dürfte Zenit überschritten haben

Während die DVD-Verkäufe fallen, konnten sich die Blu-ray-Verkäufe bis 2014 steigern. Auch hier dürfte die Spitze der Entwicklung aber schon erreicht worden sein. Nach zwei Jahren Stagnation haben Blu-rays 2015 erstmals DVDs bei den verkauften Stückzahlen (bezogen auf die Top-10) hinter sich gelassen.

Das ist allerdings dem Rückgang des DVD-Marktes zu verdanken, denn die Blu-ray-Verkäufe ließen vergangenes Jahr ebenso spürbar nach. Und obwohl man hier noch etwa 20 Prozent über dem Jahr 2011 liegt, sind die Umsätze durch den gesunkenen Durchschnittspreis bereits unter das damalige Niveau gefallen.

Scheiben verlieren, Digital boomt

Der Gesamtmarkt zeichnet kein besseres Bild. Fasst man die Top 10 DVDs und Blu-rays zusammen, ergibt sich sowohl bei Stückzahlen, als auch bei den Umsätzen ein Minus von 20 Prozent zu 2011.

Völlig gegensätzlich sieht es am Digitalmarkt aus. Laut den Angaben der Digital Entertainment Group konnte sich das Geschäft mit Downloads, Streams und anderen rein digitalen Vertriebsformen im gleichen Zeitraum mehr als verdoppeln – von 3,99 Milliarden Dollar auf 8,9 Milliarden.

Branchenmotor Netflix

Einen guten Teil davon macht der Erfolg von Netflix aus. Gemäß Daten von Statista aus dem Jänner 2016 zeichnet der Streaming-Anbieter zu Spitzenzeiten für 37 Prozent des gesamten Download-Datenverkehrs der US-Internetprovider verantwortlich. Verzeichnete man vor fünf Jahren 21,67 Millionen Video-Abonnements, sind es mittlerweile 44,74 Millionen bei einer Gesamtpopulation von etwa 320 Millionen.

Selbst wenn man kommerzielle Abos und Mehrfachanmeldungen in großen Haushalten ausklammert, dürften mehr als zehn Prozent der Bevölkerung bei dem Unternehmen als Kunde registriert sein. Der Jahresumsatz liegt mittlerweile bei über vier Milliarden Dollar. Die Entwicklungskurve zeigt sowohl für Netflix, als auch den Gesamtmarkt ziemlich geradlinig nach oben. Es gibt derzeit keine Anzeichen, dass sich dies 2016 spürbar ändern wird.

Hoffnungsträger: UHD-BR

Doch die Unterhaltungsindustrie hat das Geschäft mit den Scheiben noch nicht aufgegeben. Seit Anfang des Jahres sind in den USA erste Player für die UHD-Blu-ray erhältlich. Sie bietet eine Videoauflösung von 3.840 x 2.160 (gemeinhin "4K" genannt) auf bis zu 100 GB Speicherplatz, Unterstützung für HDMI 2.0 und neue 3D-Audio-Formate. Dazu wurde der DRM-Kopierschutz erweitert und das einst gehypte, jedoch gefloppte 3D-Format entsorgt.

"4K" ist auch der Hoffnungsträger der schon länger darbenden Fernseher-Industrie. Die ultrahohe Auflösung in Kombination mit neuen, meist gekrümmten Formfaktoren, soll die Trendwende bringen. Denn das Geschäft stagniert seit drei Jahren bei Absatzzahlen von rund 40 Millionen Geräten in ganz Nordamerika. Analysten prophezeihen den UHD-Fernsehern einigen Erfolg. Strategy Analytics etwa geht laut 4k.com davon aus, dass rund die Hälfte aller US-Haushalte bis 2020 aufrüsten wird.

4K wird die Scheiben nicht retten

Dass sich die neuen TV-Geräte, deren Preise mittlerweile deutlich gesunken sind, durchsetzen werden, ist angesichts des wachsenden Geräteportfolios auch nur eine Frage der Zeit. Doch retten werden sie die neue Blu-ray nicht.

Denn es wird dauern, bis entsprechende Player und Filme erschwinglich geworden sind und Fernseher integrierte Laufwerke mitbringen. Bis dahin sollten die wichtigsten Streaming-Portale längst genügend 4K-Content in ihrem Sortiment haben. Netflix und Youtube unterstützen die Auflösung schon seit einiger Zeit. Derweil waren Mitte Jänner gerade einmal etwa 40 Filme auf UHD-Blu-rays bei Amazon.com vorbestellbar, dokumentiert Golem.

fotomontage: netflix und flic.kr/p/bpnt1v (CC-Lizenz)
Das Zeitalter der Filmscheiben geht langsam, aber sicher, zu Ende.

Hemmschuh Telekomnetz

Die IT-Infrastruktur ist der wohl einzige Hemmschuh für den Streaming-Markt. In den USA sind schnelle Internetzugänge teuer und oft gibt es keine echten Flatrates. Der Markt besteht vielerorts aus Regionalmonopolen der großen Anbieter, die sich selten in die Quere kommen. Einige Gegenden sind dazu notorisch unterversorgt.

Der durchschnittliche US-Haushalt ist laut Zahlen von Akamai mit einer Bandbreite von 12,6 Megabit pro Sekunde ans Netz angebunden, drei Viertel der Bevölkerung sind mit 15 Megabit oder weniger unterwegs. Das reicht in der Regel für stabile Übertragung von Full HD-Content, dürfte 4K-Streaming aber für viele Menschen zu einem Wartespiel machen – insbesondere in Haushalten mit mehreren TV-Geräten und PCs.

Bis Projekte wie Google Fiber oder Telekom-Startups wie Starry diese Situation aufbrechen, werden noch einige Lenze vergehen. Eine Galgenfrist für die Scheibenwelt, bevor sie in der Nische versinkt. (Georg Pichler, 28.03.2016)

Links

Netflix

4k.com

Golem

List of Countries by Internet Connection Speed (Wikipedia/Akamai)

The Numbers

Digital Entertainment Group

Datengrundlage

Die der Analyse zugrunde liegenden Daten stehen als Google-Sheet unter Creative Commons-Lizenz (CC-BY-SA 3.0) zur Verfügung. Kein wissenschaftlicher Anspruch.

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