Warum man andere dazu bringen kann, Böses zu tun

19. Februar 2016, 17:45
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Forscher untersuchen in Anlehnung an das Milgram-Experiment den Unterschied zwischen Befehl und freier Entscheidung

London/Wien – Vor mehr als 50 Jahren machte das Experiment des US-amerikanischen Psychologen Stanley Milgram weltweit Schlagzeilen: Um Gehorsam gegenüber Autoritäten zu testen, ließ er ab 1961 Probanden vermeintlich Elektroschocks an Personen im Nebenraum geben, wenn diese Aufgaben nicht lösen konnten. Der "Schmerzempfänger" war ein Schauspieler, der mit Schreien enorme Schmerzen simulierte. Erstaunlich schien, dass die meisten Probanden auf Anweisung der Versuchsleiter hin mit dem Experiment fortfuhren, anstatt angesichts der Schmerzen, die sie scheinbar zufügten, abzubrechen – obwohl sie offensichtlich mit ihrem Gewissen rangen.

Milgram selbst sagte dazu: "Die extreme Bereitschaft von erwachsenen Menschen, einer Autorität fast beliebig weit zu folgen, ist das Hauptergebnis der Studie und eine Tatsache, die dringendster Erklärung bedarf." Seine Arbeit, die er 1964 publizierte und die als eines der klassischen Experimente in der Psychologie gilt, schien einen Hinweis darauf zu liefern, warum so viele Personen im Dritten Reich zu Handlungen bereit waren, die zu Folter und Tod von Mitmenschen führten.

"Nur Befehle ausgeführt"

Obwohl das Experiment methodologisch und ethisch kritisiert wurde, hat es viele Wissenschafter dazu angeregt, die Feinheiten solcher Handlungen zu erforschen – bis heute. Die jüngste Studie in der Tradition Milgrams stammt von einem belgisch-britischen Forschungsteam um Patrick Haggard. Der Ansatzpunkt der Neuro- und Kognitionsforscher: Angeklagte – im Extremfall etwa bei den Nürnberger Prozessen gegen nationalsozialistische Täter – sagten oft, sie hätten "nur Befehle ausgeführt".

Die Wissenschafter fragten sich, ob Personen mit derartigen Aussagen nur vermeiden wollen, zur Verantwortung gezogen zu werden, oder ob mehr dahintersteckt: Gibt es einen Unterschied zwischen der freiwilligen Entscheidung, jemandem etwas anzutun, und dem entsprechenden Ausführen eines Befehls? Im Unterschied zu Milgram nahmen Haggard und Kollegen einen Umweg: Während das Milgram-Experiment und nachfolgende Studiendesigns die direkten Verhaltensweisen analysierten, die von sozialen Normen beeinflusst sein können, beschäftigten sich Haggard und Kollegen mit einem indirekten Maß.

Wahrnehmung negativer Konsequenzen

Dieses Maß wird als "Autonomieempfinden" (sense of agency) bezeichnet. Dabei geht es um die Wahrnehmung, dass die eigenen Handlungen eine äußere Folge verursacht haben. "Wenn man zum Beispiel auf einen Lichtschalter drückt und ein Licht angeht, nimmt man diese beiden Ereignisse als beinahe gleichzeitig wahr, auch wenn es eine Verzögerung gibt", erklärt Haggard das Phänomen.

Die Forscher haben in einer vorangegangenen Untersuchung bereits festgestellt, dass das Autonomieempfinden von Menschen geringer ist, wenn ihre Aktionen eine negative Konsequenz haben, als bei einer positiven Konsequenz. Haben sie für etwas Positives gesorgt, wurden die Ereignisse – der Druck einer PC-Taste und belustigende Geräusche – fast zeitgleich wahrgenommen. Bei Geräuschen, die Angst oder Ekel hervorrufen, war die empfundene Zeitdifferenz zwischen Knopfdruck und Folge signifikant größer.

Freie Entscheidung versus Befehl

In der neuen Studie, die im Fachblatt "Current Biology" erschienen ist, erforschte das Team den Unterschied zwischen dem Befehl und der freien Entscheidung zu einer Handlung. In einem ersten Experiment wurden Probanden paarweise zusammengesetzt, eine Person als Handelnde, die andere als Opfer. Die handelnde Person konnte sich entscheiden, ob sie der Gegenübersitzenden Geld wegnahm – beziehungsweise einen kleinen, aber schmerzhaften Elektroschock verpasste – und dafür selbst mehr Geld erhielt oder nicht. Nachdem sie die Taste betätigte, die das Gegenüber verschonte oder "bestrafte", ertönte ein Laut und sie musste schätzen, wie groß die Zeitdifferenz zwischen Tastendruck und Ton war. Im Durchschnitt betrug die gefühlte Differenz 370 Millisekunden.

foto: haggard et al., current biology
Versuchsaufbau des zweiten Experiments

Zum Vergleich führten sie ein zweites Experiment durch. Dabei erhielt die handelnde Person Anweisungen von einem Versuchsleiter, wie sie sich zu entscheiden hatte. Die Zwangssituation sorgte dafür, dass die Handelnde die Dauer von Druck bis Ton auf durchschnittlich 435 Millisekunden schätzte, was auf ein geringeres Autonomieempfinden hindeutet. Der Unterschied mag nicht nach viel klingen, ist aber statistisch hochsignifikant. Darüber hinaus wurde per Elektroenzephalografie (EEG) gemessen, dass die Verarbeitung der Konsequenz im Gehirn beim Ausführen eines Befehls abgeschwächt war, verglichen mit der eigenen Entscheidung.

"Keine Legitimation"

Das spricht dafür, dass sich Menschen, die auf einen Befehl hin handeln, tatsächlich weniger verantwortlich für die Konsequenzen ihrer Tat fühlen und nicht nur so tun als ob, um der Missgunst ihrer Mitmenschen oder einer anderen Strafe zu entgehen. Die Autoren vermuten, dass das reduzierte Autonomieempfinden ein kognitiver Mechanismus ist, um sich von manchen Handlungen zu distanzieren oder die Verbindung zwischen eigenen Entscheidungen, Taten und Folgen zu schwächen, wie er auch bei den Nürnberger Prozessen aufgetreten sein könnte.

Eine Legitimation solcher Verteidigungstaktiken soll ihre Arbeit jedoch nicht darstellen. "Rational handelnde Täter sollten wissen, dass sie für ihre Handlungen verantwortlich bleiben", heißt es in der Studie, und weiter: "Gesetze könnten jedoch ihren Fokus von den Befehlsausführern hin zu den Befehlsgebern wenden und diese daran hindern, eine Position zu missbrauchen, in der sie andere zu etwas zwingen können." (sic, 19.2.2016)

  • Befehle werden anders verarbeitet als freie Entscheidungen: Bestimmen andere, ist unsere Distanz zu den Konsequenzen größer.
    foto: istock / igor stevanovic

    Befehle werden anders verarbeitet als freie Entscheidungen: Bestimmen andere, ist unsere Distanz zu den Konsequenzen größer.

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