Türkei macht syrische Kurdenmiliz für Anschlag verantwortlich

18. Februar 2016, 11:01
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28 Tote und dutzende Verletzte nach Anschlag auf Militärkonvoi in Ankara, sechs Tote bei weiterem Anschlag in der Südosttürkei

Ankara – Der schwere Anschlag in der türkischen Hauptstadt Ankara ist nach Angaben von Ministerpräsident Ahmet Davutoğlu von einem Kurden aus Syrien verübt worden. Die syrische Kurdenmiliz "Volksverteidigungseinheiten" (YPG) habe das Attentat zusammen mit der türkischen Arbeiterpartei Kurdistans (PKK) ausgeführt, sagte Davutoğlu am Donnerstag. Neun Personen seien in Zusammenhang mit dem Anschlag festgenommen worden.

Syrische Kurden dementieren

Der Chef der wichtigsten syrischen Kurdenpartei, der Partei der Demokratischen Union (PYD), hat am Donnerstag die Verantwortung seiner Partei für den Anschlag auf einen Militärkonvoi in Ankara bestritten, bei dem Mittwochabend 28 Menschen ums Leben gekommen waren.

Die von der türkischen Regierung geäußerten Beschuldigungen zielten klar darauf ab, in Syrien eine Intervention zu versuchen. Die YPG, die von der Türkei verantwortlich gemacht wird, ist der bewaffnete Arm der PYD.

Neuer Anschlag

Zudem wurde am Donnerstag ein Militärkonvoi im Südosten der Türkei von einer Explosion erschüttert. Mindestens sechs Menschen seien getötet worden, hieß es aus Sicherheitskreisen. Die Explosion ereignete sich demnach auf der Straße zwischen der Kurdenmetropole Diyarbakır und dem Bezirk Lice. Der Südosten der Türkei ist Schauplatz heftiger Auseinandersetzungen zwischen der Armee und Kurden.

28 Tote in Ankara

Bei dem Anschlag in Ankara wurden am Mittwochabend mindestens 28 Menschen getötet und 61 verletzt, sagte der stellvertretende Ministerpräsident Numan Kurtulmuş. Es handle sich um einen Angriff "auf die gesamte Nation".

foto: reuters/umit bektas
Die Zugänge zum Tatort in Ankara wurden mit Sichtschutz verhängt.

Seit dem bislang blutigsten Anschlag in der Türkei, bei dem im Oktober bei einer prokurdischen Friedensdemonstration in Ankara 103 Menschen getötet worden waren, gilt im Land die höchste Terrorwarnstufe.

Davutoğlu sagt Teilnahme an Brüsseler Beratungen ab

Davutoğlu sagte nach dem Anschlag seine Teilnahme an Gesprächen über die Flüchtlingskrise in Brüssel ab. Er wollte am Donnerstag mit der deutschen Kanzlerin Angela Merkel und dem griechischen Premier Alexis Tsipras sprechen. Außerdem sollte er die Staats- und Regierungschefs der "Koalition der Willigen" treffen. Auch dieser Minigipfel, der in der österreichischen EU-Vertretung stattfinden sollte, wurde laut STANDARD-Informationen abgesagt.

foto: afp / stringer
Am Ort der Explosion brach ein Brand aus.

Der Anschlag wurde international verurteilt. Bundeskanzler Werner Faymann zeigte sich "erschüttert". Merkel erklärte: "Die Bundesregierung verurteilt diesen neuerlichen terroristischen Akt auf das Schärfste." Auch Frankreichs Präsident François Hollande verurteilte das "schändliche Attentat" und versicherte der Türkei seine Unterstützung. Auch die iranische Regierung sprach der Türkei ihr Mitgefühl aus. "Dieser Anschlag hat erneut bewiesen, wie wichtig und notwendig der gemeinsame Kampf gegen die Terroristen ist", sagte der iranische Außenministeriumssprecher Jaber Ansbari.

Auch UN-Generalsekretär Ban Ki-moon verurteilte den Anschlag. Er hoffe, dass die Verantwortlichen rasch zur Rechenschaft gezogen würden, sagte Ban am Mittwochabend. "In dieser tragischen Zeit stehen die Vereinten Nationen den Menschen und der Regierung der Türkei solidarisch zur Seite."

Erdoğan: Werden Kampf gegen Terror noch entschlossener führen

Präsident Recep Tayyip Erdoğan berief ein Sicherheitstreffen ein und sagte eine Reise nach Aserbaidschan ab. Er kündigte an, den Kampf gegen den Terror noch entschlossener weiterzuführen. "Die Türkei wird nicht zögern, von ihrem Recht auf Selbstverteidigung jederzeit, überall und unter allen Umständen Gebrauch zu machen", erklärte Erdoğan. Die Regierung verhängte aus Gründen der "nationalen Sicherheit" eine Nachrichtensperre über den Anschlag, die aber nicht offizielle Verlautbarungen betrifft.

Die prokurdische Oppositionspartei HDP, der Erdoğan eine Nähe zur PKK vorwirft, verurteilte den Anschlag am Mittwochabend.

foto: reuters/ihlas news agency
Zwei Busse sollen Ziel des Attentats gewesen sein.

Zu der Explosion kam es im Regierungsviertel Çankaya vor dem Hauptquartier der Luftwaffe in der Nähe des Parlaments. Ziel des Anschlags waren nach Armeeangaben Fahrzeuge, die Militärangehörige transportierten. Auf Fotos vom Anschlagsort waren ausgebrannte Busse zu sehen. Die Bombe sei explodiert, als die Fahrzeuge gegen 18.30 Uhr (17.30 MEZ) bei einer Ampel hielten, teilte die Armee mit. Sie bestätigte, dass Soldaten unter den Opfern sind, machte aber keine Angaben zu deren Anzahl. Nach Angaben des Provinzgouverneurs explodierte eine Autobombe.

foto: afp / ihlas news agency / stringer / turkey out
Rauch stieg nach dem Attentat im Zentrum Ankaras auf.

Eskalation zwischen Militär und PKK

Türkische Sicherheitskräfte sind in den vergangenen Monaten vor allem in der Südosttürkei Ziel von PKK-Anschlägen geworden. Im September starben bei einem PKK-Anschlag in dem kurdischen Dorf Dağlıca 16 Soldaten. Die Armee geht seit Mitte Dezember mit einer Offensive gegen PKK-Kämpfer im überwiegend von Kurden bewohnten Südosten der Türkei vor. In mehrere Bezirken gelten Ausgangssperren, zuletzt weitete die Armee ihren Einsatz auf die Stadt Idil aus, wo es in der Nacht auf Mittwoch schwere Gefechte gab. Ein mehr als zwei Jahre anhaltender Waffenstillstand zwischen PKK und Regierung war im Juli gescheitert, seither eskaliert der Konflikt.

In der Vergangenheit kam es jedoch auch immer wieder zu Anschlägen, die nicht von der PKK verübt wurden, sondern der Terrormiliz "Islamischer Staat" oder linksterroristischen Gruppen angelastet wurden. Im vergangenen Monat riss ein Selbstmordattentäter in Istanbul elf deutsche Touristen in den Tod, die Regierung machte den IS dafür verantwortlich. (Reuters, APA, red, 17.2.2016)

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