Algerien droht wegen niedrigen Ölpreises die Pleite

18. Februar 2016, 09:00
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Ölpreistief lässt Einnahmen des Staates schwinden, die Regierung kontert mit Steuererhöhungen

Des einen Freud, des anderen Leid. Der niedrige Ölpreis kurbelt den Konsum in den westlichen Ländern an. Doch die Produzentenländer haben es schwer. Algerien ist eines davon. Fallende Öl- und Gaspreise lassen die Einkünfte des Landes stürzen. Mittlerweile pendelt der Preis pro Barrel zwischen 30 und 40 Dollar. Algier rechnete mit über 100 bis 110 Dollar. Die Kassen sind zunehmend leerer.

Mehr als 97 Prozent der algerischen Exporte entfallen auf Erdöl und Erdgas. 60 Prozent des Staatshaushaltes werden mit den Einkünften aus dem Öl- und Gasexport gedeckt. Die wichtigsten Haushaltsposten sind Subventionen von Grundnahrungsmitteln und Energie (23 Prozent des BIP), sozialer Wohnungsbau und die Löhne der Bediensteten in öffentlichen und staatlichen Unternehmen sowie Beamten. Der Staat beschäftigt direkt oder indirekt 60 Prozent der arbeitenden Bevölkerung. Die Jugendarbeitslosigkeit liegt offiziell bei 25 Prozent. Viele sehen keine Zukunft.

Keine Sozialkürzungen

Seit 2013 ist der Preis für Erdöl um 72 Prozent und der für Erdgas um 53 Prozent gesunken. Schuld daran ist ein weltweites Überangebot. Das wichtigste Opec-Land Saudi-Arabien pumpt, was das Zeug hält, um US-Frackingöl aus dem Markt zu kicken. Saudi-Arabien hat dabei einen Wettbewerbsvorteil, denn nur wenige Länder fördern Öl so billig wie die Wüstenmonarchie.

An Sozialkürzungen traute sich Algerien bisher nicht heran. Die Angst vor sozialen Konflikten sitzt tief. Erinnerungen an den Preisverfall in den 1980ern kommen auf. Damals brach nach einer Revolte der großstädtischen Jugend das Einparteiensystem zusammen; die Islamisten stiegen in der Gunst der Wähler. 1992 putschte das Militär nach einem Wahlsieg der Religiösen. Das Land versank im "dunklen Jahrzehnt" mit 200.000 Toten. "Hält der Preisverfall länger an, ist das besorgniserregend", gesteht die Regierung ein. Bisher nimmt Algier ein steigendes Budgetdefizit in Kauf. Es geht ans Eingemachte, Rücklagen werden verbraucht. In zwei bis drei Jahren könnte die Staatskasse leer sein, fürchten Experten.

Viele Steuern wurden erhöht

Viel ist vom Ausbau von Landwirtschaft und Industrie die Rede, der Importe ersetzen soll. Doch seit den 1970ern, als die erst ein Jahrzehnt unabhängige französische Ex-Kolonie versuchte, mittels Petrodollars eine eigene Industrie aufzubauen, ist nur wenig geschehen. Viele Betriebe schlossen. Die Industrie macht nur noch fünf Prozent des BIP aus. Selbst Orangen werden inzwischen importiert, Konsumgüter sowieso.

Die Regierung in Algier versucht zaghaft gegenzusteuern. Der Dinar wurde abgewertet, die Mehrwertsteuer auf viele Produkte, die nicht zum täglichen Bedarf gehören, von sieben auf 17 Prozent angehoben, Alkohol, Tabaksteuer und die Abgaben auf Kosmetikartikel gar um 40 und 60 Prozent, Pkws werden mit Einfuhrzöllen belegt, die Kfz-Steuer stieg zu Jahresbeginn ebenso, wie Benzin- und Strompreis. Das soll Einnahmen für die Staatskasse bringen und das Außenhandelsdefizit durch weniger Konsum importierter Güter verringert werden.

Sinkt der Ölpreis weiter?

Bei wichtigen Projekten, wie dem Ausbau der Straßenbahn in Algier und anderen Großstädten oder der tausend Kilometer langen Ost-West-Autobahn ist die Finanzierung nicht mehr gesichert. Bauabschnitte werden aufgeschoben.

Ob der Ölpreis durch Förderquoten steigt, ist fraglich. Analysten von Goldman Sachs prophezeien bereits unter 20 Dollar für das Ende dieses Jahrzehntes. Das würde in Algerien nicht einmal die Kosten für die Förderung von 20,40 Dollar pro Fass decken. (Reiner Wandler aus Madrid, 18.2.2016)

  • Algerien ist massiv vom Verkauf von Öl ins Ausland abhängig. Der Ölpreisverfall macht dem Land zu schaffen.
    foto: reuters / karpukhin

    Algerien ist massiv vom Verkauf von Öl ins Ausland abhängig. Der Ölpreisverfall macht dem Land zu schaffen.

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