Zwei statt drei Sanitäter im Rettungswagen

18. Februar 2016, 05:30
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Organisationsreform bei Wiener Berufsrettung bringt Sorge um Wohl der Patienten

Wien – "Wir werden beleidigt, bespuckt und geschlagen. Unser Job ist extrem anstrengend. Ich bemerke, dass meine Konzentration oft nachlässt." Die Schilderungen eines Mitarbeiters der Wiener Berufsrettung klingen alarmierend. Der Sanitäter, der seinen Namen nicht in der Zeitung lesen möchte, wendet sich via E-Mail an den STANDARD. Er will darüber informieren, dass sich die Arbeitsbedingungen für Sanitäter in letzter Zeit drastisch verschlechtert hätten. Er mache sich Sorgen um das Wohl vieler Patienten, sagt er. Die Überlastung sei bei den Mitarbeitern so groß, dass die beste Betreuung nicht mehr gewährleistet sei.

Kritik vom Kontrollamt

Was war geschehen? Seit einiger Zeit wird bei der Wiener Berufsrettung (MA 70) heftig umstrukturiert. Ausgehend von einem Bericht des Kontrollamts (heute Stadtrechnungshof) im Jahr 2009 wird das Rettungswesen systematisch umgestellt. Zum einen betrifft das die Dienstzeiten. Gab es früher 24-Stunden-Schichten, wird seit 2010 gemäß einer EU-Verordnung nach und nach auf 12,5-Stunden-Schichten umgestellt. Dafür wurden 180 neue Mitarbeiter aufgenommen.

Bisher wurde die Dienstform in fünf Stationen im Westen und Süden Wiens umgestellt. Von rund 780 Sanitätern ist die Hälfte bereits im 12,5-Stunden-Dienst, heißt es auf Anfrage des STANDARD. Mit März soll die Station Mariahilf folgen. Für die Patienten ist es ein Gewinn, wenn Rettungsteams nach beispielsweise zehn statt nach zwanzig Stunden Dienst zu einem Notfall gerufen werden, sagt ein Sprecher.

Gravierender scheint jedoch die zweite große Umstellung zu sein. Denn seit einem Jahr werden die Rettungswagen nach und nach nur noch mit zwei statt wie bisher drei Sanitätern besetzt (inklusive Fahrer). Erklärung dafür: Das sei in den meisten europäischen Städten schon Standard.

Der Mitarbeiter, der anonym bleiben möchte, warnt: "Was, wenn ein Patient mehr als 150 Kilogramm wiegt? Was, wenn wir reanimieren müssen?" Einer der Sanitäter sei meist schon mit der Parkplatzsuche beschäftigt.

Dreierfahrzeuge in inneren Bezirken

Die Umstellung aller zwölf Rettungsstationen soll bis Ende 2016 abgeschlossen sein. Dann sollen 70 Prozent der Rettungswagen mit zwei Sanitätern und 30 Prozent mit drei Sanitätern unterwegs sein. Die "Dreierfahrzeuge" sollen vor allem im innerstädtischen Bereich zum Einsatz kommen.

Einsparungen bringen die Maßnahmen übrigens keine. Die Stadt Wien musste sogar zusätzliche Mittel zur Verfügung stellen. Die 12,5-Stunden-Schichten kommen teuer. Von einer Einschränkung der Versorgungssicherheit will hier niemand etwas wissen. "Die Versorgung ist auch weiterhin sichergestellt. Die Berufsrettung ist durchschnittlich in acht bis zwölf Minuten an jedem Einsatzort der Stadt", sagt ein Sprecher. (Rosa Winkler-Hermaden, 18.2.2016)

  • Jahrelang schoben die Sanitäter zu dritt je Rettungswagen Dienst. Immer öfter gibt es nun eine Zweierbesetzung.
    foto: standard/corn

    Jahrelang schoben die Sanitäter zu dritt je Rettungswagen Dienst. Immer öfter gibt es nun eine Zweierbesetzung.

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