Südkorea sucht seine verschwundenen Kinder

18. Februar 2016, 07:00
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220 Kinder werden vermisst, nachdem sie lange nicht in der Schule waren. Eine Untersuchung zeigt, wie verbreitet Gewalt der Eltern gegen die Jüngsten ist

Als die Polizisten in einem Vorort von Seoul die Leiche eines Siebenjährigen im Kühlschrank der Eltern entdeckten, stritten diese den Mord mit einer abstrusen These ab: Als sie ihren Sohn eines Abends im Oktober dazu bringen wollten, ein Bad zu nehmen, sei dieser unglücklich hingefallen und hätte dabei das Bewusstsein verloren. Ohne ihn jemals ins Krankenhaus zu bringen, sei ihr Zögling einen Monat später, laut Aussage der Mutter, "plötzlich gestorben". Von der Polizei darauf angesprochen, warum Teile der Leiche fehlten, entgegnete die 34-Jährige: "Die habe ich die Toilette runtergespült und im Müll entsorgt."

Südkorea wird derzeit von einer regelrechten Kindsmord-Epidemie erfasst. Allein in den vergangenen Wochen sind mehr als drei Leichen von Kindern entdeckt worden, die allesamt von ihren Eltern zu Tode misshandelt worden sind. Sie sind nur die Spitze des Eisbergs: Acht weitere Kinder wurden nach schwerem häuslichem Missbrauch in Kinderheime gesteckt, weitere 13 Fälle werden polizeilich untersucht.

Der Staat muss sich den Vorwurf gefallen lassen, seine jüngsten Bürger nicht genügend vor Gewalt zu schützen. Und die Gesellschaft steht vor der schmerzhaften Frage, inwieweit die traditionellen Erziehungskonzepte den grassierenden Kindesmissbrauch begünstigen.

Zu Tode gehungert

Die Debatte wurde im Dezember des Vorjahres durch den Fall eines elfjährigen Mädchens angestoßen: Drei Jahre lang wurde es von seinen Eltern gefangen gehalten, gefoltert und ausgehungert. Dass es so weit kommen konnte, hat vor allem mit der laxen Gesetzgebung zu tun.

Wenn sich Eltern weigern, ihre Kinder zur Schule zu schicken, können diese maximal zu einer Strafe von umgerechnet 800 Euro verdonnert werden.

Laut Angaben der Bildungsbehörden wurde jedoch eine solche Strafe bislang noch nie ausgesprochen. Und nach 90 Tagen Fernbleiben vom Unterricht fallen die Kinder aus der staatlichen Überwachung heraus. Nach geltendem Recht können weder Lehrer noch Nachbarn Kinder für vermisst melden, sondern nur die Eltern.

Seit Jänner wurde nun eine landesweite Untersuchung eingeleitet, um dem Fernbleiben von mehr als 220 Schülerinnen und Schülern nachzugehen, die die staatliche Kontrolle aus den Augen verloren hat. Von einer Handvoll Kindern fehlt noch immer jede Spur.

Hohe Rate an häuslichem Missbrauch

Lange Jahre war es eine unausgesprochene Wahrheit: Südkorea leidet an einer hohen Rate an häuslichem Missbrauch, wobei das Thema stets unter den Teppich gekehrt wurde. Erst mit dem wachsenden Bewusstsein in der Gesellschaft schnellen die Statistiken der angezeigten Fälle in die Höhe: 2014 ist die Zahl an missbrauchten Kindern im Vergleich zum Jahr davor um 50 Prozent gestiegen.

Knapp mehr als zehntausend Fälle wurden von der Polizei bestätigt, die Dunkelziffer dürfte weitaus höher liegen. In mehr als 80 Prozent der Fälle waren die Täter die leiblichen Eltern der Kinder. Trotz der Ausmaße des Problems gibt es landesweit gerade einmal 37 Heime für missbrauchte Kinder, die rund 250 Betten fassen.

Körperliche Züchtigung

Was in vielen europäischen Ländern gemeinhin als Missbrauch anerkannt wird, ist in Südkorea noch immer die gesellschaftliche Norm: Körperliche Züchtigung von Kindern wird etwa in der Alltagssprache als "Stock der Liebe" beschönigt, und in den Schulen des Landes ist die Prügelstrafe erst seit dem Jahr 2010 verboten.

"Es gibt in Südkorea noch immer die weitverbreitete Annahme von Eltern, ihre Kinder vielmehr als eigenen Besitz anzusehen denn als eigenständige Wesen", sagt Yi Bae-keun, Präsident der koreanischen Vereinigung zur Prävention von Kindesmissbrauch. Lange Zeit hätte die koreanische Kultur die Rechte der Eltern über jene der Kinder gestellt: "Auch bei körperlichem Missbrauch wird die Erziehung von vielen Eltern ausschließlich als Privatangelegenheit betrachtet, in der der Rechtsstaat nichts zu suchen hat", sagt Yi. (Fabian Kretschmer aus Seoul, 18.2.2016)

  • Erscheint ein Kind in Südkorea nicht mehr zum Unterricht, so werden die Eltern zu einer Strafe von maximal 800 Euro verdonnert. Verhängt wurde diese allerdings noch nie.
    foto: epa/yang ji-woong

    Erscheint ein Kind in Südkorea nicht mehr zum Unterricht, so werden die Eltern zu einer Strafe von maximal 800 Euro verdonnert. Verhängt wurde diese allerdings noch nie.

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