Zukunftsforscher: "Wir steuern auf eine Krise der Arbeit zu"

Interview21. Februar 2016, 09:00
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Lars Thomsen erklärt, wie neue Technologien und ein Einkommen für alle zusammenhängen

STANDARD: Haben Sie manchmal Angst vor der Zukunft?

Thomsen: Ab und zu schon, aber tendenziell wahrscheinlich weniger als andere Menschen.

STANDARD: Haben Menschen eigentlich Angst vor der Zukunft oder eher vor Veränderungen?

Thomsen: Beides. Wir haben Angst vor Dingen, die wir nicht kennen. Aber die Einstellung von Menschen, die mit der Zukunft arbeiten, ist viel offener als bei anderen. Man kann seine eigene, persönliche Zukunft ganz gut gestalten, aber man kann auch an der Gesellschaft der Zukunft oder an Elementen wie einer Technologie mitarbeiten.

STANDARD: Sie haben Technologien erwähnt. Welche werden unsere Zukunft am stärksten verändern?

Thomsen: Es gibt eine Reihe von Technologien, die gerade einen Reifegrad erreichen, an dem sie relevant werden. Eines der Themen, die für uns am interessantesten sind, ist die künstliche Intelligenz. Bisher haben wir gedacht, Intelligenz ist immer mit Menschen verbunden, aber jetzt merken wir, Intelligenz kann auch mit Systemen, Maschinen und Algorithmen verknüpft werden.

STANDARD: Was macht intelligente Maschinen aus?

Thomsen: Zum einen können Maschinen menschliche Sprache schon ganz gut verstehen. Außerdem können Maschinen jetzt lernen. Das ist etwas, das lange Zeit undenkbar schien, wir haben gedacht, Maschinen werden einmal programmiert und machen dann immer das Gleiche. Doch Maschinen sind nun in der Lage, zu lernen und Muster in großen Datenmengen zu erkennen. Das betrifft viele Aufgaben, für die wir früher Menschen gebraucht haben. Viele Tätigkeiten werden in den nächsten zehn Jahren durch Algorithmen, Maschinen und künstliche Intelligenz automatisiert werden. Und das betrifft nicht nur das Fahren mit einem Auto, das in einigen Jahren das Auto selbst besser können wird als jeder Mensch.

STANDARD: Einige Firmen wie Google experimentieren schon in diese Richtung.

Thomsen: Man glaubt es kaum, aber wir sind schon dicht dran. Wenn man sieht, wie weit diese Technologie im Prototypen-Stadium ist, dann werden in zehn Jahren Versicherer sagen, wenn das Auto selbst fährt, ist der Tarif geringer, als wenn ein Mensch am Steuer sitzt, weil die Unfallhäufigkeit sinkt.

STANDARD: Kann man eigentlich die Rechenleistung eines Computers mit der des menschlichen Gehirns vergleichen?

Thomsen: Das ist nicht ganz vergleichbar. Aber ich kann ein Beispiel geben: Ein selbstfahrendes Auto muss während des Fahrens Signale von Kameras, Sensoren und Radar verarbeiten. Pro Sekunde müssen mehr als dreißig Bilder analysiert und muss darin ein Muster erkannt werden. Jetzt sind wir an einem Punkt, an dem die Sensoren eines autonomen Fahrzeugs rund 50-mal mehr Information verarbeiten als ein Mensch.

STANDARD: Welche Auswirkungen hat das auf unser Arbeitsleben und die Gesellschaft, wenn künftig viele Tätigkeiten von Maschinen übernommen werden?

Thomsen: Wir stehen vor einem enormen Umbruch, der in den nächsten zehn bis 20 Jahren auf uns zukommt. Ich vergleiche das mit der Erfindung der Dampfmaschine. Damit bekam die Menschheit eine Maschine, die mehr Kraft erzeugen konnte als der Muskel eines Pferdes oder Menschen. Dadurch sind neue Formen von Arbeit, neue Machtstrukturen und die Industrialisierung entstanden. Jetzt haben wir eine Maschine erfunden, die Denken und Entscheiden kann und zum Teil die Intelligenz des Menschen überflügelt. Wir müssen überlegen, ob wir 2030 noch Vollbeschäftigung anstreben können.

STANDARD: Kann ein solch massiver Wandel ohne Krise ablaufen?

Thomsen: Jemand, der arbeitet, bezieht Gehalt, einen Teil muss er als Steuern abgeben. Wenn Sie Menschen durch Maschinen ersetzen, beziehen diese kein Gehalt und zahlen auch keine Steuern. Damit verliert der Staat die Möglichkeit, die Sozialsysteme aufrechtzuerhalten. Wir werden also nicht umhinkommen, über eine Maschinensteuer oder digitale Dividende nachzudenken. Das Problem ist, wenn ein Land diese Steuer einführt, verliert es im Wettbewerb gegenüber denen, die das noch nicht getan haben.

STANDARD: Wie lange wird es bis zu diesem Punkt dauern?

Thomsen: Wir gehen davon aus, dass wir in den nächsten zehn Jahren auf eine Krise der Arbeit zusteuern. Wir werden 20 bis 30 Prozent der heutigen Arbeitsleistung der Menschen durch Computer ersetzen.

STANDARD: Wie kann man diese Krise überwinden?

Thomsen: Wir müssen überlegen, wie wir künftig Arbeit definieren und sinnvolle Beschäftigungen finden. Ein Heer an Arbeitslosen kann nicht die Lösung sein.

STANDARD: Aber konsumieren kann nur der Mensch, und dazu braucht er Geld. Wäre dies über ein bedingungsloses Grundeinkommen zu lösen?

Thomsen: Ich bin froh, dass Sie dieses Thema aufgreifen. Ich bin der Meinung, dass wir nicht umhinkommen, über eine andere Verteilung des erwirtschafteten Einkommens nachzudenken. Es macht eine Gesellschaft menschlicher, wenn nicht 30 Prozent Arbeitslose jeden Monat den Beweis antreten müssten, dass sie niemand braucht, damit sie ein paar Sozialleistungen bekommen.

STANDARD: Also müssen Arbeit und Einkommen entkoppelt werden?

Thomsen: Ja, zumindest in Teilen. Auf diese Weise können auch unsere Sozialsysteme reformiert werden. Menschen werden sich in Zukunft mehr gegenseitig helfen, anstatt alles immer mehr dem Staat zu überlassen, zum Beispiel wenn es um die Pflege von Angehörigen geht.

STANDARD: Können das nicht auch Pflegeroboter übernehmen?

Thomsen: Ja. Die Robotik wird mit dem Menschen eng zusammenarbeiten. Menschenähnliche Roboter mit künstlicher Intelligenz werden schon in zehn Jahren verfügbar sein. Im Jahr 2026 werden zehn Prozent der österreichischen Haushalte einen Roboter haben. Sie müssen sich diesen Markt vorstellen. Ein Roboter ist nicht gerade billig, er wird etwa die Hälfte eines Kleinwagens kosten.

STANDARD: Apropos Markt, man sagt, dass an der Börse die Zukunft gehandelt wird. Wie veranlagt ein Zukunftsforscher?

Thomsen: Ich sage Ihnen keine Einzelheiten. Aber ich investiere in Bereiche, die Dynamik für die Zukunft versprechen wie künstliche Intelligenz. Der Umbau des Energiesystems in Richtung regenerative Energien ist auch ein großes Zukunftsthema, obwohl der Ölpreis niedrig ist. Langfristig werden wir einen enormen Boom sehen. Es ist klar, dass die Dominanz der fossilen Energien bald zu Ende geht.

STANDARD: Was halten Sie sonst für aussichtsreich?

Thomsen: Im Bereich Robotik gibt es interessante Titel. Neben den Entwicklungen um humanoide Roboter gibt es zahlreiche Firmen, die sich mit der Sensorik für diese Maschinen beschäftigen, die auch in selbstfahrenden Autos und Transportsystemen eingesetzt werden. Hier entsteht derzeit eine besondere Dynamik.

STANDARD: Aber man braucht für solche Investments viel Geduld.

Thomsen: Das stimmt. Ich bin jemand, der Aktien mit einem längeren Atem kauft. Je innovativer man investiert, desto höher ist die Volatilität. Dazu muss man Nerven haben. Man sollte sich auch nicht auf Analysten verlassen, sondern selbst recherchieren und neugierig sein. (Alexander Hahn, 21.2.2016)

foto: thomsen
LARS THOMSEN (47) ist Gründer und Geschäftsführer der Beratungsgesellschaft Future Matters mit Sitz in Zürich. In zehn Jahren werden zehn Prozent der österreichischen Haushalte einen intelligenten Roboter besitzen, glaubt er.
  • Einsteigen auf eigene Gefahr: Google testet einen Prototyp des selbstfahrenden Autos. Es wird wahrscheinlich nicht mehr allzu lange dauern, bis diese Technologie auch unsere Straßen befährt.
    foto: ap / tony avelar

    Einsteigen auf eigene Gefahr: Google testet einen Prototyp des selbstfahrenden Autos. Es wird wahrscheinlich nicht mehr allzu lange dauern, bis diese Technologie auch unsere Straßen befährt.

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