"Zeitgenössisch hat nichts mit Kostümen zu tun"

Interview18. Februar 2016, 10:25
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Ab Freitag zeigt das Theater an der Wien Gioachino Rossinis "Otello". Regisseur Damiano Michieletto und Dirigent Antonello Manacorda im Gespräch über Fehler und die Auflösung von Klischees

STANDARD: Sie arbeiten seit einigen Jahren regelmäßig zusammen. Was macht Ihren künstlerischen Austausch für Sie besonders?

Michieletto: Ich denke, dass wir beide die Verantwortung über unsere Bereiche übernehmen. Aber um Oper zu machen, müssen diese Bereiche wirklich zusammenspielen. Oper ist eine Fusion von Worten, Musik und Szene – und wir brauchen eine ebensolche Verbindung musikalischer und inszenatorischer Ideen. Beide Seiten befruchten einander. Das kann auch heißen, sich kritisch mit verschiedenen Sichtweisen auseinanderzusetzen. Wir müssen nicht in allem und jedem übereinstimmen. Darum geht es auch gar nicht.

Manacorda: Das Wichtigste bei der Zusammenarbeit ist, dass man einander zuhört. Besonders bei uns ist, dass es praktisch keine Hierarchien gibt, wenn wir zusammenarbeiten. Es gibt bei uns auch kaum getrennte Arbeitsphasen. Viele Dirigenten kommen ja erst zu den letzten Proben. Wenn immer es möglich ist, bin ich hingegen – so wie bei dieser Produktion – vom ersten Probentag an dabei, weil ich mich bereits da mit Ideen einbringen kann und das auch für mich selbst ein sehr wichtiger Schutz ist.

STANDARD: Was schätzen Sie aneinander persönlich?

Michieletto: Wenn ich mit Antonello zusammenarbeite, fühle ich mich gelöst, weil ich weiß, dass ich ihm absolut vertrauen kann. Dazu gehört auch die Möglichkeit, Fehler zu machen. Ich habe schon mit Dirigenten zusammengearbeitet, bei denen ich davor Angst hatte. Aber bei den Proben ist es immer sehr wichtig, Dinge einfach auszuprobieren, wie das Wort schon sagt. Sonst arbeitet man immer nur auf Sicherheit, geht nie ein Risiko ein. Ich glaube, Antonello kann immer gut nachvollziehen, was ich gerade ausprobieren möchte, und beobachten, ohne zu verurteilen.

Manacorda: Ich möchte Damiano nicht über die Öffentlichkeit Komplimente ausrichten. Das Publikum kennt ihn, glaube ich, und weiß, was es an ihm hat. Eine Sache ist aber schon wichtig: Es ist sehr selten, dass man einen Regisseur hat, der an ein Stück herangeht, als ob es gestern geschrieben worden wäre. Das ist genau das, was ich mir wünsche: einen zeitgenössischen Zugang. Und das hat nichts mit den Kostümen oder mit dem Bühnenbild zu tun. Die meisten Stücke, die wir machen, haben wir schon oft gehört und gesehen. Ich möchte aber wissen, warum wir heute immer noch Mozarts Zauberflöte spielen oder auch Rossinis Otello.

STANDARD: Warum spielen Sie "Otello"?

Michieletto: Ich denke, das Hauptthema der Geschichte ist der Konflikt zwischen einer Gesellschaft und jemandem, der anders ist. Otello wirkt im Libretto und in der Partitur von Beginn an als Fremder. Er löst eine geradezu rassistische Furcht aus. Diese Furcht kennen wir aus unserer heutigen Gesellschaft, sie ist deshalb für mich eines der wichtigsten Elemente, um die Geschichte zu interpretieren. Die Gesellschaft wird in meiner Inszenierung eine Art Familie, die sich schützen möchte vor dem Fremden, der andere Traditionen, eine andere Religion und eine andere Art zu leben hat.

Manacorda: Für mich ist die Sache ein wenig anders, weil Rossini hier das Modell einer Belcanto-Oper entwickelt, die meinem sonstigen Repertoire nicht wirklich entspricht. Ich würde dieses Stück nicht mit einem anderen Regisseur machen wollen – und auch nicht an einem Repertoiretheater. Normalerweise sieht man Belcanto als große Show für die Stimmen. Dagegen ist natürlich gar nichts zu sagen. Aber die Musik steht oft ausschließlich im Dienst der Stimme, und es ist sehr schwierig, das aufzubrechen. Wir versuchen, die Belcanto-Klischees aufzulösen und Möglichkeiten zu finden, musikalisch auf Tuchfühlung mit der Geschichte zu kommen.

STANDARD: Nochmals zum Grundsätzlichen. Was, würden Sie sagen, ist im Verhältnis zwischen Szene und Orchestergraben wichtiger: Spannung oder Harmonie?

Michieletto und Manacorda: Spannung.

Michieletto: Aber das heißt nicht Konflikt. Spannung ist etwas Essenzielles.

Manacorda: Und es gibt keine Harmonie ohne Spannung. (Daniel Ender, 17.2.2016)

Damiano Michieletto, geboren 1975 in Venedig, führt an vielen führenden Opernhäusern und Festivals der Welt Regie. 2008 wurde er mit dem Franco Abbiati Award ausgezeichnet. Am Theater an der Wien inszenierte er zuletzt 2013 Mozarts "Idomeneo".

Antonello Manacorda, geboren in Turin, ist Chefdirigent der Kammerakademie Potsdam und des Het Gelders Orkest in den Niederlanden. Mit Damiano Michieletto verbindet ihn eine langjährige Zusammenarbeit. Er gestaltete mit ihm z. B. einen Mozart/Da Ponte-Zyklus am Teatro La Fenice in Venedig. Am Theater an der Wien gibt er mit Rossinis "Otello" sein Debüt.

  • Dirigent Antonello Manacorda (li.) und Regisseur Damiano Michieletto (re.) sind ein eingespieltes Team.
    foto: herwig prammer

    Dirigent Antonello Manacorda (li.) und Regisseur Damiano Michieletto (re.) sind ein eingespieltes Team.

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