Kein guter Lauf in Stegersbach

Blog18. Februar 2016, 09:00
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Manchmal passen Bilder und Erleben nicht zusammen: Glaube ich den Fotos, war dieser Morgenlauf in Stegersbach richtig fein. Angefühlt hat er sich aber ganz anders

foto: thomas rottenberg

Manchmal erzählen die Bilder dann eine ganz andere Geschichte. Das kann gut sein – oder schlecht. Wurscht – oder interessant. Das überlasse ich ganz Ihnen. Aber vermutlich sollten Sie, bevor Sie sich eine Meinung über die Text-Bild-Schere der folgenden Strecke machen, ein wenig über die Rundum-Bedingungen wissen.

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foto: thomas rottenberg

"Text-Bild-Schere", das nur nebenbei, ist eigentlich Fernsehsprache. Damit beschreibt man ein handwerkliches No-Go: Wenn die erzählte Geschichte von den gezeigten Bildern nicht gestützt wird oder sogar von ihnen wegführt, wird es schwer bis unmöglich, dranzubleiben. Bei Print- oder Fotostrecken ist das auch problematisch – aber nicht ganz so schlimm. Im Zweifelsfall behauptet man dann eben, dass es sich um Kunst handelt. Oder zumindest um einen bewussten Bruch. Man muss das aber sagen, bevor jemand "Text-Bild-Schere!" schreit.

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foto: thomas rottenberg

Ja eh: Ich war in der Früh losgelaufen. Nicht wirklich ultrazeitig, aber doch früh genug, um danach noch genügend Zeit für Aufwachen, Duschen und Frühstück zu haben: Ich war schließlich nicht zum Vergnügen hier, sondern um zu arbeiten. Zu normalen Bürozeiten für einen ganz normalen Job. Dass der Arbeitsplatz eine Fünfsterne-Hütte (das Balance Resort in Stegersbach) war, war natürlich alles andere als unangenehm. Aber Arbeit ist trotzdem Arbeit – und ein Trainingsplan ein Trainingsplan.

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foto: thomas rottenberg

"Eine Stunde. Locker hügelig" hatte die Trainerin in den Plan geschrieben: Sandrina Illes wusste, dass ich hier sein würde. Sie wusste auch, dass ich für einen fetten Longjog keine Zeit haben würde. Und dass das Südburgenland eine traumhafte Laufregion ist: Allein in der Region von Stegersbach, hatte mir Stegersbachs Bürgermeister Heinz Peter Krammer am Tag zuvor stolz erklärt, gebe es eine "Laufarena". Über 160 Kilometer markierte Laufrouten. Wie lange ich denn hier sei – und wie lange ich laufen wolle?

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foto: thomas rottenberg

Im Hotel hatte man mir auf die Frage nach Laufrouten allerdings die "Softversion" gereicht: einen Folder mit sieben oder acht Routen. Keine davon länger als zehn Kilometer. Alle hübsch wellig und nicht zu verfehlen: Den Plan könne ich am Zimmer lassen – die Strecken seien unterwegs deppensicher markiert. ("Deppensicher" sagte die Rezeptionistin natürlich nicht. Aber ihr Blick ließ keine Zweifel aufkommen.)

"Deppensicher" heißt allerdings nicht, dass Leute wie ich das mit dem Verlaufen nicht dennoch hinkriegen. Den Beweis dafür habe ich hier. Diesmal, war ich entschlossen, würde mir das nicht passieren: Ich hatte schlicht und einfach nicht genügend Zeit dafür.

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foto: thomas rottenberg

Was weder meine Trainerin beim Schreiben des Plans noch ich beim Abholen des Laufplanes gewusst oder gar geahnt hatten, war der Zustand, in dem ich laufen gehen würde: Wellnesshotel-Abendessen-Speisepläne und Morgensport sind an sich schon oft genug inkompatibel: fünf Gänge. Ewig langes Sitzen. Zum Schluss noch Käse (dieses Käsebild ist aber vom Frühstück, Anm.): Da fühle ich mich meist bis weit nach Mitternacht wie Max und Moritz am Dach der Witwe Bolte. Aber ich esse halt verdammt gerne. Besonders, wenn es gut ist: Ich bin kein Leistungssportler, sondern Hobby- und Genussläufer: Ich werde in diesem Leben keinen Wettkampf mehr gewinnen.

Freilich: Was der Küchenchef Georg Gossi am Abend zuvor als "Heringsschmaus" auf den Menüplan gesetzt hatte, sprach allem, was man mit "Beginn der Fastenzeit" assoziieren könnte, Hohn. Auf höchstem Niveau zwar, aber eben doch: Ich schleppte mich nach dem Fünfgangmenü des Haubenkoches gefühlt (und gefüllt) zwei Kilo schwerer ins Zimmer. Aber: Das war es wert gewesen. Dachte ich, bis der Wecker läutete.

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foto: thomas rottenberg

Beim Loslaufen dachte ich, das steife, schwere Gefühl käme von der Kälte: Eiskalt war es. Auf den Wiesen der Golfplätze glitzerte Raureif. Oder Eis? Auf alle Fälle knackte und knirschte es, als ich das tat, was ich in Golfregionen immer tue, sobald keine Golfspieler in Sichtweite sind: Ich lief über den Platz. Über den Rasen, den heiligen.

Normalerweise ziehe ich dabei dann die Schuhe aus. Ist das Gefühl, barfuß durch Gras zu laufen, an sich schon großartig, macht es der kurze, dichte, straff geschnittene und perfekt gepflegte Rasen eines Golfplatzes noch einen Tick toller. Stegersbach ist ein Golfparadies (für Golfer – ich bin keiner) – allerdings nicht jetzt: Der 50-Loch-Panoramakurs hält Winterschlaf.

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foto: thomas rottenberg

Dicht aneinandergereiht und gedrängt, versuchen die Elektrocarts sich und einander in ihrem Verschlag zu wärmen und verraten – weil so brav durchnummeriert – schon beim Vorbeilaufen eins: Man braucht heute weder als Spaziergänger noch als Läufer darauf zu achten, ob man da irgendwen stört oder jemandem in die Quere kommt: Da ist nämlich niemand.

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foto: thomas rottenberg

Golfplätze sind Teletubby-Land. Bizarre, künstlich angelegte und doch harmonisch-pseudonatürlich wirkende Landschaften, in denen jede Form der Vegetation aseptisch, klinisch rein und wie aus der Retorte wirkt. Ich komme mit dieser Form von "perfectly groomed" nie ganz klar – und weiß nie, ob ich Golfplatzlandschaften als Flora-Perversion oder große Gartenkunst abspeichern soll.

Golfplätze bei Sonnenaufgang wirken dann noch einmal ein Stück absurder. Aber vollends grotesk wirkt der Golfplatz, wenn er in der Winterstarre da liegt. Wie schockgefroren. So, als sei mit dem In-den-Schlaf-Sinken von Dornröschen auch das ganze Königreich schlagartig in den Standbildmodus versetzt worden. Und habe keinen Tau, ob, wann und wie da der erweckende Kuss kommen wird.

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foto: thomas rottenberg

Ich bin kein Prinz. Sicher nicht. Schon gar nicht edel – und ganz bestimmt nicht an diesem Morgen. Ich fror nämlich wie ein Schneider. Und fluchte dementsprechend laut. Außerdem sind Prinzen rank und schlank. Ich aber fühlte mich mehr breit und tief als hoch und hager – und kam nicht und nicht in die Gänge. Schuld und Ziel meiner Verwünschungen war – natürlich – der Koch. So, als hätte nicht ich, sondern er am Abend all das Zeug in mich hineingestopft.

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foto: thomas rottenberg

An der Route selbst gab es nicht das Geringste auszusetzen. Der Weg war fein. Die Blicke und Bilder teils grandios, teils grotesk. Es war nie langweilig oder eintönig: Golf-Landschaften wechselten sich mit Waldstücken und Lichtungen ab. Die Strecke war perfekt ausgeschildert – und hübsch, aber hügelig, aber nicht zu heftig (obwohl ich das unterwegs mitunter anders empfand).

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foto: thomas rottenberg

Das einzige Manko: Der große Aussichtspunkt mit dem Mega-Panoramablick fehlte. Ich war schon früher in Stegersbach und weiß, dass es hier etliche solche Spots gibt. Aber immer dann, wenn ich dachte "jetzt, jetzt jetzt", wenn die Bäume lichter wurden und Himmel und Sonne durch sie hindurch zu lachen begannen, kam eine Biegung. Zurück in den Wald. Hinunter in die Senke.

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Irgendwann merkte ich dann, dass ich nicht allein war: Im Wald mit Headphones zu laufen ist ein Fehler, den ich immer wieder mache. Diesmal rettete mich aber ein "abkackender" Akku. Wow! Der Specht. 1.000 andere Vögel. Das Geräusch von Eis auf Holz, wenn es sich unter den Sonnenstraheln auszudehnen beginnt. Und das Knacken von Ästen: Da war ein kleines Rehrudel, das mir gleich drei oder vier Mal über den Weg lief. Oder ich ihm. Je nach Sichtweise. Langsam begann ich, den Lauf doch noch zu genießen.

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foto: thomas rottenberg

Trotzdem – und auch wenn die Zahlen danach mir gar kein so verheerend schlechtes Zeugnis ausstellten und die Stimmungen auf den Fotos auch recht fein wirken: Das war kein guter Lauf. Keiner, bei dem ich danach das Gefühl gehabt hätte, dass er mir etwas gebracht hätte. Schwerfällig. Kalt. Ungelenk. So hatte ich mich von Anfang bis zum Ende gefühlt.

Dennoch war ich froh, dass ich meinem ersten Impuls beim Läuten des Weckers nicht gefolgt war – und mich eben nicht umgedreht und noch eine Stunde weitergeschlafen hatte: Die Stimmung, mit der ich der Welt und meinen Mitmenschen dann entgegengetreten wäre, wäre eine andere gewesen. Doch so wurde es dann eben doch ein guter Tag. (Thomas Rottenberg, 18.2.2016)

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foto: thomas rottenberg

Hinweis im Sinne der redaktionellen Leitlinien: Der Aufenthalt im Balance-Resort Stegersbach erfolgte auf Einladung des Hotels Falkensteiner in Stegersbach.

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