Tiefer Ölpreis beginnt auf den Banken zu lasten

16. Februar 2016, 22:43
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Die Ölpreistalfahrt macht der Finanzindustrie zunehmend Sorgen. Die Zahl der faulen Kredite im Energiesektor wächst rasant. Droht die nächste Krise?

Wien – Geht es nach dem Lehrbuch, ist ein starker Rückgang des Ölpreises für Industrieländer eine gute Nachricht. Wenn der Sprit billig ist, sparen Autofahrer an der Zapfsäule Geld. Den Bürgern bleibt mehr übrig für den Einkauf, die Hausrenovierung oder eine Urlaubsreise. Die steigenden Konsumausgaben stärken die Unternehmen, die ihrerseits mehr Arbeitsplätze schaffen können – wovon letztlich alle profitieren.

Doch aktuell scheint in der Weltwirtschaft wenig lehrbuchkonform zu laufen, und so hat auch der starke Ölpreisverfall eine Kehrseite. Immer mehr Banken geraten unter Druck, weil sie fürchten müssen, herbe Verluste im Geschäft mit Öl- und Gasproduzenten einstecken zu müssen.

Deutliche Warnhinweise

Die deutlichsten Warnhinweise kommen aus den USA. Seit Jahresbeginn haben die Großbanken Bank of America, Citibank und JPMorgan Chase Rückstellungen in Milliardenhöhe für Ausfälle bei Darlehen an den Energiesektor gebildet. Allein bei der Citibank liegt die Zahl der faulen Kredite laut Bilanz um ein Drittel höher als noch vor einem Jahr.

Vergangene Woche ließ die Ratingagentur Standard & Poor's dann mit einer Warnung aufhorchen: Es seien gar nicht die großen überregionalen Finanzinstitute in den Vereinigten Staaten, die in Schwierigkeiten geraten werden. Bei den wirklich großen Banken machen Kredite an den Energiesektor schließlich gerade drei bis fünf Prozent aller Darlehen aus.

Turbulenzen

Doch bei vielen regional tätigen Geldhäusern, die groß im Ölgeschäft drinhängen, bahnen sich Turbulenzen an. Zu den Kredithäusern, deren Bonität Standard & Poor's senkte, gehören Banken wie BOK Financial oder Cullen Frost. Überregional kennt diese Geldhäuser niemand. Aber sie sind deshalb nicht unbedeutend. Im Gegenteil: BOK Financial ist die größte Bank Oklahomas, das Institut ist auch in Texas stark präsent. Das Geldhaus hat 20 Prozent seiner Kredite an Ölproduzenten in der Region vergeben, was sich laut Standard & Poor's nun rächt. Denn die Kreditausfälle in der Branche werden laut S&P in den kommenden Quartalen "massiv zunehmen".

Die Entwicklung ist auch eine Folge des Booms im Ölgeschäft in den vergangenen Jahren. Der Ölpreis lag nach 2010 lange stabil über 100 Dollar pro Fass. Diese Zeit nutzten viele Produzenten für Investitionen in Förderkapazitäten. Ein großer Teil des benötigten Geldes stammte von Banken. Laut Zahlen des Londoner Finanzdienstleisters Dealogic belaufen sich in den USA die ausstehenden Kredite an die Öl- und Gasindustrie auf 447 Milliarden US-Dollar, rund 400 Milliarden Euro.

Geld floss in Fracking

Genutzt wurden diese Mittel, um Methoden wie Fracking weiterzuentwickeln. Dabei kann mithilfe von Chemikalien Öl auch aus großen Tiefen gefördert werden. Nun sind in den USA genau jene Bohrfirmen, die im Auftrag von Multis das schwarze Gold aufspüren und aus dem Boden holen, in Zahlungsnöten. Die Ratingagentur Moody's bewertet 32 Prozent dieser Dienstleister als Firmen mit zweifelhafter Bonität. Jeder Kredit an sie gilt als spekulatives Geschäft. Vor einem Jahr lag die Quote bei drei Prozent.

Die Sorgen haben auf Europa übergegriffen. Was hier fehlt, sind Fakten zu den Zahlungsausfällen der Erdölindustrie. Dafür gibt es jede Menge Warnungen. Viele Analysten sehen die Krise der Ölförderer als einen der wesentlichen Gründe für die hohen Verluste bei Bankaktien in den vergangenen Wochen. So schrieb Bo Bejstrup Christensen, Chefanalyst von Danske Invest, vor kurzem an Anleger: "Wir gehen davon aus, dass die Finanzmärkte eine neue Rezession befürchten, die von einer neuen Bankenkrise angeführt wird. Mit den niedrigen Rohstoffpreisen, insbesondere für Öl, rollt eine große Verlustwelle heran."

Französisches Risiko

Laut Analysten von JPMorgan wird ein anhaltender Ölpreis von 30 Dollar je Fass vor allem französische Banken wie die Crédit Agricole und Londoner Geldhäuser wie die HSBC treffen, die stark im Energiesektor engagiert sind. Für die JPMorgan-Experten sind die Probleme im Ölgeschäft derzeit sogar die größte Risikoquelle für Europas Banken.

Freilich gibt es auch gegenteilige Meinungen. Die niederländische Bank Ing teilte vor kurzem mit, dass das Risiko wegen des Ölpreisverfalls in einigen Kreditsegmenten gestiegen sei. Zugleich profitiere aber das Bankgeschäft überwiegend von dem tiefen Ölpreis. Die Bank spüre nun, dass den Kunden mehr in der Geldbörse bleibe. Gegen die Unkenrufe spricht auch, dass der Energiesektor für Kreditinstitute ein begrenzter Markt ist (siehe Grafik).

Ökonomen warnen

Demgegenüber warnen die Ökonomen bei der Ratingagentur S&P bereits vor weiteren Folgewirkungen. Durch den Ölpreisverfall könnten ganze Regionen in Mitleidenschaft gezogen werden, die primär von der Ölförderung leben. Für den Großraum von Houston, Texas, etwa warnt S&P davor, dass die Häuserpreise, die sich nach der Finanzkrise endlich stabilisiert haben, wieder zu sinken beginnen könnten. Das wiederum würde die Hypothekenschuldner und damit letztlich die Banken treffen. (András Szigetvari, 17.2.2016)

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    foto: apa/schneider
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