Wiener Spitäler: Der technokratische Eid

Kommentar16. Februar 2016, 17:49
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Kritik ist nicht erwünscht, bedingungsloser Gehorsam wird gefordert

Der hippokratische Eid gilt als ethische Grundlage in der Medizin. Ein Arzt muss nach bestem Wissen und Gewissen handeln. Für Mediziner der Wiener Gemeindespitäler gilt aber anscheinend noch ein anderer Eid: Sie müssen sich mit den Interessen der Stadt Wien und des Wiener Krankenanstaltenverbunds (KAV) identifizieren.

Das hat Gernot Rainer erfahren. Sein Vertrag wurde nicht verlängert, weil er aus Grant auf den Umgang seines Arbeitgebers mit ihm und seinen Kollegen eine Ärztegewerkschaft gegründet hat. Bis dato wird sie zwar als solche nicht anerkannt, doch der Lungenfacharzt hat dem Unmut der Wiener Ärzte eine Stimme gegeben.

Doch Kritik ist nicht erwünscht, bedingungsloser Gehorsam – ein technokratischer Eid – wird gefordert. Nicht anders kann man es sich erklären, dass der KAV zwar in die Ausbildung des Lungenfacharztes investiert, den fertigen Facharzt mit Zusatzqualifikation aber nicht behalten will. Logisch ist das nicht. Weder die Patienten noch die Mitarbeiter werden für wichtig befunden: Es sind die Eitelkeiten eines aufgeblasenen Apparats, die hier bedient werden.

Die Stadt Wien wollte mit dem neuen Dienstmodell für Ärzte attraktiver werden. Das ist nicht gelungen. Wenn Kritiker geschasst werden und nicht mehr die fachliche Kompetenz über die Verlängerung eines Dienstvertrags entscheidet, dann muss sich der KAV fragen, wer sich mit diesem Dienstgeber überhaupt noch identifizieren will. (Marie-Theres Egyed, 16.2.2016)

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