Soziale Forschung: Wissenschaft und Gesellschaft neu denken

18. Februar 2016, 18:44
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Diskussion über Strategien für einen sozial verantwortungsvolleren Forschungsbetrieb

Wien – Gesellschaft und Wissenschaft näher zusammenbringen, die Ziele technologischer Entwicklungen mit den Bedürfnissen der Bürger besser abstimmen, bei den Entscheidungen hinter Innovationsprozessen frühzeitig mehr Stimmen miteinbeziehen und eine breitere Perspektive berücksichtigen – so könnte man das Ansinnen des Konzepts von "Responsible Research and Innovation" (RRI) umreißen, das ein Kernthema des EU-Forschungsrahmenprogramms Horizon2020 ist. Innovation soll nicht allein von Wirtschafts- und Industrieinteressen und der technologischen Machbarkeit geleitet werden.

Wie das Konzept, das ein Wegweiser der Zusammenarbeit zwischen Industrie, politischen Entscheidungsträgern, engagierter Zivilgesellschaft und Forschungsinstitutionen tatsächlich im Detail umgesetzt werden kann, welche Veränderungen, welche Werkzeuge und Prozesse dafür angewendet werden können, ist noch weniger klar. "Blurry", verschwommen, war dementsprechend auch eines der Wörter, die bei einem RRI-Workshop im Haus der Forschung in Wien mehrmals zu hören waren. Veranstalter war, unterstützt vom Wissenschaftsministerium, die steirische Forschungsgesellschaft Joanneum Research. Sie ist ein Gründungsmitglied der RRI-Plattform Österreich, die bereits eine ganze Reihe österreichischer Forschungseinrichtungen vereint.

Praktische Einblicke

Die konkreten Dimensionen, in denen sich die Forschung in Richtung Gesellschaft öffnen soll, reichen von der Einbeziehung der Bürger, das Zugänglichmachen von wissenschaftlicher Bildung und Ergebnissen bis zu Geschlechtergerechtigkeit, Gestaltung der Rahmenbedingungen für Forschung und ethischen Überlegungen. Das Theoriegebäude des Keynote-Speakers der Veranstaltung, des Philosophen Andoni Ibarra von der Universität des Baskenlandes, tauchte noch tiefer in die Theorie diesbezüglicher Beziehungsnetzwerke ein, die von "sozio-technologischer Robustheit", "relevantem Vernetzungsgrad" und "relationaler Qualität" geprägt sein sollen, um Prozesse zu starten, die sozial erwünscht und von geteilter Verantwortung geprägt sind.

Einblick in die Praxisprobleme einer allmählichen Veränderung des Forschungsbetriebs im Sinne der RRI-Dimensionen, zeigt das prototypische Projekt "RRI.TU". Marlene Altenhofer und Erich Grießler vom Institut für Höhere Studien (IHS) traten an, Wissenschafter der Technischen Universität Wien mit dem Konzept in einem Workshop vertraut zu machen, und dabei gleichzeitig den Prinzipien von IRR – keine vorgegebenen Maßstäbe, Teilnehmer aus verschiedenen Bereichen und Ähnlichem – zu folgen. Ziel war es, einen internen Prozess anzustoßen, Indikatoren und Anreize zu entwickeln und eine entsprechende Diskussionsplattform einzurichten.

Stolpersteine

Neben einem noch verschwommen wahrgenommenen RRI-Konzept zeigten sich einige Stolpersteine, die bei einer Implementierung überwunden werden müssen. Open Access und in Patenten festgeschriebenes geistiges Eigentum würden als Widerspruch gesehen, Gender-Themen und Inklusion einer breiteren Öffentlichkeit sind im Technikumfeld altbekannte Probleme.

Der Prozess hin zu einer "Wissenschaft mit und für die Gesellschaft" ist auch aus der Sicht Ibarras ein weiter: "Um das umzusetzen, müssen wir uns verändern", sagt er. "Es ist nicht möglich, das heute oder morgen zu implementieren. Aber wir müssen darüber reflektieren." (pum, 18.2.2016)

  • Der baskische Wissenschaftstheoretiker Andoni Ibarra.
    foto: amc

    Der baskische Wissenschaftstheoretiker Andoni Ibarra.

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