Alpine Radikale: Warum die Kosmetik auf Edelweiß setzt

23. Februar 2016, 05:30
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Die symbolträchtige Alpenpflanze wird gerade als Wirkstoff für Hautpflege entdeckt

Es gibt Pflanzen, die mit jeder Menge an Symbolik aufgeladen sind. Das Edelweiß zum Beispiel. Es hat militärische Bedeutung, seit es 1907 von Kaiser Franz Joseph als Abzeichen für die Gebirgsjäger auserkoren wurde. Das Edelweiß ist aber auch eine Freizeitikone, weil es der Alpenverein zu seinem Leitstern gemacht hat. Auch touristisch ist die unscheinbare Blume ein Zugpferd – wer in Amerika und Japan kennt nicht das Edelweißlied aus dem Musical "Sound of Music". Außerdem ist es ein Liebessymbol, für das viele Bergsteiger ihr Leben riskierten, um die Blume an gefährlichen Steilhängen für ihre Liebste zu pflücken.

Damit immer noch nicht genug: Das Edelweiß erweitert gerade seine Bedeutung in einem bislang unentdeckten Bereich: Seine Wirkstoffe scheinen sich in der Hautpflege zu bewähren. Für Hermann Stuppner, Pharmazeut und Experte für Pflanzenwirkstoffe an der Universität Innsbruck, wenig verwunderlich. "Edelweiß ist seit Jahrhunderten als Heilpflanze bekannt", sagt Stuppner. So wurde die Pflanze als Tee gegen Durchfall verabreicht oder bei rheumatischen Beschwerden angewendet. Stuppner und sein Team vom Center of Chemistry & Biomedicine haben im Rahmen eines FWF-Projektes mit modernen Methoden herausgefunden, was die Wirkstoffe im Edelweiß machen.

60 Wirksubstanzen

"Leontopodium ist eine interessante Pflanze", sagt Stuppner, der nach fein säuberlichem Extrahieren 60 unterschiedliche Inhaltsstoffe im Edelweiß ausmachen konnte. Als Grundlagenforscher ging es ihm darum, die genaue Wirkung im Labor zu erforschen. In einer Versuchsreihe, in der isolierte Plasmid-DNA zusammen mit Edelweißsäure, dem Hauptinhaltsstoff der Blüten, schädigenden Einflüssen wie etwa UV-Strahlen ausgesetzt wurde, konnte der Innsbrucker Wissenschafter feststellen, dass die DNA weniger Schaden genommen hatte als in der Vergleichsgruppe, die ohne Edelweißschutz dieselben Belastungen überstehen musste.

"Das sind Hinweise darauf, dass Edelweiß imstande ist, die schädliche Wirkung von freien Radikalen zu hemmen", sagt Stuppner und nennt evolutionäre Gründe: Pflanzen müssen sich, um überhaupt überleben zu können, gegen alle möglichen Einflüsse von außen wappnen, und ja, Pflanzenwirkstoffe funktionieren auch am Menschen. "Wie bei jedem Wirkstoff spielt auch bei Pflanzenextrakten die Dosierung eine große Rolle", sagt Stuppner, der den Einsatz von Edelweiß-Inhaltsstoffen bei Herz-Kreislauf-Erkrankungen erforscht, bei Kosmetika sei die Dosierung für eine Wirkung oft zu gering.

In Sonnencreme und Cremes gegen trockene Haut

Sein Nimbus, vor freien Radikalen zu schützen und damit Falten und Pigmentflecken vorzubeugen, katapultiert das Edelweiß aber gerade auf eine neue Erfolgsschiene. Sisley und Piz Buin bauen es in ihre Sonnencremen ein, Helena Rubinstein nutzt es fürs Anti-Aging und Kiehl's gegen trockene Haut.

Das steirische Unternehmen siin life konzentriert sich ausschließlich auf die Alpenblume. "Wir sind exportorientiert und haben einen typisch alpinen Inhaltsstoff gesucht, der sich international gut vermarkten lässt", sagt Jörg Tinnacher, Chef des Unternehmens. Von Graz aus wolle man Kosmetikprodukte mit Edelweiß unter den Markennamen "Sissi and Joe" und "Edelweiss" rund um den Erdball verbreiten, auch Edelweißplantagen in der Steiermark seien geplant.

Apropos Anbau: Edelweiß sind nicht nur im Alpenraum, sondern auch in der sibirischen Steppe und dem Himalaya verbreitet. Hermann Stuppner von der Uni Innsbruck hat untersucht, ob sich die alpinen Pflanzen von den asiatischen Exemplaren biochemisch unterscheiden. Das Ergebnis: ja, tun sie.

Während in Blüten und Blättern die Wirkstoffe fast ident sind, sind die Wurzeln der Pflanzen unterschiedlich. Wer übrigens glaubt, die Blüte des Edelweiß seien die pelzigen Sterne, liegt falsch. Es sind die unscheinbaren, gelben Knospen in deren Mitte. Die weißen Hochblätter, in denen sich Tautropfen fangen und die Blume zum Leuchten bringen, sind Lockmittel – nicht für Menschen, sondern für Insekten. (Karin Pollack, RONDO, 23.2.2016)

Sisley Super Soin Solaire getönte Sonnencreme. (122,50 Euro)

foto: hersteller

Helena Rubinstein Prodigy Reversis Crème. (219 Euro)

foto: hersteller

Piz Buin Mountain sun cream LSF 30. (7,49 Euro)

foto: hersteller

Edelweiss Milky Cleansing. (24,90 Euro)

foto: hersteller

Kiehl's Ultra Facial Deep Moisture Balm. (26 Euro)

foto: hersteller

Sissi and Jo Jo's Haar- und Duschgel. (5,95 Euro)

foto: hersteller
  • Die Alpenpflanze hat es nun auch ins Badezimmer geschafft: in  Tiegel und Tuben.
    illustration: dennis eriksson

    Die Alpenpflanze hat es nun auch ins Badezimmer geschafft: in Tiegel und Tuben.

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