"Badluck": Das schwierige Sprechen vom Leben im Krieg

16. Februar 2016, 16:17
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Im Theater Nestroyhof Hamakom erzählen Flüchtlinge von ihrer Heimat und wie der Krieg ihre Leben verändert hat

Wien – Wer erzeugt die vorherrschenden Stimmungen hinsichtlich der "Flüchtlingskrise"? Politik? Medien? Netzwerke? "Besorgte Bürger"? Kaum zu Wort kommen Flüchtlinge selbst. In Wien haben sie aktuell eine Plattform. Dort hat sich Hayder M. aufgestellt.

Er ist Schauspieler. Aber Schauspiel ist im Irak seit 2011 verboten, erzählt er. Als Bomben deshalb sein Elternhaus in Bagdad zerstörten, ist er geflüchtet. Eines der Projekte des 26-Jährigen in seiner Heimat war Bad Luck: Vor Publikum sprach er über das Leben im Krieg. Jetzt macht Hayder im Theater Nestroyhof Hamakom bei einem Ableger davon mit und erzählt zusammen mit fünf anderen, vier Männern und einer Frau, wie der IS und das Assad-Regime ihre Leben verändert haben.

Im Irak wohl ebenso Performance wie Gruppentherapie, hat der Erzählabend Badluck hierzulande mehr den Charakter einer doppelten Aufklärungsmission: Nicht nur geben die Akteure Erfahrungen aus erster Hand wieder. Jung, mehrheitlich männlich und allein, entsprechen sie überdies dem Durchschnittsflüchtling, dem sie mit ihren Geschichten, Gesichtern und Stimmen ihre Individualität entgegenhalten.

Aktivist gegen Assad

Von Bombendetonationen während eines ihrer Auftritte erzählt etwa Sängerin Noor. Davon, wie er als Filmemacher den Krieg im Irak dokumentiert hat und die Zusammenarbeit mit der US-Armee ihn und seine Familie erst recht in Gefahr brachte, berichtet Hayder A. Ebenso packend die Geschichte Mohameds, der mit Anfang 20 vom Rapper, Basketballer und Studenten zum Aktivisten gegen das Assad-Regime wurde. Im Untergrund hat er eine Schule betrieben und entlang der Kampflinie zwischen Regierungstruppen und der Freien Syrischen Armee gesehen, wie Menschen erschossen wurden.

Doch auch vom normalen Leben erzählen die zweieinhalb Stunden. Und fast kann man sich dieses vorstellen, wenn Wael Bilder von seinem Wohnhaus und seiner Familie in Damaskus zeigt. Bis jener Moment kommt: Er ist jetzt hier, sie nicht. Und hier ist auch Tarek und führt ein Handyvideo der Überfahrt im Schlauchboot von der Türkei nach Griechenland vor. "Ich will dich nicht verlieren", hat ihn seine Mutter letzten Frühling auf die Reise geschickt. Zuhause war er unschuldig inhaftiert. "Ihr habt uns einen sicheren Platz geboten", bedankt er sich.

Perspektiven erweitern

Theaterpädagogin Natascha Soufi und Dramaturg Karl Baratta haben das Projekt initiiert, nachdem sie viele Schutzsuchende kennengelernt und gemerkt haben, wie weit deren Wirklichkeit von den kursierenden Meinungen entfernt ist. Dieser Abend will keine Opfer heroisieren. Er will Perspektiven erweitern, Bilder ergänzen.

Das gelingt auf berührende, nicht rührselige Weise. Zu manchen öffentlich diskutierten Fragen hätte man gerne mehr gehört, etwa bezüglich der daheim Zurückgelassenen und der Pläne für die Zukunft – auch wenn diese Antworten besonders schwerfallen. Vielleicht in einer nächsten Runde. Stoff gäbe es ja genug. (Michael Wurmitzer, 16.2.2016)

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