Heimkommen zu Mulder und Scully: Lasst uns über "Akte X" reden

Blog17. Februar 2016, 11:02
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Mit ein bisschen Augenzwinkern und viel Fanservice kehren die FBI-Alienjäger auf die Bildschirme zurück

Auch 14 Jahren nach Serienende ist die Wahrheit irgendwo da draußen, aber keiner kümmert sich mehr darum, seitdem Fox Mulder und Dana Scully ihre FBI-Ausweise ab- und die Jagd nach Außerirdischen aufgegeben haben. Nun ist aus dem Agentenduo ein Middle-Ager-Paar geworden, die Welt ist immer noch voller Monster und Aliens, Verschwörungen sind dank Internet weiter verbreitet und leichter zugänglich denn je, und Gefahren lauern in dunklen Ecken des Weltalls genauso wie in den Kammern der Regierung. "Serienreif" hat sich die ersten beiden Folgen der neuen Staffel gegeben und ist sich eigentlich einig: We still mostly want to believe.

Spoilerwarnung: Wir lassen nichts aus. Es geht um die Wahrheit, die ganze Wahrheit. Und die ist auch irgendwo im Text da unten.

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Dadaaaadadadadaaaaadaaaaaaaaaaaaaa – das ist die Titelmelodie von "Akte X". Aber um die geht’s nicht, sondern darum: War früher alles besser?

Daniela Rom: Es ist so, als wären Mulder, Scully und die Aliens nie weggewesen. Mit dem großen Vorteil, dass sie weg waren und wir uns hier nicht Staffel 25 zu Gemüte führen müssen. Ist euch aufgefallen, dass der Vorspann eins zu eins der gleiche ist wie in den 1990er-Jahren? Da wurde null geändert. In der ersten neuen Folge hatte ich allerdings noch ein bisschen Probleme, Hank Moody aus Fox Mulder rauszudenken. Er schaut auch so verlottert aus wie in "Californication", und ich hab darauf gewartet, dass er sich eine Flasche Scotch reinschüttet, Scully abschmust und mit einem schwarzen Porsche davonbraust. So viel zur Oberfläche. Inhaltlich gibt es in der ersten Folge schon einige WTF-Momente. Aber gut, die Macher mussten hier auch die 14 Jahre seit der letzten Folge, den Siegeszug des Internets und einen neuen Spin für die alte Geschichte reinpacken. Das! Ist! Halt! Echt! Viel! Und so wirkt Episode eins auch ein wenig overdone.

foto: ed araquel/fox via ap
Mulder und Scully suchen die Wahrheit. Irgendwo da draußen muss sie ja sein.

Doris Priesching: Die Jahre haben Mulder zynischer gemacht, "Californication" steckt ihm offensichtlich noch in den Knochen, wenn ich das so ironisch bemerken darf. In der zweiten Folge hat er das abgelegt und ist wieder ganz der FBI-Agent mit der popoglatten Haut. Ich könnte mir vorstellen, dass Duchovny beim Einstieg absichtlich so zerknittert aussehen wollte, um den Übergang ironisch zu zitieren. Ich fand’s charmant. Die erste Folge war für mich wie Heimkommen. Die Musik, die beiden, zumindest atmosphärisch hat alles gepasst. Es geht alles ein bisschen plötzlich, und es gibt gar viele Zufälle, die eine Zusammenarbeit wieder notwendig machen. 14 Jahre lang hat es sie nicht interessiert, und dann kommt ein TV-Moderator, und sie sind wieder emotional total in der Materie? Dass sich dann aber alles umdreht und wir unser gesamtes "Akte X"-Bild in einer Folge über den Haufen werfen müssen, fand ich genial, weil dem Anlass entsprechend. Es durfte nicht mit einer Pimperlverschwörung anfangen, sondern musste etwas ganz Großes sein. Das haben sie gut hingekriegt.

Michaela Kampl: Die neuen Folgen wirken wie die Essenz der alten Folgen. Oder besser wie ein Best-of. Das schrammt sehr oft ganz knapp an Satire vorbei, was da in der ersten Folge der neuen Staffel passiert. Stimmt schon, dass da ein neuer Dreh rein musste und dass es schwierig ist, so schnell zu einem Punkt zu kommen. Aber mir ging das dann doch zu schnell. Die Aliens sind gar nicht der Feind, sondern irgendeine diffuse Elite, die Amerika übernehmen will. Und Mulder glaubt das alles. Einfach so. Und Scully kann ihn auch nicht aufhalten. Eines der vielen Dingen, die "Akte X" so gut gemacht haben, war der Zweifel. Dieses Im-Ungewissen-Bleiben. Das hatte was Märchenhaftes. Jetzt ist es einfach eine plumpe Weltverschwörung. Aber es war auch schön, alte Fernsehbegleiter wiederzusehen. Und gelacht hab ich auch viel.

Julia Meyer: Mir gefällt gerade das Satirische so gut. Dazu muss man aber auch wissen, dass ich bei der Originalserie noch klein war und die drei Folgen, die ich damals sah, mich nachhaltig in puncto Gruseligkeit traumatisiert haben. Dass gerade Jeff Winger aus "Community" den fiesen Fernsehmoderator spielt, finde ich übrigens auch einen sehr, sehr lustigen Kniff. Da hab ich gleich weniger Angst.

Daniela Rom: Ich hatte mehrmals das Gefühl, sie nehmen sich selbst und die Fans und das ganze Brimborium in den 1990er-Jahren rund um die Serie auf die Schaufel. Allein wie Mulder das "I want to believe"-Plakat zertritt und immer wieder malträtiert, scheint die Essenz der Neuauflage zu sein: Kill your darlings, aber: I still want to believe.

fox
Noch nichts von den neuen Folgen gesehen? Hier ein kleiner Vorgeschmack.

Doris Priesching: Meine Lieblingsszene: wie Mister Sanjay am Beginn der zweiten Folge die fade Firmensitzung sprengt. Bei so vielen Motivationsfloskeln muss einem ja das Rote in die Augen schießen. Es endet halt sehr schrecklich, das hat Mister Sanjay nicht verdient. Sehr lustig finde ich, dass sich Mulder mit seinem Sohn "2001 – Odyssee im Weltraum" anschaut und im Garten Raketen steigen lässt. Was für ein Freak!

Michaela Kampl: Ja, das fand ich auch schön. Das war so Oldschool-Mulder.

Daniela Rom: Ich wage an dieser Stelle schon eine Prophezeiung: Das Ende wird irgendetwas Mega-Arges mit dem Sohn von Mulder und Scully.

Doris Priesching: Vielleicht könnten wir kurz einmal hintergründig spekulieren, warum diese Fortsetzung genau jetzt so gut passt? Aus ökonomischen Gründen ist es ja klar, ganz vieles kommt gerade wieder, weil die TV-Stationen Content produzieren müssen und das Risiko scheuen. Zum Teil könnte man Schreikrämpfe kriegen, was alles erneuert wird. Stichwort "Fuller House", die garantiert gruseligste Serienpremiere des Jahres. Habt ihr den Trailer gesehen? Aber ich schweife ab: Glauben, Zweifeln – ein Thema der 1990er-Jahre kehrt zurück, und es klingt so vertraut wie die Titelmelodie. Warum passt "Akte X" so gut in die Zeit jetzt – und warum passte es damals?

Michaela Kampl: Gute Frage. Ich überlege gerade, was mir damals an der Serie so gefallen hat. Das kann ich nur aus der Fan-Perspektive beantworten. Als Teenager hab ich nicht groß reflektiert, warum mir was taugt. Es war schon auch der Gänsehautfaktor. Also ein bissi gegruselt hab ich mich oft. Die ungelöste Alien-Verschwörungsgeschichte und dass sich die als Erzählstrang über alle Folge legt, war so, dass ich keine Folge verpassen wollte. Außerdem brauchte die Frage, ob Mulder und Scully jemals schmusen werden, eine Antwort. Der Mystery-Aspekt war mir eigentlich wurscht.

Julia Meyer: Ich hatte einfach nur Angst. Und das hat meinen Willen, die Serie heimlich hinter dem Rücken der Eltern zu schauen, sehr schnell gebrochen.

Daniela Rom: Ich war als Teenager sehr an all dem Mystery/Paranormal-Zeug interessiert. Für mich war "Akte X" da schon auch sehr wichtig wegen all dieser Geschichten, die großteils sehr alt und über Kulturen hinweg bekannt sind – also nicht die Alien-Kiste, sondern der Monster-, Geister- und Anderes-Übersinnliches-Kram. Mein Teenager-Ich hat sich da gut aufgehoben gefühlt.

foto: fox reuters
Die Wahrheit ließ sich in den 1990ern am besten in der Nacht und in der Nähe von Kornfeldern suchen.

Doris Priesching: Dieses übersinnliche Dings hat ja ganz viel damit zu tun, dass man sich über den strengen Rationalismus hinwegsetzt. Vielleicht gibt es neuerdings wieder eine gewisse Sehnsucht danach? Weil das Gefühl des Fremdbestimmtseins, des Gelenkt- und Überwachtwerdens im Diesseits so erdrückend geworden ist, dass man sich wieder in Zwischenreiche begeben will? Oder ist das eh nicht neu?

Michaela Kampl: Aber geht’s in den neuen Folgen um Übersinnliches? Die große Geschichte ist ja mittlerweile eine ganz weltliche Verschwörung. Dass es Aliens gibt, wird als gegeben angenommen.

Doris Priesching: Stimmt. Vielleicht ist aber doch wieder alles anders? Ich mag mich von der Idee des Übersinnlichen nicht lösen.

Julia Meyer: Ja, ich finde die Fortsetzung insofern auch sehr entmystifiziert. Das Böse ist nicht da draußen. Das mag zwar stimmen, ist aber weniger reizvoll. Gleichzeitig, wie gesagt, mag ich dieses satirische oder ironische Augenzwinkern. Und ja, drehen kann sich noch immer alles. Wird's auch, prophezeie ich wagemutig.

Daniela Rom: Der Switch zu einer anderen, neuen Verschwörung passt auch zur Zeit dazu. Irgendwo hab ich gelesen, dass die Erstauflage von "Akte X" im Jahr 2002 endete, weil es nach 9/11 nicht mehr so einfach war, eine Serie auf der Prämisse aufzubauen, dass die Regierung böse und gegen die eigenen Leute ist.

Doris Priesching: In der Vergangenheit schwelgen: Habt ihr eine Lieblingsfolge? In meiner Erinnerung verschwimmt ja alles, aber ich weiß noch, dass ich die horrormäßigen Folgen am liebsten mochte und solche, in denen sie selbst involviert waren, gar nicht. Ich hab sie gern und mag es gar nicht, wenn einer der beiden Schmerzen erleiden muss.

Michaela Kampl: Ich erinnere mich eher an einzelne Bilder. Also daran, wie die Serie visuell ausgeschaut hat. Davon wird auch viel in den neuen Folgen zitiert – abgesehen vom übernommenen Vorspann. Die Art, Monster so zu zeigen, dass sie sehr plastisch und auch grauslig waren, das war schon sehr eigen. Schon sehr 90er und aber auch sehr "Akte X"ig. Als Bild seh ich noch diese schemenhaften Hände durch irgendwelche undurchsichtigen Materialien hindurch. Das würde heute vielleicht anders gelöst, aber auch in den neuen Folgen nehmen sie das sehr bewusst wieder auf.

Julia Meyer: Da als Kind zu verängstigt, hab ich mir das Ganze erst später angeschaut. Und trotz der technischen Möglichkeiten bzw. Effektschwächen hat mich die dritte Folge der ersten Staffel fürchterlich gegruselt: "Squeeze", in der so ein Typ mit Leuchtaugen sich durch die Organe von Menschen immer wieder verjüngt. Dafür muss er sie natürlich erstmal rausreißen. Außerdem kann er durch Luftschächte und Kanalisation und solche Sachen flutschen. Das erinnerte mich wieder an Stephen Kings "Es", aber gut, anderes Thema. Begeistert hat mich schon als Kind die Ausstrahlung von Scully.

foto: reuters/fox broadcasting/handout
2002 war die Wahrheit so nah, dass sie Mulder und Scully schon ins Gesicht blies.

Michaela Kampl: Können wir bitte kurz über Scully und Mode reden? In den 90ern war sie ja eingehüllt in dicke Mäntel und Hosenanzüge, die – wie damals üblich – locker und weit geschnitten waren. Sexy war sie nicht. Also zumindest nicht so in-your-face-sexy. In den neuen Folgen ist das nicht mehr so. Die Hosenanzüge sind körperbetont, die Blusen weit aufgeknöpft – zumindest für Scully-Verhältnisse – und das OP-Gewand tailliert. Das ist zum Teil auch der aktuellen Mode geschuldet, aber sicher nicht nur. Und das gefällt mir nicht.

Daniela Rom: Es ist halt heute alles glatt und hollywoodesk. Tatsächlich habe ich Scully noch immer als sehr cooles Role-Model in Erinnerung. Also in den 90ern war das schon sehr ungewöhnlich, dass die nicht schick angezogen ist und die toughe, aber immer lässige Frau ist. Ich muss aber sagen, dass ich mich so wohl in meiner Teenage-Fangirl-Rolle fühle, dass ich über die 2016er-Glätte einfach hinwegsehe und es als ästhetisches State of the Art sehe.

Julia Meyer: Dieses Kühle, Distanzvolle und vor allem Kluge wurde halt in den 90er-Jahren mit Understatement-Mode noch betont. Wobei mir die Sachen gefallen haben und auch noch gefallen. Wichtiger ist möglicherweise, dass Scully in den alten Folgen ein ganz neuer Frauentypus in Serien war. Gut, "Cagney und Lacy" vielleicht. Aber im Unterschied zu heute, wo die Serienlandschaft voll ist mit toughen CSI-Ermittlerinnen, kommt sie mir rückblickend sehr fortschrittlich vor. Diesen Bonus hat die heutige Figur nicht mehr. Mulder nervt mich heute wie gestern. Kann keine Beziehung zu dem Mann aufbauen, finde ihn aber amüsant. Heute wie gestern.

Doris Priesching: Moment mal, hier widerspreche ich entschieden! Dass Scully heute dünner ist als damals, daraus kann man doch niemandem einen Vorwurf machen. Ich finde, sie schaut tipptopp aus! In "The Fall" übrigens genauso gut, man muss ja nicht absichtlich jemanden hässlicher machen, als er ist. Ich hätte auch die Botschaft nicht verstanden. Mulder schaut ja auch nur in der ersten Folge kalifornisch versoffen aus und ist danach der schniegelglatte Typ von eh und je. Da sagt keiner was. Und Mulder ist Mulder, zart und Hundeblick – der ist doch putzig. Und bitte, erwähn "Cagney und Lacey" nicht, da werde ich sentimental. Warum gibt's davon keine Fortsetzung?!

Daniela Rom: Solange sich Scully und Mulder immer noch mit Nachnamen ansprechen, ist mir weiterhin egal, wie sie ausschauen. (Michaela Kampl, Julia Meyer, Doris Priesching, Daniela Rom, 17.2.2016)

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