Stütze für Ungarn-AKW würde Stromkosten erhöhen

16. Februar 2016, 05:30
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Eine Staatsbeihilfe für das AKW Paks II in Ungarn würde laut einer Studie auch Österreich betreffen. Deutsche Haushalte würde sie 200 Millionen kosten

Brüssel/Budapest/Wien – Der umstrittene Ausbau des Kernkraftwerkstandorts Paks 120 km südlich von Budapest hätte erhebliche Verwerfungen auf den Strommärkten der Nachbarstaaten zur Folge. Die Stromkosten für Haushalte würden steigen, Anbieter, die Wind- oder Solarstrom statt an der Börse direkt bei Anlagenbetreibern kaufen, wären benachteiligt. Das ist das Ergebnis einer Studie, die von Greenpeace Energy, den Stadtwerken Schwäbisch Hall und Mainz in Auftrag gegeben wurde.

Laut der vom Berliner Analyseinstitut Energy Brainpool gemachten Studie würde der grenzüberschreitend gehandelte ungarische Atomstrom den deutschen Börsenstrompreis um rund 70 Cent je Megawattstunde (MWh) drücken. Zum Vergleich: Grundlaststrom kostet derzeit 21,50 Euro je MW.

Schere ginge auf

Der prognostizierte preisdämpfende Effekt ist nur auf den ersten Blick gut. Sinkt der Strompreis an der Börse, steigen die Kosten für erneuerbare Energie, weil sich die Schere zwischen Großhandelspreis und den garantierten Einspeisetarifen für Wind- und Sonnenenergie immer mehr öffnet. Wegen der vielen Ausnahmen für die Industrie wären es vor allem die Haushalte, die zum Handkuss kämen. Da die Strombörse in Leipzig (EEX) auch richtungsweisend für Österreich ist, wäre der heimische Markt indirekt ebenfalls betroffen.

Sollte es für Paks II grünes Licht aus Brüssel geben, würde dies auch den Marktwert von Strom aus erneuerbaren Energien senken. Laut der Studie, die dem STANDARD vorliegt, würde eine durchschnittliche Windenergieanlage je MW Leistung im Jahr 2030 rund 1700 Euro weniger pro Jahr erlösen. Bei einer Biogasanlage wäre der Abschlag größer – pro Jahr gäbe es Mindererlöse von gut 6000 Euro, verglichen mit einem Szenario ohne Ausbau von Paks.

Russland soll finanzieren

Am ungarischen AKW-Standort sind derzeit vier Reaktoren des sowjetischen Typs WWER 440-213 in Betrieb. Sie sind zwischen 1983 und 1987 in Betrieb gegangen und haben nach Leistungserhöhungen nun eine elektrische Leistung von jeweils rund 500 MW.

Die jetzige Aufregung rund um Paks reicht zurück ins Jahr 2014. Bei einem Besuch in Moskau vereinbarten Ungarns Premierminister Viktor Orbán und Russlands Präsident Wladimir Putin die Errichtung von zwei neuen Reaktorblöcken (Paks II) mit einer Leistung von jeweils 1200 MW. Aus Russland sollten nicht nur die Technologie und die Brennstäbe kommen, sondern auch das Geld, mit dem der ungarische Staat den Bau größtenteils finanzieren will.

Beschwerde eingelegt

Zu Putins Rundum-sorglos-Paket gehören Kredite in Höhe von umgerechnet zehn Milliarden Euro. 2,5 Mrd. Euro will Ungarn selbst aufbringen. Geplanter Baubeginn ist 2018. Geht alles gut, sollen die zwei neuen Reaktoren schon fünf Jahre später ans Netz.

Der Ökostromanbieter Greenpeace Energy hat mit sechs deutschen Stadtwerken bei der EU-Kommission Beschwerde eingelegt. Die Unternehmen bewerten die geplante staatliche Finanzierung als unrechtmäßige Beihilfe.

Das sieht man auch bei der heimischen Ökostrom AG so, die wie im Übrigen die Republik Österreich auch schon Ende Jänner Beschwerde gegen Paks II eingereicht hat. Vorstand Lukas Stühlinger sieht zudem die Gefahr, dass Österreich mit Atomstrom aus Ungarn "geflutet" wird. Mit einer Entscheidung aus Brüssel ist noch heuer zu rechnen. (Günther Strobl, 16.2.2016)

  • Arbeiten bei Reaktor Nummer vier in Paks. Zu den bestehenden Meilern sollen zwei weitere dazukommen.
    foto: reuters / laszlo baloghi

    Arbeiten bei Reaktor Nummer vier in Paks. Zu den bestehenden Meilern sollen zwei weitere dazukommen.


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