Pensionen: Der Arbeitseintritt ist das Problem

Kommentar der anderen15. Februar 2016, 18:06
60 Postings

Es ist wieder Pensionsreformzeit in Österreich. Dabei wird allerdings etwas Wichtiges übersehen: Wenn wir den Arbeitseintritt am Ende der Ausbildung nicht garantieren können, werden wir die Pensionsproblematik nie in den Griff bekommen

Die Fixierung auf das Pensionsantrittsalter in der derzeitigen politischen Diskussion ist bedenklich. Gegen eine Hebung des faktischen Antrittsalters ist niemand, wenn sich jedoch dadurch der Arbeitseintritt für eine gut ausgebildete Jugend verzögert, wird's gefährlich. Nicht nur ökonomisch, sondern auch psychologisch.

Die Arbeitseintrittslücke ist die Zeit zwischen dem Ende der Ausbildung und dem nachhaltigen Eintritt in die Arbeitswelt, und diese Lücke wächst. In dieser Zeit leben Jugendliche von prekären Jobs, Unterstützung der Eltern und von der Hand in dem Mund. In dieser Zeit fragen sie sich, ob die Anstrengungen der Ausbildung umsonst waren, bekommen von Populisten schnelle simple Antworten serviert und müssen mit einem angeknacksten Selbstbewusstsein fertigwerden. Wenn es ganz lange dauert und ganz blöd kommt, landet das bei irgendwelchen gewaltbereiten Fundamentalisten und einem früh verpfuschten Leben. Das bekommen leider auch die mit, die noch in Ausbildungen stehen, und warten mit dem Zweifeln gar nicht mehr bis zum Ende der Ausbildung. Warum interessiert es jeden fünften jungen Menschen nicht, ob er lesen kann oder nicht?

Darüber hinaus gibt es Zweifel am wirtschaftlichen Erfolg einer Anhebung des Pensionsantrittsalters. Die Wirtschaft selbst ist da im Zwiespalt. Bei zunehmend personalextensiven Arbeitsprozessen mit hoher Produktivität und stagnierenden Märkten kann es nicht ausbleiben, dass ältere Mitarbeiter entlassen werden, die relativ teuer geworden sind und sich mit den neuesten Technologien schwertun. Sie konkurrieren dann in personalintensi- ven Dienstleistungssektoren um oft schlecht bezahlte Jobs, die auch nicht ihrer Qualifikation entsprechen.

Wenn sie auf diesem Arbeitsmarkt keine Chance haben, unterstützt sie das Sozialsystem, bis das Pensionssystem greift. Aber offenbar ist kurz und mittelfristig nicht genug Arbeit für die Pensionisten in spe vorhanden, und so überlegt man Maßnahmen, damit dieser Personenkreis trotzdem in Beschäftigung gehalten wird. Aber sind Strafkosten für Unternehmen, die eine Altersquote bei den Beschäftigten unterschreiten und damit auch noch den Arbeitseintritt gut ausgebildeter junger Erwachsener verzögern, sinnvoll? Ist ein automatisiertes Heraufsetzen des (faktischen) Pensionseintrittsalters sinnvoll, wenn die Praxis zeigt, dass diese Menschen nicht in Beschäftigung gehalten werden können? Oder gelingt es mit Prämien an Betriebe, ältere Mitarbeiter in Arbeit zu halten? Zweifel sind angebracht.

Transferzahlungen ohne denkbaren ökonomischen Effekt werden so hin und her getauscht, politische Rechthaberei betrieben, und ein negativer Effekt auf die Arbeitseintrittslücke junger Menschen fahrlässig in Kauf genommen. Die existiert und wächst schneller als das faktische Pensionsantrittsalter. Warum reißt das niemanden vom Hocker? Wir haben es offenbar nicht notwendig, der Jugend zu zeigen, dass wir sie dringend brauchen, indem wir für einen möglichst nahtlosen Übergang in das Wirtschaftsleben nach dem Abschluss der Ausbildung sorgen. Schließlich sind sie die Träger neuer Technologien und die Kohorten, die uns Innovationen und Wachstum bescheren können. Auch ihr erworbenes Wissen läuft Gefahr zu veralten, wenn die Arbeitseintrittslücke zu lange wird. Eine Zukunftschance wird vertan, die nicht mehr zu reparieren ist.

Wozu die Plackerei?

Auch die Arbeitseintrittslücke kostet wachsende Sozialleistungen, die sicher nicht durch eine Verringerung des Pensionsantrittsalters kompensiert werden können. Nebenwirkungen wie wenig Motivation für alle jene, die sich gerade in Ausbildung befinden, durchzuhalten, sind eine weitere Gefahr: Wenn ein guter Abschluss ohnedies in der Joblosigkeit mündet, wozu dann die Plackerei? Populisten zeigen demotivierten verunsicherten Jugendlichen, wo's langgeht, warum es ihnen schlecht geht und sie noch immer auf die Unterstützung der Eltern angewiesen sind, die ihrerseits verunsichert sind und werden. Feindbilder werden aufgebaut und plakativ Lösungen aufgezeigt, die keine sind. Bis man aus dem populistischen Schlamassel wieder herausfindet, wird viel zerstört sein, das mühsam neu aufgebaut werden muss. Nicht zuletzt das Vertrauen zwischen den Generationen.

Mit Arbeitslosigkeit begegnet man keiner Generation, die begierig ist zu zeigen, was sie gelernt hat und was sie zu leisten imstande ist. Am Anfang der Pipeline Arbeitsmarkt klafft eine gefährliche Arbeitseintrittslücke, an der wir die Jugend verlieren. Schlimm, wenn wir das Leck am Anfang nicht schließen können, weil wir beharrlich darauf bestehen, das Ross von hinten aufzäumen. (Adolf Stepan, 15.2.2016)

Adolf Stepan ist emeritierter Professor der TU Wien.

Share if you care.