Walter R. Mead: "Die Jungen müssen eine neue Welt erschaffen"

Interview16. Februar 2016, 11:10
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Es herrscht so viel Angst wie noch nie: Der schwierigen Weltlage liegt eine tiefgreifende soziale Krise zugrunde, sagt der US-Politologe

STANDARD: Was war der stärkste Eindruck für Sie auf der diesjährigen Münchner Sicherheitskonferenz?

Mead: Der Umstand, dass die Situation so ernst geworden ist, dass man aufgehört hat, sich vorzumachen, alles wäre okay. Seit Jahren sehen wir, dass die internationale Lage zunehmend schwieriger wird. Die Reaktion darauf war bisher, dass man sich eingeredet hat, die Dinge würden sich bessern, es gäbe keinen Grund zum Alarmismus, die Eliten hätten einen Plan. Alles würde gut werden, wenn jeder nur daran glauben würde und geduldig sei. Das war nicht die Botschaft dieses Jahres. Es ist klar, dass die EU, das transatlantische Verhältnis, der Nahe Osten aus den Fugen sind und niemand weiß, was dagegen zu tun ist.

STANDARD: US-Außenminister Kerry hat in München gesagt, man kenne die Probleme und habe auch die Macht, diese zu lösen. Ein bisschen sehr optimistisch, oder?

Mead: Das war der Schluss einer langen Rede, in der alle Details zuvor genau in die entgegengesetzte Richtung gedeutet haben. Das war der obligatorische Optimismus, den jemand haben muss, der ein solches Amt bekleidet.

STANDARD: Hat irgendeine Staatskanzlei einen Plan, was gegen diese Krisen zu tun ist?

Mead: Manche sagen, sie hätten einen. Mein Verständnis aber ist, dass die Wurzel dieser multiplen Probleme eine tiefgreifende soziale Krise ist. Die soziale Marktwirtschaft, die im Westen nach dem Zweiten Weltkrieg eingeführt wurde und Massenwohlstand auf Basis von Massenproduktion schuf, bricht zusammen. Das fordert die Grundannahmen heraus, auf denen der Westen basiert, ist aber auch ein Problem für Länder wie China oder Indien, deren Ziel es ja ist, so wie Frankreich in den 1980er-Jahren zu werden. Das System, von dem die Menschen angenommen haben, es sei die Antwort auf alle politischen und sozialen Fragen, liegt in Trümmern. Das macht die internationale Politik schwieriger, aber auch das Entwickeln stabiler politischer Ansätze innerhalb von Staaten.

STANDARD: Einige Beobachter meinen, dass das politische System des Interessenausgleichs nicht mehr funktioniere und deswegen zunehmend Identitätspolitiken ins Spiel kommen. Was meinen Sie?

Mead: Das ist ein Teilaspekt. Seit dem Zweiten Weltkrieg haben wir so viel Erfolg mit transnationalen Kooperationen wie Welthandel oder internationalen Institutionen gehabt, dass die Eliten vergessen haben, dass man diesen kosmopolitischen Globalismus mit einem tiefen Verständnis für die lokalen Wurzeln kombinieren muss, die diese Visionen tragen. In vielen Staaten sind die Menschen heute aber der Ansicht, dass die Eliten sich nicht um ihre Mitbürger kümmern. Verkürzt formuliert, könnte man diese Haltung so beschreiben: Ich zahle deren Gehälter, und die wollen 5.000 Syrer in meiner Stadt unterbringen!

STANDARD: Gibt es eine vergleichbare Periode in der Geschichte zu heute?

Mead: Die Jahre vor 1914: Da war die Weltwirtschaft in vielerlei Hinsicht globalisierter als heute, man konnte ohne Pass fast weltweit reisen, aufgrund des Goldstandards konnte man mit Bankgarantien überall Geld beheben, Investitionen waren einfach zu tätigen und die Migration im Wesentlichen frei möglich. Diese Ära kam zu einem jähen Ende, wie auch ihr Revival am Ende der 1920er-Jahre. Wir haben diesen Film schon einmal gesehen.

STANDARD: Wiederholt sich die Geschichte?

Mead: Wir sollten die Gefahr nicht unterschätzen. Wenn wir nicht bessere Wege finden, mit der gegenwärtigen Situation umzugehen, könnten wir auf eine deutlich finsterere Zukunft zusteuern, als wir uns das noch vor drei oder vier Jahren ausgemalt haben.

STANDARD: Haben die Eliten den Ernst der Lage erfasst?

Mead: Sie sind zunehmend verstört. Das war in München mit Händen zu greifen. Es gibt ein Ausmaß an Angst, das wir zuvor noch nicht gesehen haben.

STANDARD: Braucht es einen neuen Schlag von Führungspersonal?

Mead: Es ist mehr eine Frage der Politik als eine von Persönlichkeiten. Wie gibt man einer jungen Generation eine Perspektive von Stabilität und Prosperität? In vielen Teilen Europas liegt die Jugendarbeitslosigkeit um die 40 oder sogar 50 Prozent. Diese Wähler wollen Antworten darauf, wie sie ein normales Leben leben, eine Familie gründen, ein Haus kaufen können. Viele Junge haben derzeit keine Chance, genau das zu tun. Sie machen die amtierenden Politiker dafür verantwortlich und gehen für Bernie Sanders und Donald Trump auf die Straße. Der etablierte politische Raum schrumpft, neue Bewegungen auf der Rechten und Linken poppen auf, die von der normalen politischen Sphäre völlig losgelöst sind.

STANDARD: Braucht es einen neuen Generationenvertrag?

Mead: Vergleichen wir unsere Zeiten mit der Industriellen Revolution: 1880 konnte sich niemand vorstellen, wie die Jobs des 20. Jahrhunderts aussehen werden. Heute sind wir in einem ähnlichen Moment. Die neuen Jobs in der digitalen Welt entstehen nicht so schnell, wie die alten verschwinden. Das führt zu populistischer Agitation, in der gefordert wird, diese alte Welt zu bewahren. Ich glaube nicht, dass das geht. Viele unserer politischen Eliten schauen zurück, weil wir nicht wissen, was als Nächstes kommen wird. Dieser Versuchung dürfen wir nicht unterliegen. Wir müssen nach vorn sehen, die Nachfrage nach Arbeit erhöhen, damit auch ihr Preis steigt. Das funktioniert nur mit neuen Unternehmen.

STANDARD: Leichter gesagt ...

Mead: Innovation per se macht uns ja nicht arm. Im Gegenteil. Wir haben nur keine Prozesse, um damit umzugehen. Es ist, als hätten wir im Lotto gewonnen und wüssten nicht, was wir mit dem Geld machen sollen. Dieses Problem kann nicht durch ein zentrales Planungsministerium gelöst werden, auch wenn das heute viele wünschen. Das können nur Einzelne in kleinen Schritten angehen.

STANDARD: ... als getan.

Mead: Zu unseren Zeiten waren die größten Probleme der Welt – zumindest in der Theorie – gelöst. Für die Jungen von heute sind die großen Fragen eben nicht beantwortet. Wir alle glauben, dass Demokratie etwas Gutes ist, aber wir wissen nicht, wie wir diese erhalten können unter den sich ändernden Umständen. Die Jungen müssen eine Antwort darauf finden. Dazu braucht es andere Charaktere, eine andere Philosophie, ein anderes In-der-Welt-Sein. Die neue Welt zwingt uns dazu. Die fette Nachkriegszufriedenheit hat dem menschlichen Geist das Feuer ausgetrieben. Furchtbare Dinge geschehen, wenn ein Weltsystem auseinanderbricht. Siehe Syrien, das könnte nur der Anfang sein. Ich wünsche diese Katastrophen nicht herbei. Aber ich denke, dass die neue Generation von Europäern, Amerikanern und anderen großartig sein muss. Und zwar viel mehr, als es die Generation vor ihnen sein musste. Denn sie müssen eine neue Welt erschaffen.

foto: chatham house
Walter Russel Mead (Jg. 1952) ist Professor für Foreign Affairs und Humanities in Yale. Kommenden Montag kommt er nach Wien, um über den US-Wahlkampf zu sprechen. Amerika-Haus, 18.30 Uhr, Friedrich-Schmidt-Platz 2.
  • Ein Weltsystem bricht zusammen, in Syrien (Bild Aleppo) zeigt sich der Schrecken, der daraus entsteht.
    foto: reuters / abdalrhman ismail

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