"Nostalgia": Verwunschen, verwunschen

16. Februar 2016, 10:33
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Die morbiden Bilder des Fotografen Sven Fennemazeugen zeugen von besseren Zeiten

Ich bin eine Macht aus vergangenen Zeiten. Nur in der Tradition liegt meine Liebe. Ich komme von den Ruinen, von den Flügelaltären, den Kirchen, von den verlassenen Dörfern des Apennins und den Vorgebirgen der Alpen, wo die Brüder einst lebten." Die Verse Pier Paolo Pasolinis können stellvertretend stehen für all das, was uns Fotograf Sven Fennema mit seiner gleichsam ätherisch fremd sowie vertraut anmutenden Serie Nostalgia schenkt.

Der 1981 geborene Autodidakt entführt uns auf eine Reise mit unbekannten Parametern – zeitlich und örtlich. Bald aber wird klar: Wir befinden uns in Italien, besser gesagt Arkadien – aber einem unbekannten, verfallenden, vergangenen. Versunken, aber unendlich schön. Fennema zeigt verborgene, geheime Plätze, ohne Hektik, ohne Lärm, Orte, an denen die Natur sich ihren Teil wieder zurückerobert. Verlassene Kirchen, Palazzi, moosbesetzte Kreuzgänge, Altarräume mit aufgebrochen Sarkophagen und verstreuten Schädelknochen, Schlafsäle mit Eisenbetten, Einsamkeit. Die morbiden Bilder zeugen von besseren Zeiten – mit Tapetentüren, Marmorsäulen, Récamieren, Gobelins und Fresken. Zur Seite gestellt sind den kontemplativen Tableaus Texte von Lempedusa, Morante, Moravia et alii.

Autorin Petra Reski erinnert der verblichene Marmor "an eine greise Baronessa mit zerfurchten, karmesinroten Lippen, die allein in ihrem Palazzo lebte, umzingelt von Betonsilos, hochgezogen von der Mafia. Man sieht verlassene Werkhallen mit Stahlbetonträgern, auf denen Moos wächst, zerbrochene Fensterscheiben und Rohre, die ins Nichts führen. Ausgebeutete Arbeiter, siegreiche kommunistische Gewerkschafter und die Festa de l'Unità. Die Zeit, als die Kommunistische Partei noch kommunistisch und Italien noch romantischer waren und verletzlicher und kämpferischer vielleicht auch."

Ein Kirchenschiff, von Unkraut aufgefressen, wird zur Metapher für Religion und Transzendenz, für Verschwiegenheit, Verfall, Endgültigkeit der Endlichkeit. Augenscheinlich eine Gegenwelt zur alltäglichen Achtlosigkeit. (Gregor Auenhammer, Album, 16.2.2016)

Sven Fennema, "Nostalgia". € 98, – / 320 Seiten, Frederking & Thaler 2015

  • Geist und Esprit von aristokratischer Dekadenz und Contenance, gepaart mit dem Charme désolé vergangener Pracht, umgibt Sven Fennemas sphärische Szenarien.
    aufschlagseite aus sven fennemas "nostalgia", fotografiert von lukas friesenbichler

    Geist und Esprit von aristokratischer Dekadenz und Contenance, gepaart mit dem Charme désolé vergangener Pracht, umgibt Sven Fennemas sphärische Szenarien.


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