Clooney bei Merkel: Mehr als ein Plauderbesuch

Kolumne14. Februar 2016, 17:54
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Der Schauspieler und seine Frau, die Menschenrechtsanwältin Amal Alamuddin, sprachen mit Merkel über das Flüchtlingsproblem

Kurz werden viele am Freitag vor dem TV-Schirm beim Espresso innegehalten haben: ein PR-Gag? Ein Plausch? Oder mehr?

Zweifellos mehr: Dass George Clooney anlässlich der Berlinale mit seiner Frau, der Menschenrechtsanwältin Amal Alamuddin, eine Stunde lang mit Angela Merkel im Kanzleramt über das Flüchtlingsproblem sprach, war kein bloßer Anstandsbesuch.

In der Postingszene und in den sozialen Medien wird unter anderem behauptet, das alles sei vom Weltkonzern Nestlé inszeniert, für dessen Kaffeemarke Nespresso Clooney bekanntlich seit Jahren lukrative Werbung betreibt.

Gut, Merkel braucht Aufwind, seit sie mit ihrer Ehrlichkeit und ihrem "Ja, wir schaffen das" auf den Widerstand vieler gestoßen war, die Regierungen in jeder Frage der "Lügenpolitik" zeihen.

Verschwörungstheorien

Aber dass sie sich von Nestlé einspannen lassen würde, ist zu simpel gedacht und passt zu jenen Fantasiebildern, die fast immer Verschwörungstheorien, notorischen Ängsten oder Altersstarrsinn entspringen.

Vielleicht hat die Idee zu diesem Treffen ja die Anwältin Alamuddin gehabt, die nebenbei für ein internationales Rettungskomitee arbeitet. Originell allemal, weil das weltweit gehypte Treffen hilft, Geld und andere Mittel für Flüchtlinge zu lukrieren.

Und etliche jener Poster, die von Clooney verlangen, er solle, statt PR zu machen, lieber in eigenen Villen Flüchtlinge unterbringen, würden selbst das als neuen Propagandatrick kritisieren.

Man muss nicht an große Momente der jüngeren Geschichte erinnern – an die viel fotografierten Begegnungen zwischen den "drei Musketieren" (Copyright Werner A. Perger) Willy Brandt, Bruno Kreisky und Olof Palme in den Siebzigerjahren oder das Händehalten von Helmut Kohl und François Mitterrand 1984 in Verdun.

Auch viel kleinere Events haben manchmal Symbolcharakter. Diesmal ist es eine kurze Beatmung des Patienten Politik durch eine Zelebrität des Films.

Für Merkel mag es eine Genugtuung gewesen sein, Barack Obamas "Friedensbotschafter" gegenüber zu sitzen, anstatt sich von Angesicht zu Angesicht über den bayrischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer zu ärgern, dessen CSU das Wort "christlich" lieber aus ihrem Namen entfernen sollte.

EU-Granden ohne Rückgrat

Merkel ist eine der wenigen Staatschefs mit Haltung, vielleicht überhaupt die Einzige, die transnational und historisch denkt.

Fehlendes Charisma, fehlende Führungseigenschaften gehören zu den Hauptursachen der momentanen Krise der Europäischen Union.

Den amerikanischen Starschauspieler, der schon als ganz Junger mit dem Vater in Afrika engagiert war, kosten Interventionen wie die in Berlin keine Stimmen und keine Quoten. Aber seine Popularität kann der Sache dienen. Und den Flüchtlingen kann es völlig gleichgültig sein, ob Clooney nur öffentlichkeitsgeil ist oder tatsächlich ein politisch engagierter Zeitgenosse.

Das Hauptproblem bleibt die politische Vereinsamung der deutschen Kanzlerin, weil die EU-Granden um sie herum kein Rückgrat haben. (Gerfried Sperl, 15.2.2016)

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