Aleksey Igudesman: "Ich liebe es, zwischen den Sparten zu sein"

Interview15. Februar 2016, 08:00
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Derzeit reist der Geiger mit seinem Soloprogramm "Fasten Seat Belts" durch Österreich. Ein Gespräch über Musik und Tanz, Komik und Tragik und ein Leben abseits der Schubladen

STANDARD: Herr Igudesman, welches Gefühl ist es für einen siamesischen Zwilling, nun ohne die zweite Hälfte des Duos Igudesman & Joo unterwegs zu sein?

Igudesman: Na ja, es gab ein Leben von Igudesman vor Igudesman & Joo, und es gibt sogar ein Leben daneben. Aber nachdem wir konzertant und medial viel miteinander unterwegs sind, denkt man leicht, dass wir aneinandergeklebt sind. Es ist aber wichtig für uns beide, eigene Projekte zu machen. Wir gehen sogar gegenseitig in unsere Konzerte.

STANDARD: Ihr Kollege Joo muss dann aber nicht nur in Ihr aktuelles Programm "Fasten Seat Belts" kommen, sondern auch die CD und die dazugehörigen Noten kaufen.

Igudesman: Das ist ein Projekt, das mir sehr am Herzen liegt, weil ich schon seit vielen Jahren Geigenstücke geschrieben habe. Mein Problem bei unserem Duo war immer: Wenn ich einen Fehler mache, glauben die Leute, es gehört dazu.

STANDARD: Oder umgekehrt: Wenn Sie alles richtig spielen, haben Sie erst ein Problem.

Igudesman: Genau! Aber ich hatte immer Lust auf das Virtuose. Da gibt es bei der Violine nicht allzu viel Repertoire. Ich wollte, um auf dem Instrument fit zu bleiben, schwere Stücke spielen, aber ich hatte keine Lust, die abgedroschenen Capricen von Paganini zu spielen. Ich habe stattdessen versucht, auf meine Art und Weise die Geigentechnik anders anzuwenden – mit Spieltechniken, die in der klassischen Musikwelt nicht so üblich sind. Zehn Stücke davon habe ich inzwischen bei der Universal Edition herausgebracht und auch auf CD aufgenommen.

STANDARD: Warum spielen Sie das nicht einfach im Konzert?

Igudesman: Ich wollte ursprünglich damit ein Programm machen, habe dann aber gemerkt, dass es extrem anstrengend ist, alle nacheinander zu spielen – und wohl auch für das Publikum, alle nacheinander zu hören. Daher habe ich überlegt, dazwischen etwas aus meinem Leben zu erzählen, quasi autobiografisch, aber mit viel Humor. Das ist aber immer noch sehr anstrengend. Daher habe ich mit Rusanda Panfili eine Partnerin dabei: eine tolle Geigerin, die flexibel in den unterschiedlichsten Stilen und auch noch eine ganz talentierte Tänzerin ist. Die Kombination von Bewegung und Spielen hat mich auch schon immer fasziniert. Und dann ist da noch die tolle Tänzerin Manaho Shimokawa, die auch als Gast auftritt und mit der ich in Zukunft Projekte plane. Eins davon nennt sich "Mad – Music And Dance".

STANDARD: Welche Rolle spielt die körperhafte Seite des Musizierens bei Ihnen für das Komponieren?

Igudesman: Das ist eine gute Frage. Ich bewege mich beim Spielen ja sehr viel, mit den Beinen, mit den Hüften und so weiter. Aber ich muss mich dabei doch auf das Instrument konzentrieren. Für mich steht bei allem, was ich mache, die Musik immer im Vordergrund. Die anderen Dinge können die Performance unterstreichen. Ich denke aber, jeder Musiker muss sich Gedanken über seine Präsenz machen.

STANDARD: Im Duo haben Sie immer wieder gerade über die körperliche Präsenz Absurditäten im Konzertleben aufgezeigt. Kann das Publikum jetzt dem ernsten Igudesman begegnen?

Igudesman: Es ist für mich sehr wichtig, diese Unterscheidung nicht zu treffen. In jedem lustigen Programm gibt es ernste Sachen – und umgekehrt. Fasten Seat Belts ist wirklich eine Mischung. Bei den Geschichten, die ich erzähle, geht es hauptsächlich um das Lachen. Was mich immer in Bann hat, ist aber einen Ton genau zwischen Lachen und Weinen zu finden – wie zum Beispiel bei Tschechow, der mich immer fasziniert hat. Bei seinen Theaterstücken weiß man nie, ob es Komödien oder Tragödien sind. Es funktioniert beides. Diese Kombination finde ich am spannendsten.

STANDARD: Macht es das nicht noch schwerer, eine Schublade für Sie zu finden?

Igudesman: Mein Leben wäre so viel einfacher, wenn ich mich kategorisieren würde. Dann wissen alle, in welche Schublade sie jemanden stecken können. Aber das interessiert mich nicht. Ich liebe es, zwischen den Sparten und Einstufungen zu sein, auch wenn ich es tausendmal erklären muss: Ja, ich bin ernst, ich mache aber auch lustige Sachen, ich mache Theater, aber bin auch Geiger, klassisch, aber auch verschiedene Stile. – Das sind einfach die Komponenten, die ich in mir habe. Ich glaube aber, dass die meisten Menschen vielseitiger sind, als sie sich geben oder als sie gezwungen werden, sich zu geben. (Daniel Ender, 15.2.2016)

Aleksey Ingudesman, geboren 1973 in Leningrad, ist Komponist, Dirigent und Schauspieler. Er studierte Violine bei Boris Kuschnir am Konservatorium in Wien, wo er seither lebt und die verschiedensten Projekte entwickelt.

Nächste Termine:

15. 2., 20.00 Uhr, Linz, Posthof
16. 2., 19.30 Uhr, Wien, Konzerthaus
17. 2., 20.00 Uhr, Graz, Orpheum

  • Musikalischer Grenzgänger: Aleksey Ingudesman.
    foto: j. wesely

    Musikalischer Grenzgänger: Aleksey Ingudesman.

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