Julya Rabinowich: Darkrooms und Dostojewski

12. Februar 2016, 17:46
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Wenn man den Menschen in Glück ersäuft, dann fällt diesem Glücklichen nichts Besseres ein, als mutwillig seine Situation zu verschlechtern

Inmitten jener Schweizer, die die Welt mit herausragendem Fleiß und Qualität erfreuen, haben sich Darkroom-Schafe eingenistet. Wochenlang verwöhnt vom malerischen Lenzburg, musste ich natürlich Dostojewskis Theorie bestätigen: Wenn man den Menschen in Glück ersäuft, bis nur noch Glücksbläschen an die Oberfläche steigen, dann fällt diesem Glücklichen nichts Besseres ein, als mutwillig seine Situation zu verschlechtern.

Der Ort, an dem mein Lenzburger Glück erschüttert wurde, hieß Scuol. Mächtige Bergketten, Schnee, glänzender Firn. Aber. Der Hotelbesitzer sah uns beim Einchecken finster an und schlurfte grußlos davon. Das angepriesene "komplette Gewürzregal" bestand aus fünf Döschen, die miteinander nicht kombinierbar waren, wenn man jenseits der Extremküche operieren wollte: Zimt, eine Prise Salz, Salatgewürz, Pfeffer und Paprika. Die drei Letzteren zwischen 2015 und 2016 abgelaufen.

Das Licht in der Erlebnisdusche (ein schwarzgekachelter enger Gang mit kaltem Sprühregen, der an einen traurigen Novemberabend erinnerte) war ausgefallen. Wie man fatalistisch an der Rezeption erklärte, "schon seit langem". Auch mit Beleuchtung würde ich nicht freiwillig nackt in Novemberregen gehen. Der "Spa-Bereich" entpuppte sich als zwei ebenso finstere Kämmerchen, wo man kaum die Hand vor Augen erkennen konnte. Wir waren alle miteinander verwandt, nicht entsprechend veranlagt und flohen den unerwartet abgeholten, aber unbestellten Darkroom.

Die Flucht zum Bahnhof – angeblich nur fünf Minuten entfernt – hätten wir in der angegebenen Zeit nur mit angeschnalltem Düsenantrieb bewältigt. Aber von dem war selbst im Prospekt nicht die Rede. (Julya Rabinowich, 12.2.2016)

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