Anleitung zum korrekten Niesen und Schnäuzen

13. Februar 2016, 10:00
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Schleim und Rotz sind Transportwege für Keime – ein Leitfaden gegen die Ansteckungsgefahr

"Beim Niesen muss man die Hand vorhalten", hat Mama immer gesagt. Und Mütter haben bekanntlich recht. In diesem Fall scheint das auch eine Imas-Umfrage aus dem Jahr 2015 zu bestätigen: 91 Prozent der Österreicher halten gute Umgangsformen für wichtig. Besonders großen Wert wird auf das Abschirmen vor den Tröpfchen, die die Welt für Rhinoviren bedeutet, gelegt. Niesen ohne Handvorhalten zählt demnach zu den schlimmsten Fauxpas überhaupt. Schließlich werden bei dem natürlichen Reflex, mit dem die Nase vor Fremdkörpern befreit werden soll, Speichel, Sekret, Bakterien, Viren und Atemluft mit einer Geschwindigkeit von bis zu 160 Stundenkilometern nach außen geschleudert.

"Die von der Natur vorgesehene Reinigungsrichtung der Nase ist allerdings von vorn nach hinten", betont der Wiener HNO-Spezialist Christoph Reisser. Ein Mensch atmet täglich etwa 20 Kubikmeter Luft ein bzw. aus. Dabei bleiben kleine Schmutzpartikel im Nasenschleim hängen, der kontinuierlich über kleine Flimmerhärchen nach hinten transportiert wird. "Ist ein Teilchen zu groß, kann es nicht mehr über diesen Weg entsorgt werden. Es entsteht ein Juckreiz, und der Schmutz wird mit Druck ausgestoßen", erklärt Reisser. Messungen haben ergeben, dass die Tröpfchenwolke einen Ausbreitungsradius von mehreren Metern haben kann. Einen körpereigenen Schutzschild zu nehmen klingt also plausibel. Der Haken daran liegt auf der Hand: Die Schnupfenviren werden beim nächsten Griff auf die Türklinke oder den Fahrstuhlknopf weiterverbreitet und können dort Tage überleben.

In den Ärmel

Eine zunehmend propagierte Alternative ist das Niesen in die Armbeuge. Diese Technik wird etwa in einem Ratgeber für Asylwerber, der kürzlich von der Deutschen Bundesregierung herausgegeben wurde, als grundlegender Tipp zur Vermeidung ansteckender Krankheiten beworben. "Das hat nur den Vorteil, dass ich mir danach nicht die Hände zu waschen brauche. Wenn der Rotz im Ärmel hängt, ist das aber nicht wesentlich besser, als ihn in der Hand zu halten", relativiert HNO-Arzt Reisser. Am besten sei es, bei Schnupfen immer ein Papiertaschentuch griffbereit zu haben und in dieses zu niesen, wie Wolfgang Gstöttner von der Klinik für Hals-, Nasen- und Ohrenkrankheiten an der Med-Uni Wien betont. "Viren überleben auch auf der Kleidung. Das Ansteckungsrisiko wird durch die Armbeuge nicht wesentlich geringer."

Wovon beide HNO-Spezialisten abraten, ist das Niesen unterbrechen oder mildern zu wollen – indem man etwa die Nase zuhält und den Mund verschließt. "Wird zu viel Druck nach innen abgegeben, können Blutgefäße in der Nase platzen", warnt Gsöttner. Denn: Hat der Reinigungsreflex einmal Fahrt aufgenommen, muss er abgefangen werden, etwa von der eustachische Röhre, dem Verbindungsgang zwischen Mittelohr und Nasen-Rachen-Raum. "Es passiert zwar sehr selten, aber im schlimmsten Fall kann der umgeleitete Druck so stark auf das Trommelfell einwirken, dass es reißt", ergänzt Christoph Reisser.

Die Diskussion darüber, ob Schnupfengeplagte besser ihre Nase putzen oder den Rotz hochziehen sollen, ist so alt wie der Kampf gegen die Rhinoviren selbst. "Genau genommen ist es völliger Unsinn, sich mit einem Taschentuch zu schnäuzen. Die Reinigung der Nase erfolgt physiologisch durch geräuschvolles Hochziehen des Sekrets. Das heißt: Natürlich wäre es, den Schleim runterzuschlucken. Die Magensäure würde den Rotz desinfizieren, schließlich ist es ihre Aufgabe, alle die bösen Eindringlinge, die im Nasenschleim gefangen wurden, zu vernichten", sagt Reisser. Wolfgang Gstöttner sieht das ein wenig anders: "Schnäuzen ist eine Art Entgiftung des Körpers, bei dem die schädlichen Sekrete, die durch die Verkühlung entstehen, entsorgt werden. Das Hochziehen ist zwar in Ordnung, aber der Schleim sollte ausgespuckt und nicht verschluckt werden, denn Giftstoffe gehören nicht in den Magen."

Hände waschen

Ein Argument gegen den Griff zum Taschentuch gibt es Reisser zufolge dennoch: "Beim Schnäuzen kann es sein, dass nur ein Teil des Schleims auf dem Papier landet, der Rest gelangt in die Nasennebenhöhlen, an einen Ort, an dem sich Rhinoviren und Bakterien besonders wohlfühlen. Dadurch steigt das Risiko einer Entzündung." Besonders wahrscheinlich sei das bei angeschwollenen Schleimhäuten, sprich einem Schnupfen. Klar dürfte jedenfalls sein: "Was rausmuss, muss raus." Das gilt nicht nur bei einer Erkältung. "Danach gilt: 'Nach dem Klo und vor dem Essen, Händewaschen nicht vergessen.'" Das ist ebenfalls ein Spruch, den Mütter ihren Kindern oft wiederholen und damit vollkommen richtig liegen. (Günther Brandstetter, 13.2.2016)

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Über die Nieswolken

Wissenschafter am Massachusetts Institute of Technology erforschen mit Hilfe von Highspeed-Kameras, in welcher Form und Gestalt Nieswolken aus den Lungen der Menschen katapultiert werden.

Die Schwierigkeit dabei: Alles Entscheidende passiert in einem Zeitfenster von 200 Millisekunden, die es fotografisch einzufangen gilt. Im Fokus der Forscher ist die Fragmentierung der Flüssigkeit, denn sie bestimmt, wie weit eine Nieswolke und damit die in ihr enthaltenen Keime fliegt, und in welchem Umkreis sie sich ausbreiten kann.

foto: scharfman et al./mit

Nach der Analyse von mehr als 200 Niesfilmen konnten die Forscher rund um Lydia Bourouiba einen überaus komplexen Prozess nachvollziehen. Unmittelbar nach dem Niesen bildet sich außerhalb des Mundes erst einmal eine Blase, die sich durch die beim Niesen ausgeatmete Luft erst einmal ausweitet. Dann zerplatzt dieser Ballon und zerfächert sich in dünne Fäden, die sich ihrerseits in der letzten Phase dann in einzelne Tröpfchen auflösen.

Eine entscheidende Rolle in diesem "Zerfallsprozess" spielt allerdings auch die Art des Auswurfes. Elastischer Schleim fliegt weiter und bildet längere Fäden. Die Ansteckung in schleimigen Nieswolken ist demnach großflächiger als bei wässrigem Auswurf.

Originalstudie:

Visualization of sneeze ejecta: steps of fluid fragmentation leading to respiratory droplets

  • Viren und Bakterien verbreiten sich durch Tröpfcheninfektion. Auch auf Händen sammeln sich Keime und werden weitergegeben.
    foto: nick white/image source/corbis

    Viren und Bakterien verbreiten sich durch Tröpfcheninfektion. Auch auf Händen sammeln sich Keime und werden weitergegeben.

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