"Das Bessere ist der Feind des Guten"

Interview12. Februar 2016, 17:18
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Christoph Peschek ist seit einem Jahr für Rapids wirtschaftliche Belange zuständig. Er spricht über Probleme der Liga, den Kampf um jeden Fan und Selbstvermarktung

STANDARD: Rapids Expräsident, der ehemalige Finanzminister Rudolf Edlinger, hat einmal gesagt, Politik und Fußball hätten eine große Gemeinsamkeit: Jeder, der zuschaut, weiß, wie es besser geht. Teilen Sie diese Einschätzung?

Peschek: Ja. Über beide Bereiche wird intensiv diskutiert, man bildet sich rasch eine Meinung.

STANDARD: Bleiben wir beim Vergleich: Wer hat größere Perspektiven? Die Wiener SPÖ, für die Sie tätig waren, oder Rapid?

Peschek: Rapid hat jedenfalls eine große, erfolgreiche Zukunft vor sich. Aber ich gehe davon aus, dass auch die Sozialdemokratie weiterhin Bestand hat.

STANDARD: Sehr diplomatisch. Rapid hat in der jüngsten Bilanz einen Gewinn von 50.000 Euro bei einem Umsatz von 24 Millionen ausgewiesen. Klingt mickrig, allerdings war der Erlös aus dem Transfer von Robert Beric nicht eingerechnet. Prognosen bergen ein Risiko, aber welche Zahlen schweben Ihnen für die nächsten Jahre vor?

Peschek: Wir gehen von rund 40 Millionen Euro Umsatz in diesem Geschäftsjahr aus. Mit einem siebenstelligen Gewinn. Für die Saison 2016/17 planen wir rund 30 Millionen Umsatz aus dem nationalen Bereich, um ausgeglichen zu budgetieren. Somit sind keine Transfertätigkeiten aufgrund der wirtschaftlichen Lage nötig.

STANDARD: Ist der Fußball planbar?

Peschek: Sportlicher Erfolg macht alles leichter. Es ist unsere Aufgabe, so zu planen, dass dich ein allfälliger Misserfolg nicht gänzlich auf dem falschen Fuß erwischt. Unser Orientierungspunkt sind die Durchschnittswerte der vergangenen Jahre. Es ist erkennbar, dass es beim Ticketing, bei den Mitgliedschaften und im Merchandising Steigerungen gibt. Das Allianz-Stadion wird den Trend verstärken.

STANDARD: Das neue Stadion war sicher eine Notwendigkeit. Haben Sie ein bisschen Bauchweh, wenn Sie an die Rückzahlung denken?

Peschek: Nein. Das Projekt ist mit 53 Millionen veranschlagt, die Stadt Wien subventioniert es mit 20, den Rest verantworten wir. Wir haben einen seriösen Businessplan, in allen unseren Budgets berücksichtigen wir die Rückzahlungen. Wir gehen von einem Schnitt von 20.000 Zuschauern aus, der ist bei einer Kapazität von bis zu 28.000 erreichbar.

STANDARD: Rapids Image ist nicht schlecht, der Mannschaft wird ein attraktiver Fußball zumindest nachgesagt, Spieler sind gefragt. Trotzdem gab es seit 2008 keinen Titel, das Scheitern im Cup an der Admira passt da ins Bild. Sturm Graz und die Austria haben je zwei Titel geholt, Red Bull Salzburg acht. Sogar Pasching und Ried wurden Cupsieger. Anspruch und Wirklichkeit klaffen weit auseinander, oder?

Peschek: Wir arbeiten mit Hochdruck daran, Titel zu gewinnen, versuchen, die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen für den größtmöglichen sportlichen Erfolg zu schaffen. Noch ist heuer die Meisterschaft drinnen. Die Zielsetzung ist, in einer Spanne von zehn Jahren drei Titel zu holen. Das ist realistisch. Wir haben den Anspruch, in die Top 50 Europas zu kommen.

STANDARD: In der Liga werden die kaputte Infrastruktur, der Zuschauerschwund, das Fehlen von Traditionsvereinen beklagt. Rapid hat zwar die meisten Fans, aber 13.700 gegen den WAC sind für eine 1,8-Millionen-Stadt auch nicht gerade furios. Sind nicht automatisch Grenzen gesetzt, lässt das Umfeld überhaupt zu, große Ziele zu verwirklichen?

Peschek: Rapid hat ungebrochen eine extrem hohe Anziehungskraft und wir werden das Potenzial mit dem neuen Stadion besser ausschöpfen können. Wir wollen im Sinne unserer Wachstumsstrategie neue Zielgruppen erschließen, wir wollen mehr in die Bundesländer gehen, in den Wiener Käfigen, den Schulen, in Lehrwerkstätten präsent sein. Es wäre wünschenswert, hätte die Bundesliga mehr Vereine, die über eine gewisse Fanbasis verfügen, die eine entsprechende Kraft haben. Da ist die Liga gefordert.

STANDARD: Was rennt schief?

Peschek: Die Infrastruktur ist das größte Thema. Immerhin sind Rasenheizungen Pflicht. Die Liga muss die Vereine unterstützen, damit sie Zuschauergewinnungsaktivitäten setzen. Man muss die Kapazitäten anheben. Vereine wie Wacker Innsbruck oder LASK gehören dringend in die Bundesliga.

STANDARD: Mit Verlaub: Das tapfere Grödig kann noch so aktiv sein, das Stadion bleibt trotzdem leer.

Peschek: Deshalb sind Infrastruktur und verschärfte Lizenzbestimmungen Themen, die uns intensiv beschäftigen.

STANDARD: Eine einzige Premier-League-Partie lukriert mehr als 13 Millionen Euro an TV-Geldern. Das ist circa so viel, wie die österreichische Bundesliga, also 20 Profiteams, in einem Jahr kassiert. Muss man angesichts solcher Zahlen nicht 24 Stunden am Tag weinen?

Peschek: Wir weinen nicht und stecken auch nicht den Kopf in den Sand. Es ist Motivation, die TV-Vertragssituation in Österreich zu optimieren. Wir prüfen internationale Modelle, werden keiner Verlängerung in dieser Form zustimmen. Wir kriegen 1,5 Millionen Euro pro Saison, die Situation ist unbefriedigend.

STANDARD: Ist eine Selbstvermarktung denkbar oder ist das Solidaritätsprinzip in Stein gemeißelt?

Peschek: Ich möchte eine Selbstvermarktung nicht ausschließen. Von einer international erfolgreichen Rapid profitieren auch die anderen Vereine. Erzielen wir in der Europa Legaue gegen Valencia gute Resultate, wäre der Solidaritätseffekt gegeben. Aber uns ist klar, dass wir in der Liga nicht gegen uns selbst spielen können.

STANDARD: Bei allem Respekt vor Schobesberger oder Kainz, die Kids tragen eher Dressen von Messi, Ronaldo und Alaba. Sind das nicht die wahren Konkurrenten?

Peschek: Ja, in der Gewinnung neuer Fans ist der primäre Gegner nicht die Austria, es sind die internationalen Klubs, die in der Medienöffentlichkeit eine immer stärkere Berücksichtigung finden. Als ich ein Kind war, gab es in den Zeitungen drei Seiten über den österreichischen Fußball und eine Seite über den ausländischen. Das hat sich gedreht. Beziehungs- und Betreuungspflege werden wesentlicher. Wir haben ein Rapid-TV, sind in sozialen Medien aktiv. Das ist ein harter Kampf.

STANDARD: Auch die Fußballer wollen am liebsten sofort ins Ausland, die Verweildauer wird kürzer.

Peschek: Das stimmt, die Fluktuation wächst. Was Bestand hat, ist Rapid, ist die Geschichte, die Tradition. Die Werte und Ziele sind unabhängig von den Personen.

STANDARD: Auch einige Rapid-Spieler finden den Verein zwar toll, haben aber andere Träume. Da kann man sogar Gehälter anheben, man wird die Besten nicht halten können. Wie gehen Sie damit um?

Peschek: Wir sind mittlerweile in der wirtschaftlichen Situation, dass wir agieren können und nicht reagieren müssen. Unsere Infrastruktur ist optimiert, mit dem Ziel, dass andere diesem Beispiel folgen. Wenn wir kontinuierlich international dabei sind, ist das ein Anreiz für Spieler. Wechseln sie, sollen Zeitpunkt und Adresse richtig sein. Unser Anspruch ist, dass unsere Kicker nicht in die zweite oder dritte deutsche Liga gehen, sondern in eine Topliga.

STANDARD: Sie sind seit einem Jahr im Amt. Ihre Bilanz?

Peschek: Es ist enorm viel weitergegangen. Aber das Bessere ist der Feind des Guten, daher werden wir nie zufrieden sein. Ich bin in ständigem Austausch mit Andreas Müller. Unseren Geschäftsführer Sport zeichnet Kompetenz aus.

STANDARD: Banale Frage: Wer gewinnt am Sonntag das Derby?

Peschek: Rapid. (Christian Hackl, 12.2.2016)

Christoph Peschek (32) war Gewerkschafter und Politiker, saß für die SPÖ im Wiener Gemeinderat und Landtag. Seit 1. Februar 2015 ist er Geschäftsführer Wirtschaft von Rapid.

  • Peschek: "Wir sind mittlerweile in der Situation, dass wir agieren können und nicht reagieren müssen."
    foto: apa/herbert pfarrhofer

    Peschek: "Wir sind mittlerweile in der Situation, dass wir agieren können und nicht reagieren müssen."

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