US-Wahl: Die Angst Amerikas vor dem Sozialstaat

Userkommentar17. Februar 2016, 12:18
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Ein Phänomen, das einem in den USA ständig begegnet: die Angst vor einer "kommunistischen" Regierung

Der amerikanische Präsidentschaftswahlkampf polarisiert wie selten zuvor und bietet das volle Programm. Ein ultrarechtskonservativer Donald Trump einerseits, der sich einen von Mexiko bezahlten Zaun bauen lassen will, keine Muslime mehr einreisen lassen möchte und mittlerweile – in seinen eigenen Worten – so populär ist, dass er auf offener Straße jemanden erschießen könnte, ohne Wähler zu verlieren. Auf der anderen Seite des Spektrums steht ein etwas älterer Herr namens Bernie Sanders, seines Zeichens Senator aus Vermont und die Hoffnung vieler für tiefgreifende Sozialreformen.

Ein Underdog zeigt Zähne

Anfänglich noch als demokratischer Underdog belächelt und medial kaum präsent, sorgt Sanders mittlerweile bei seinen Auftritten für Zustände, die an Barack Obamas Kampagne erinnern. Das bringt die bei den Demokraten bis dato als Favoritin geltende Hillary Clinton immer mehr ins Schwitzen. Mit seinem Slogan "A political revolution is coming" präsentiert Sanders ein sozialpolitisches Programm, das in europäischen Staaten gang und gäbe ist, in den Vereinigten Staaten jedoch wie ein Staatsputsch klingt: ein öffentliches Gesundheitssystem, da sich jeder leisten kann; kostenloser Zugang zu staatlichen Universitäten; eine Lohnsteuerreform, die die Mittelklasse entlasten soll; das Anheben des Grundeinkommens; das Schließen der Gehaltsschere zwischen den Geschlechtern; Reform der Wall Street.

Unreflektierte Angst

Das kapitalistische Amerika kann mit solchen Ideen gar nichts anfangen, und mittlerweile sieht sogar der Chef von Goldman Sachs, Lloyd Blankfein, in Sanders eine ernstzunehmende Gefahr für die Wall Street. Auch die Durchschnittsamerikaner, die von Kindheit an gelernt haben, mehr auszugeben, als sie besitzen, und die es gewohnt sind, horrende Preise für Gesundheit und Bildung zu zahlen, scheinen oftmals mit dem Konzept eines Sozialstaats überfordert. Immer wieder fallen dann Begriffe wie Kommunismus und Sozialismus. Sanders' politische Agenda wird dann mit jener von Ländern wie China und Russland verglichen. So wird aus einem Sozialdemokraten schnell ein kommunistischer Reformator.

Die Unfähigkeit vieler Amerikaner, mit Begriffen wie Sozialstaat, Sozialdemokratie, Sozialismus und Kommunismus umzugehen, verblüfft und erschreckt gleichermaßen, haben diese Begriffe doch nur bedingt miteinander zu tun. Ganz nach dem Motto "Wo 'sozial' draufsteht, ist 'Kommunismus' drinnen", zeigen viele Amerikaner eine oftmals unreflektierte Angst vor sozialen Reformen im eigenen Land, von denen zweifelsohne die meisten von ihnen profitieren würden. Selbst mancher Mainstream-Demokrat scheint mit Bernie Sanders überfordert und fühlt sich bei der etwas konservativ wirkenden Hillary Clinton in besseren Händen.

Kalter-Krieg-Weltanschauung

Sollte Sanders aber der offizielle Präsidentschaftskandidat der Demokraten werden, wird sich zeigen, ob die amerikanische Wählerschaft bereit ist, die Indoktrinierung einer Kalter-Krieg-Weltanschauung abzulegen und die tiefgreifenden Sozialreformen des "Kommunisten" Sanders zuzulassen. Oder ob nicht doch Donald Trump wider alle Erwartungen des republikanischen Establishments mit seiner inhaltslosen Politik – gepaart mit Polemik, Hetze und Kapitalismus pur – den modernen Zeitgeist in den Vereinigten Staaten wiederspiegelt. (Franziskus Bertl, 17.2.2016)

Franziskus Bertl wurde in Braunau am Inn geboren und hat an der Universität Wien Medien- und Kommunikationswissenschaft studiert. Seit Dezember 2014 lebt er mit seiner amerikanischen Frau Emily in Philadelphia, Pennsylvania und arbeitet als Sportconsultant und Eventmanager. Er ist Generalsekretär der United World Games 2016.

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