Versuch über das Leben und die Liebe: Bis dass der Tod

14. Februar 2016, 08:00
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Kaum kommt die Rede darauf, weicht man aus ins Allgemeine, lenkt sich ab mit allem Möglichen. Ein recht persönlicher Versuch über das Leben und die Liebe darin

Als sie schwanger ging, da gab es ringsum auf einmal nur noch Kinderwägen. Als die Diagnose dann kam über uns, war die Welt voller Todkranker mit all ihrem zaudernden Glauben und ihrem bangen Hoffen. Und nun laufen mir überall Witwer über den Weg. So sehr also fokussieren die Umstände den Blick auf die Welt. Die Wahrheit ist wahrhaftig eine Tochter der Zeit.

foto: uwe krejci/corbis
"Ständig habe ich davon gesprochen, mit ihr einmal dort hinaufzufahren. Stets hat sie mit Nachsicht gelächelt dazu. Nie haben wir es geschafft."

Wenn es sich ergibt, hocke ich beim Wirten mit einem dieser mir über den Weg gelaufenen Witwer zusammen. Wir klagen einander nichts vor. Wir wissen ja eh. Ich, der deutlich jüngere, frage – eher hinterhältig aufmunternd als tatsächlich auskunftheischend – um Rat. Das bringt ihn, den nun schon bald achtjährigen, dann im Handumdrehen ins Reden, ja ins Erzählen. Bei wenigen nur darf er das, klar. Den meisten ginge er – und ging er schon mehrmals – recht auf die Nerven damit. Ich dagegen bestelle noch was für uns zwei, auf dass er sitzen bleibe und weiterrede. Von allerlei Beliebigem spricht er. Ein besonders guter Erzähler ist er nicht, eher eine Plaudertasche. Aber ich bin, jedenfalls diesbezüglich, zu einem guten Zuhörer geworden. Und deshalb ist mir auch ziemlich bald klar, dass er, während er redet, unterhalb dessen von etwas Zusätzlichem spricht. Etwas, wovon sich nicht so mir nix, dir nix reden lässt, von dem die Rede sich aber doch tragen lassen kann wie von einer Welle. Mag sein, nur unsereiner redet so. Mag sein, nur unsereiner hört so was heraus. Der Sinn ist ein Sohn der Wahrheit. Und die eben auch eine Tochter des Umstands.

Die rechten Worte

Der Umstand: Es fehlt dir – kreischend phantomschmerzlich in manchen Momenten – etwas so sehr, als hätten sie dir den Arm ausgerissen. Und zugleich ist dir der Schlag eingefahren, mitten hinein ins Sprachzentrum. Zwar weißt du ungefähr, was zu sagen wäre. Aber die rechten Worte findest du nicht. Und fändest du sie, kämen sie dir nicht über die Lippen. Irgendwann, so sagen sie alle – jene, die sich auskennen ebenso wie die, die dir halt beistehen wollen irgendwie -, wird sich das ändern. Und wird dann vielleicht als eine Art Trost ins Leben treten, weil die Schmerzen ja unüberfühlbar markieren, dass da, wo es jetzt so wehtut – schreien möchtest du von Zeit zu Zeit -, einmal etwas untrennbar zu dir Gehörendes gewesen ist. Daran werde man sich, später dann einmal, mit einiger Dankbarkeit erinnern. Wird man das? Wirst du das?

Ich bestelle noch zwei Bier. Sonntagnachmittag ist. Ich probiere, übe, ja trainiere richtiggehend die Strategien, gewandt und immer gewandter der Gefahr auszuweichen, unvermittelt – so was kommt immer unvermittelt und immer von hinten – in jenes Wasser zu fallen, an das ich diesbezüglich halt jetzt, vielleicht eh nur vorübergehend, gebaut worden bin. Mein Leidensgenosse fängt an, über den letzten Motorradausflug zu erzählen. Nach Istrien ist er geritten mit ein paar Freunden. Das passt: Ich kenne Istrien ein bisschen. Schon aus jugoslawischer Zeit, schon aus jugoslawischer Zeit auch mit ihr. Nach Motovun ist er hinauf, wo der Schiffschrauben-Ressel daheim gewesen ist. Dann weiter nach Pazin. Ich nicke mitreitend. Auch er kennt das alles noch jugoslawisch, auch er noch mit der Seinigen. Weiter hinüber zum Kvarner Meer. Lovran. Rijeka. Trsat: Ständig habe ich davon gesprochen, mit ihr einmal dort hinaufzufahren. Stets hat sie mit Nachsicht und einigem Spott gelächelt dazu. Nie haben wir es geschafft. Solcherart kommt man flugs ins Sinnieren: was alles noch angestanden, was alles noch zu tun, zu erleben, zu was weiß ich gewesen wäre.

Direkt über die Liebe zu reden, das ginge freilich nicht. Dazu fehlen nicht nur uns Wirtshaushockern sowohl die Vokabeln als auch die Konventionen. Redete man, liefe man stets Gefahr, sich in den Fallstricken des Kitsches zu verheddern. Selbst das Wort – Liebe – hat ja etwas Abgelutschtes. Vom Apostel Paulus über Hedwig Courths-Mahler bis zu Rosamunde Pilcher haben alle unnachgiebig darauf herumgekaut. Vielleicht gelingt es Frauen besser, aus den dann doch nicht umsonst "Frauenromane" genannten Frauenromanen eine Sprache herauszubrechen, mit deren Hilfe sich leichter über die Liebe reden ließe. Doch das darf man füglich bezweifeln. Frauen neigen diesbezüglich wohl genauso zum Stammeln.

Zurückgelehnt – oder eben zurückschauend – betrachtet, ist das durchaus erstaunlich. Immerhin geht es beim Spiel und dem daraus erwachsenden Ernst zwischen Mann und Frau ums Grundlegende, ein Sine-qua-non wie Essen, Trinken, Verdauen, Atmen. Aber kaum kommt die Rede darauf, mäandert diese dann durchs eigentlich Gemeinte. Man weicht aus ins Allgemeine. Lenkt sich ab mit allem Möglichen, den Kern ummantelnden Zusatzthemen: Geschlechterkampf, Frauenrechte, Doppelbelastung, Kindsbetreuung, Ganztagsschule, Rollenbild, Patchwork, Mannsdefizite, Lebensabschnittspartner. Und dann, summa summarum quasi und die kostenpflichtigen Paartherapeuten herbeibetend: Beziehungsarbeit. Beziehungs-Arbeit!

All das lässt sich als Allgemeines besprechen, als etwas sozusagen Übergeordnetes, in das hinein es sich flugs auch subsumieren lässt: tolerant, weltoffen, zeitgemäß, urban, liberal, konservativ, stockkonservativ, reaktionär, katholisch und so weiter. Schon bist du ins plauderwastelnd Politische gerutscht und hast, ohne es eigentlich gewollt zu haben, eine Meinung dazu. Was heißt? Eine Haltung! Versuchst du aber tatsächlich über die Liebe zu reden, knotest du dir die Zunge. Da redest du Serpentinen und wirre Kreisbogen entlang wie die hinauf nach Motovun. Denn redest du über die Liebe, redest du ja immer nur über dich und die Deine und das, was dazwischen ist, das Eigentliche. Da ist nichts, was sich abstrahieren und verallgemeinern ließe. Denn die Liebe ist ausnahmslos der Einzelfall. Und als solcher immer auch ein Zufall. Der aber, im gelingenden und dann – rückblickend – im gelungenen Fall, sich anfühlt wie eine Unausweichlichkeit. Den Zufall, genau, gibt es nicht.

Auch damals nicht, vor so vielen Jahren. Wir waren jung genug, uns den Taumel des Verliebtseins zu gönnen. Erwachsen genug aber auch, uns und einander dabei nicht zu verletzen. Was das betrifft, hatten wir beide schon auf die heiße Herdplatte gegriffen gehabt. Wir tasteten uns solcherart, miteinander und aneinander, zueinander. Es war, das ist rasch klar geworden, mehr als ein Abenteuerausflug. Wir wussten bald ein ungefähres Ziel. Aber wie dorthin zu gelangen wäre, das blieb noch länger offen. Es schien nur klar, dass es dabei hilfreich sein könnte, einander in den Arm fallend ab und zu, in die Arme zu fallen ein um das andere Mal. Miteinander, das hatten wir bald heraußen, waren wir nicht bloß bei uns. Sondern außer sich von Zeit zu Zeit, auch jeweils bei sich. Ohne uns darüber abgesprochen zu haben, hatten wir beschlossen, uns im Wesentlichen so zu belassen, wie wir halt waren. Uns aber doch gerne dabei zu helfen, so zu werden, wie wir jeweils dann geworden sind. Hin und wieder ist da, ja, wer hingefallen; meistens ich. Aber, so schrieb es einst Joe South der Linn Anderson ins Liederbuch, "I beg your pardon, I never promised you a rose garden."

Im Garten Eden

Gegen die Liebe – so hebt der schöne Mythos von der Menschwerdung des Menschen an – gegen die Liebe ist nicht einmal dem Herrgott ein Kraut gewachsen. Ganz im Gegenteil. Gegen das Kraut, das er komischerweise für die Liebe hat wachsen lassen einst im Garten Eden, setzte er bloß sein Mahnwort. Aber, mein Gott, versuche einmal, Liebende abzuhalten voneinander. Mit seinem Scheitern – dass zwei Menschenwürmer einen eigenen Willen entwickelten, den zueinander – hat alles angefangen: der Schweiß und die Schmerzen, die Dornen und die Disteln, die Last und die Laster. "Unter Mühsal sollst du dich ernähren alle Tage deines Lebens", rief er wütend, "Unter Schmerzen sollst du Kinder gebären." So begann es also: "Und Adam erkannte sein Weib Eva."

Das Wort "erkennen" ist eine der wunderbarsten Facetten der Sündenfallgeschichte. Es umspannt, schillernd und funkelnd, das Menschliche an der Verweltlichung des Menschen. Martin Luther hat das hebräische jd? oder jada – das nicht minder das eine wie das andere bedeutet, wie uns die einschlägigen Philologen sagen – korrekt ins Deutsche gebracht, was den Baum der Erkenntnis naturgemäß zu einem weitläufigen Symbol macht. Denn er war, so Luther, nicht bloß "lieblich anzusehen", sondern gar "ein lüstiger Bawm".

Wer die Sündenfallgeschichte des theologisch aufgeplusterten Schmonzes, des Zeigefingers, entkleidet, wird auch eine Liebesgeschichte darin finden, die freilich schmerzlich über jenen Punkt hinausgeht, an dem solche Storys in aller Regel enden: dort, wo der Taumel des Verliebtseins in der Fadesse und der Mühe des gewöhnlichen Alltags zu verschwinden scheint. Hier aber entschiede sich erst das Gelingen oder das Scheitern. Vom lüstigen Bawm zu naschen ist erst der Anfang, wie der Rachsüchtige, der durch seine Geschöpfe beleidigt worden ist in seiner Allmächtigkeit und Allwissenheit, unmissverständlich klarmacht: "Im schweis deines Angesichts soltu dein Brot essen, bis das du wider zu Erden werdest, da von du genomen bist. Denn du bist Erden, und solt zu Erden werden."

In alldem aber – vielleicht ist das ein Schnippchen, das dem Schöpfer geschlagen worden ist – gibt es doch immer noch das Glück im Unglück: die Liebe. Die, befreit vom triefenden Pathos, eine durchaus solide Basis sein kann für ein gelungenes, also gemeinsames Leben. Das kann, no na, scheitern. Zumeist braucht es sowieso mehrere Anläufe. Aber wenn es so weit ist, weiß es jeder: Dass man um die, die man liebt, stärker geworden ist, und das desto mehr, je mehr man sich müht, ihr zur Seite zu stehen. Dass das Leiden, geteilt durch zwei, sich halbiert, das Glück aber im nämlichen Fall verdoppelt, ist nicht bloß so dahingesagt. Wer das einmal erleben durfte, wird auch erlebt haben, dass es einen dann drängt zu sagen: Lass uns das Leben gemeinsam tun.

Und so war es dann eben auch. Zueinander hingezogen, zogen wir – zögernd erst, ja zaudernd – zusammen. Wir hielten uns an der Hand bei den ersten Schritten ins wirkliche Leben, wo da und dort ja immer noch die Dornen wachsen und die Disteln. Und wir merkten, dass wir einander brauchten, nicht nur dabei. So was fühlt sich ein wenig an wie eine solidarische Innigkeit, aus der heraus dann fast alles, was machbar scheint, auch machbar ist. Später dann erst, retrospektiv, erkennt man, wie viel Glück auch dazugehört zum Glück. "Lass uns ein Kind wollen", sagten wir zueinander. Und wir wollten. Vater, Mutter, Kind: ja, doch, das hat was. Immer noch. Oder gerade.

Sie kannte meine Schrullen

Das Sonntagspiel der Fußball-Bundesliga wird bald anfangen. Jetzt hat er, der Motorradfahrer, noch was bestellt, und ich erzähle, dass wir uns immer vorgenommen hatten, ein paar Tage nach Pula zu fahren, zum kakanischen Kriegshafen, in dem wir öfter gewesen sind, aber aus unerfindlichen Gründen nie gemeinsam. Das ist sich genauso wenig ausgegangen wie die Fahrt nach Trsat, dem in den Küstenbergen schon liegenden Vorort von Rijeka. Ja, doch, sie wäre mitgefahren in die große Wallfahrtskirche. Spöttelnd vielleicht, aber sie kannte ja meine Schrullen, aus dem Glauben zwar nicht die Gläubigkeit, doch aber die Geschichten zu schöpfen.

Die von Trsat geht so: Im Mai 1291 trugen Engel das heilige Haus – darin die Gottesmutter zur Jungfrau groß geworden war und darin sie dann den verkündigenden Erzengel Gabriel sozusagen erkannt hatte – von Nazareth in die Kvarner Küstenhügel. Im wieder muslimisch gewordenen Heiligen Land war für die Santa Casa kein Bleiben mehr. Hier, in Trsat, kam sie zu Atem. Kurz vor Weihnachten 1294 reiste das heilige Haus dann weiter, quer über die Adria nach Loreto, wo es das Städtchen nahe Ancona zu einem der bedeutenden Wallfahrtsorte machte, der so manche dazu inspiriert hat, selber kleine, unscheinbare, heilige Häuser zu bauen und daneben prunkvolle, von dorthin pilgernden Wallfahrern reichlich beschenkte Gotteshäuser.

Eines davon steht oben auf dem Leithaberg, hoch hinter Eisenstadt. Ein paar Mal sind wir gemeinsam in Loretto gewesen. Öfters war ich allein da, einfach so, sprachlos ob der so verschwenderischen Großzügigkeit der Anlage. Manchmal schaute ich in die Basilika hinein, meistens aber nur ins daneben erbaute, fensterlose Häuschen, in dem die Schwarze Madonna einsame Wacht hält tagein, tagaus. Still war es immer, denn immer kam ich untertags und unter der Woche. Aber selbst das eine Mal, als ich beruflich die burgenländischen Kroaten begleitet habe auf ihrer Wallfahrt, war es hier, was man von den wenigsten Orten wirklich sagen kann: schön.

Am Beginn des vorigen Jahres häuften und veränderten sich die Besuche in Loretto. Sie wurden, ja, magischer. Beschwörend fast. Manchmal, wenn ich es eilig hatte, drehte ich mit dem Auto nur eine Runde um den weitläufigen Anger. Stets aber grüßte ich dabei still die schwarze Frau, die Crna Majka Bozja, wenigstens im Vorbeifahren. "Im März", erzähle ich, mich dafür beinahe so auslächelnd, wie sie es wohl getan hätte, "hab ich ihr dann sogar eine Kerze angezündet." Der Motorradfahrer nickt. Er kennt die Strecke dort hinauf – eine beliebte Bikerroute – nicht nur wegen der Ritte. Sondern auch von den magischen Praktiken, die auch ihm von der Hand gegangen sind, als ließe sich der Rachsüchtige beeindrucken von so was. Aber Fürbitte? Ich bitte dich!

Man schaut nach vorn

Langsam finden sich die Fußballschauer ein beim Wirten. Die Vorberichte zur Sonntagspartie haben begonnen. Man blickt zurück und schaut nach vorn. Man analysiert und wägt ab. Man entwirft Bilder von Spielzügen, Angriffsstrategien und Mittelfeldschaltungen. Mir fällt ein, dass sie mich, den Stammgast im Mattersburger Pappelstadion, nur zweimal dorthin begleitet hat. Beide Male ging es gegen die Wiener Austria, beide Male gewann – ein Wunder – das Heimteam. Der Motorradfahrer lächelt. Er weiß, wie assoziativ unsereiner zuweilen denkt. Beziehungsweise und eigentlich: sich denken lässt.

Es zieht ja in einem fort ein ganzes, ein schon verbrachtes Leben durch einen an einem vorbei. Plötzlich hält dann der Film irgendwo im Standbild: die ersten Kindsurlaube am Balaton; der wilde Entschluss, aufs Land zu ziehen trotz allem; die Vermessenheit, einen eigenen Verlag auf die Welt zu bringen; die stillschweigende Übereinkunft, unser Leben nicht an den Ansprüchen auszurichten, sondern die Ansprüche an unserem Leben; das Zusammenhocken und das Vom-Hundertsten-ins-Tausendste-Kommen. Die Liebe: Das sind ein paar Bilder, Gerüche, Geschmäcker, Töne, Berührungen. Und das natürlich, wofür es dann den sechsten Sinn braucht.

Wie alles, was die Menschen betrifft, ist aber auch die Liebe etwas historisch wenn schon nicht Gewordenes, so doch Gewandetes. Vor allem dann, wenn es ansonsten drunter und drüber geht, rückt dieses historische Gewand in den Fokus. So wie grad jetzt, da es so aussieht, als fingen demnächst sogar die von der Legio Mariae an, selbst die Trans-Genderei für vortrefflich zu halten, nur um den Muslimen damit etwas auswischen zu können.

Neu ist so was nicht. Schon vor mehr als 200 Jahren ist man nicht minder darangegangen, die Liebe in – oder gerade wegen – ihrer Unschuld als politischen Kampfbegriff zuzuschleifen. Friedrich Schiller zum Beispiel war darin ganz gut. Seine Louise Millerin in dem Trauerspiel Kabale und Liebe, eine schlichte Kompositeurstochter, rannte mit ihrer Liebe an gegen die Standesbarriere zum Adel. Hinterm Rammbock der Liebe wartete schon der sturmbereite dritte Stand. Und so ging und geht es weiter bis heute, da man die Trümmer der sexuellen Revolution ("Wer zweimal mit derselben pennt, gehört schon zum Establishment!") wegräumt mit deren kühl bürokratischer Verkehrung, dem "Noli me tangere" der politischen Korrektheit. Die Ironie dabei: Solch politisches Zurichten des Unzurichtbaren hat schon der Herrgott vergeblich versucht.

Nicht alle Götter tun so was Vermessenes. Ovid erzählt uns in seinen Metamorphosen jene schöne Geschichte – eine Herbergssuchgeschichte, wie sie wohl alle Religionen kennen -, in der Göttervater Zeus und sein Bote Hermes an die Tür des Häuschens eines alten Paares klopften und nach vielen vergeblichen Versuchen zuvor endlich erfolgreich um Nachtquartier baten. Philemon hieß der Hausherr, sie war die Baucis. Und als die Götter am nächsten Morgen, sich bedankend bei den Alten, einen Wunsch zu erfüllen versprachen, baten die beiden darum, dann, wenn es so weit sein werde, gemeinsam sterben zu dürfen. Philemon wuchs zu einer Eiche, Baucis zu einer Linde. Und Jahrhunderte später noch hielten sie einander mit und an den Zweigen. Und immer wenn der Wind wehte, war das wie eine sanfte, auch nach den tausenden Malen noch innige Liebkosung.

Unlängst hat unser alter Budapester Freund Lajos Adamik einen von ihm auf Deutsch verfassten Text geschickt mit der Bitte, ihn auf allfällige germanistische Unzulänglichkeit hin durchzulesen. Etwas, worum er früher stets sie, deren Sprachgefühl nicht so fahrig gewesen ist wie meines, gebeten hat. Der Text war das Vorwort zu einem von ihm und seiner Frau, Márta Nagy, herausgegeben Ungarn-Schwerpunkt in der von Karl-Markus Gauß so fein redigierten Zeitschrift Literatur und Kritik. Das Vorwort fängt so an: "Hult hely ist ein schöner Ausdruck im Ungarischen, der sich in seiner liquiden Weichheit und alliterierenden Knappheit schwer übersetzen lässt. So nennt man Orte, wo eben noch jemand oder etwas war, wo aber plötzlich nur noch dessen ausgekühlte Stelle zu finden ist."

Hult hely! (Wolfgang Weisgram, Album, 14.2.2016)

Wolfgang Weisgram, geb. 1957, Studium der Theaterwissenschaften und Publizistik. Er ist langjähriger Burgenland-Korrespondent des STANDARD.

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