Salzburg zwischen Landesausstellung und Flüchtlings-TV

14. Februar 2016, 12:00
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Das Land feiert heuer den 200. Jahrestag seiner Angliederung an Österreich. Trotz vieler Bemühungen will keine Feierstimmung aufkommen

Wilfried Haslauer junior, Landeshauptmann von Salzburg, kann auch lustig: "Österreich ist 200 Jahre bei Salzburg", pflegt er bei diversen Vorbereitungsterminen für das Jubiläumsjahr wiederholt zu witzeln.

Was für Haslauer nur ein Scherzchen sein mag, klingt andernorts durchaus ernster. Das bürgerliche Salzburg fühlt sich neben Wien als zweite, heimliche Hauptstadt Österreichs. Klassisches Beispiel des Selbstbewusstseins: Als sich vor mehr als einem Jahrzehnt die Frage stellte, ob sich die Stadt Salzburg als europäische Kulturhauptstadt bewerben solle, wurde dieses Ansinnen beinahe als Gotteslästerung empfunden.

Die Mozartstadt habe das nicht notwendig, man sei ohnehin Weltkulturhauptstadt, hieß es nicht zuletzt aus dem Festspielbezirk. Und auch jetzt, wo von den freien Kulturstätten eine mögliche Bewerbung für die Kulturhauptstadt 2024 diskutiert wird, winkt man energisch ab. Man sei ohnehin mit den Festspielen jeden Sommer Kulturhauptstadt, ließ die Vorsitzende des Kulturausschusses im Gemeinderat, Karoline Tanzer (ÖVP), ausrichten.

Da ist natürlich schon etwas dran. Mit den Festspielen hat man eines der bedeutendsten Musikfestivals der Welt in der Stadt – mit Mozart einen touristischen Selbstläufer. Dazu kommt die Altstadt als Weltkulturerbe der Extraklasse. Und Salzburg, dessen Lage der Salzburger Journalist Clemens M. Hutter einmal treffend als "topographischen Glücksfall" bezeichnete, liegt exakt zwischen Hochgebirge und dem Seenland, bietet aber trotzdem die Vorzüge einer funktionierenden Stadt.

Millionenwerbung

Im Vermarkten dieser Ausnahmestellung sind die Salzburger jedenfalls kaum zu überbieten. Mit viel Mozart und noch mehr Postkartenmotiven aus Stadt und Land Salzburg hat man das 200-Jahr-Jubiläum heuer genutzt, um sich als Pausenfilm beim Neujahrskonzert vor rund 50 Millionen Zusehern weltweit zu präsentieren. Für die Koproduktion des 22-minütigen Filmes von Philharmonikern und ORF hat das Land 300.000 Euro zugeschossen. Besser könne man Werbemittel nicht investieren, heißt es bei den Salzburger Touristikern. Die Branche jubelt ob des Coups.

Ziemlich gut in Sachen Werbung läuft es 2016 bisher auch für Haslauer selbst. Neben dem Jubiläumsjahr und der damit verbundenen medialen Präsenz ist der Salzburger Landeshauptmann auch turnusmäßig Vorsitzender der Landeshauptleutekonferenz. Das bringt zusätzliche Sendeminuten, das erzeugt zusätzliche Schlagzeilen.

Der früher immer etwas zurückhaltend agierende Anwalt scheint inzwischen Geschmack an der Rolle des Landesfürsten gefunden zu haben. Selbst die "Salzburger Nachrichten" attestieren ein reichlich barockes Amtsverständnis: "Mit Haslauer hält die barocke Note Einzug in die Landespolitik", schreibt "SN"-Lokalchefin Sylvia Wörgetter. Die Amtsübergabe als temporärer Länder-Chef, vom schwarzen Oberösterreicher Josef Pühringer zum schwarzen Salzburger Wilfried Haslauer, wurde groß zelebriert: Schützen marschierten auf, das Mozart-Quartett spielte, sogar einen Festgottesdienst hat man sich geleistet.

Kratzbürstige freie Szene

Dass das Jubiläumsjahr irgendwie Haslauer-Festspiele und ein Zwischenwahlkampf für die ÖVP werden könnte, das ist den autonomen Kulturstätten schon im vergangenen Sommer gedämmert. Tomas Friedmann, Leiter des Literaturhauses Salzburg hat seine Befürchtungen im Juli 2015 in feine Ironie gegossen: Er gratuliere Haslauer schon jetzt zur Wiederwahl, sagte Friedmann. Die Landtagswahlen gehen 2018 über die Bühne.

Heftige Kritik kommt von den Kulturschaffenden auch am Konzept des Jubiläumsjahres. Es gebe nämlich keines. Das Ganze sei eine beliebige Aneinanderreihung von Veranstaltungen. Die Ausschreibung für die Beteiligung der freien Kulturszene musste jedenfalls bis Ende dieser Woche verlängert werden. Offiziell auf Wunsch der Kulturstätten; wohl aber auch, weil sich das Interesse und die Beteiligung der Szene im überschaubaren Rahmen gehalten hatte.

NS-Eklat

Das alles hat die Feierlaune zwar nicht befördert, aber auch nicht wirklich gedrückt. Erst ein Eklat um das Buch zum 200-Jahr-Jubiläum ließ die Stimmung in den Keller rasseln.

Der Band mit dem Titel "Salzburg – Wien, eine späte Liebe" widmet sich dem Verhältnis der "Provinz" zum "Bund" über die Jahrhunderte. Darunter findet sich auch ein Kapitel eines auf Zeitgeschichte spezialisierten Salzburger Historikers – dieser ist unter anderem auch in der Arbeitsgruppe der Stadt zur Aufarbeitung ihrer NS-Geschichte tätig. In dem Text geht es um das Verhältnis des Gaus Salzburg zu Wien und Berlin.

Das Kapitel erschien jedenfalls einer Wiener Journalistin und einem ehemaligen Ministersekretär verdächtig, die NS-Zeit zu verherrlichen, wie sie in einer Mail an Haslauer formulierten. Ein persönliches Gespräch mit dem Historiker wie auch eine offizielle Stellungnahme auf Anfrage des STANDARD lehnten die beiden "Ankläger" aber ab.

Inhaltlich ist von dem Vorwurf dann letztlich zwar nichts mehr übriggeblieben, aber man hat Haslauer die Buchpräsentation verhagelt. Und das dürfte wohl beabsichtigt gewesen sein. Ein sichtlich verärgerter Landeshauptmann musste, statt zur Buchpräsentation, zu einer Rechtfertigungspressekonferenz ausrücken. Dort kündigte er ein zusätzliches Projekt an, das sich mit der Verfolgung Unschuldiger über die Jahrhunderte beschäftigen soll.

Bischof, Kaiser, Jedermann

Inzwischen ist wieder etwas Gras über den unliebsamen Zwischenruf aus Wien gewachsen, Salzburg wartet auf seine erste Landesausstellung seit Jahren. Eröffnung ist am 30. April. Der programmatische Titel "Bischof, Kaiser, Jedermann" soll den Bogen vom fürsterzbischöflichen Salzburg über das kaiserliche Österreich bis heute spannen.

Mit 1,5 Millionen Euro – 750.000 Euro davon steuert die Stadt bei – ist die Ausstellung zwar nicht gerade üppig dotiert, das Konzept klingt aber vielversprechend. In der Ausstellung "Schatzkammer" werden kunsthistorische Gegenstände gezeigt, die aus den Sammlungen der Fürsterzbischöfe in die ganze Welt verteilt wurden und nun teilweise zum ersten Mal als Leihgabe in Salzburg zu sehen sind. Der zweite Teil der Ausstellung widmet sich unter dem Titel "Erzähl mir Salzburg" Personen und den Geschichten aus den vergangenen 200 Jahren.

Besonders spannend dürfte der dritte Teil werden. Hier werden Salzburger Fotokünstler jene Orte und Räume dokumentieren, die für die Geschichte des Landes von besonderer Bedeutung waren. Das Salzburg Museum rechnet mit mindestens 60.000 Besuchern und Besucherinnen, hofft aber auf deutlich mehr.

Zukunftslabor

Insgesamt kostet das ganze Jahr die Steuerzahler 5,75 Millionen Euro. Vier Millionen davon steuert der Bund bei: dieselbe Summe, die das Burgenland zu einer ähnlichen Jubiläumsfeierlichkeit erhalten hat. Hochrangige Vertreter des Bundes würden zu den Salzburger Feierlichkeiten aber nicht erwartet, sagt Landeshauptmann Haslauer. Bedenken, dass sich Salzburg angesichts des eben erst überstandenen Finanzskandals eine Landesausstellung eigentlich nicht leisten könne, lässt er nicht gelten: "Es gibt immer Zeiten wie diese."

In dem bunt zusammengewürfelten Programm, von den Festspielen über diverse Schützenkompanien, Theater, Jugendvereine, Volkstanzgruppen oder Wissenschaftsorganisationen findet sich auch ein "Zukunftslabor" Salzburg.Hier hat sich der grüne Teil der Salzburger Landesregierung mit einem Budget von 300.000 Euro seine "autonome Zone" geschaffen. In zwei Bereichen werden einerseits "regionale Zukunftsprojekte" vorgestellt und prämiert, andererseits aber auch schon bestehende "Good-practice-Beispiele" gefördert.

Hauptthema Migration

Der erste Teil des Wettbewerbes ist bereits abgeschlossen. Anfang Februar wurden bei einem sogenannten "Zukunftsdialog" die Preisträger vorgestellt. Unter den zehn Gewinnern, die ein Preisgeld zwischen 10.000 und 20.000 Euro erhalten, beschäftigen sich viele Projekte mit der Integration von Flüchtlingen oder Migranten.

Darunter ist ein eigenes Flüchtlingsfernsehen mit dem Titel "Refugee TV" oder das Projekt "Umbrella" zur Integration von jugendlichen Migranten. Das Thema Flüchtlinge ist den Salzburgern im Jubiläumsjahr gleich bei der Eröffnung begegnet.

Der Schriftsteller Karl-Markus Gauß hat beim offiziellen Festakt zur Eröffnung Mitte Jänner der Politik eindringlich ins Gewissen geredet: "Salzburg hat immer gewonnen, wenn es sich der Welt öffnete." Salzburg sei 1816 in einen Vielvölkerstaat gekommen, wo die nationale Vielgestalt nicht bloß "staatstragende Ideologie", sondern vielmehr historischer Alltag gewesen sei.

Viel Gehör hat Gauß nicht gefunden. Wenige Tage nach der feierlichen Eröffnung von "Salzburg 2016" hat ein Asylgipfel die sogenannte "Obergrenze" beschlossen. Wilfried Haslauer war als Landeshauptmann und als Chef der Landeshauptleutekonferenz in der ersten Reihe dabei. (Thomas Neuhold, 13.2.2016)

In Salzburg lag über Jahrhunderte geistliche und weltliche Macht in einer Hand. Heute regiert der Tourismus

Eine eigenständige Landesgeschichte Salzburgs wird ab dem Jahr 696 geschrieben. In diesem Jahr ist der fränkische Missionar Rupert über Regensburg nach Salzburg gekommen. Rupert, heute der Landespatron von Salzburg, gründete in der ehemaligen römischen Munizipialstadt Juvavum ein Missionskloster. Auf Rupert folgte der irische Missionar Virgil und im Jahr 785 Arno. Heute noch erinnert an Virgil beispielsweise das Bildungszentrum St. Virgil und an Arno ein nach ihm benannter Weitwanderweg quer durch das Land Salzburg. Erzbischof Franz Lackner ist übrigens der 90. Nachfolger des heiligen Rupert.

Der Spottname "Stierwascher" für die Salzburger und Salzburgerinnen stammt aus dem Jahr 1525, als die Festung Hohensalzburg von aufständischen Bauern belagert wurde. Um den Bauern Lebensmittelvorräte im Überfluss vorzugaukeln, wurde Tag für Tag immer ein und derselbe Stier mit jeweils anderer Bemalung über die Festungsmauern geführt, erzählt die Legende. Tatsächlich dürfte der Name aber daher stammen, dass die Salzburger Metzger ihre Tiere direkt am flachen Salzachufer schlachteten und auch dort die Reinigung erfolgte.

Der Reichtum der Fürsterzbischöfe gründete sich neben der Ausbeutung des Bauernstandes über die Jahrhunderte vor allem auch auf die Erzvorkommen, beispielsweise in Rauris (Gold, Silber) oder in Großarl (Kupfer). Die Bischöfe regierten oft mit blanker Gewalt. Wolf Dietrich von Raitenau beispielsweise ließ 1588 alle protestantisch gesinnten Salzburger des Landes verweisen. Einige seiner Nachfolger haben diese blutige Tradition fortgesetzt. Wolf Dietrich ließ auch zahlreiche Häuser in der Stadt dem Erdboden gleichmachen und gab so der Altstadt viel vom heute bekannten Bild. Für seine Frau Simone Alt und seine Kinder ließ er das Schloss Mirabell (heute Sitz der Stadtverwaltung) errichten.

Im Vertrag von München vom 14. April 1816 wurde infolge des Wiener Kongresses das Verhältnis zwischen Bayern und Österreich neu geregelt. Dabei kam es zu massiven territorialen Verschiebungen. Salzburg wurde Österreich angegliedert, auch das Hausruck- und das Innviertel gingen an die Habsburger. Berchtesgaden und der Rupertiwinkel blieben bei Bayern.

Die Tourismusmaschine Salzburg hat ihre Wurzeln im Jahr 1842. Damals wurde in Anwesenheit zweier Mozart-Söhne das Mozartdenkmal auf dem heutigen Mozartplatz eingeweiht.

Die Salzburger Festspiele sind neben Mozart das zweite wichtige Tourismus-Asset Salzburgs. Die Premiere des "Jedermann" im August 1920 gilt als Geburtsstunde.

Die Großglockner Hochalpenstraße soll demnächst Weltkulturerbe werden. Die 1935 eröffnete Hochgebirgsstraße zählt jährlich rund eine Million Besucher und gehört damit zu den wichtigsten Sehenswürdigkeiten Österreichs. (neu)

salzburg2016.at

  • W. A. Mozart hat die Angliederung seiner Heimat Salzburg 1816 an Österreich gar nicht mehr erlebt. Die nach ihm benannte Praline ist aber dennoch ein Symbol für ganz Österreichs geworden.
    illustration: claudia machado

    W. A. Mozart hat die Angliederung seiner Heimat Salzburg 1816 an Österreich gar nicht mehr erlebt. Die nach ihm benannte Praline ist aber dennoch ein Symbol für ganz Österreichs geworden.

  • Werbung auf altbacken: Auf vielen Ortstafeln, wie hier auf jener des Tennengauer Ortes Kuchl, wird auf das Jubeljahr hingewiesen.
    foto: roland meisl

    Werbung auf altbacken: Auf vielen Ortstafeln, wie hier auf jener des Tennengauer Ortes Kuchl, wird auf das Jubeljahr hingewiesen.

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