"Vater": Papas Sturz in die finsterste Nacht

12. Februar 2016, 11:10
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Erwin Steinhauer brilliert in Florian Zeller Stück als demenzkranker Patriarch in den Wiener Kammerspielen

Wien – Der schrittweise Verfall eines Alzheimerpatienten geht schleichend vor sich. André (Erwin Steinhauer) ist der charmanteste Spätsechziger der Welt. Unübersehbar sitzt er im eleganten Dreiteiler auf der Bühne der Wiener Kammerspiele. Freundlich schwätzend legt er Karten. Er wirkt gallig und zugleich gemütvoll, wie das so hinreißend widerspruchsvoll eben nur ein Steinhauer sein kann. Obwohl ein charmantes Untier, ist er gegen seine letzte Pflegehilfe vulgär und handgreiflich geworden. Tochter Anne (Gerti Drassl) kann ihre Besorgnis um den vergesslichen Papa kaum noch verhehlen.

Das Demenzstück "Vater" des Franzosen Florian Zeller (36) ist eine klinisch böse "König Lear"-Variante. Ein eben noch übermächtiger Popanz stürzt tief hinab in die finsterste Nacht des Vergessens. Dem Zuschauer wird lediglich Andrés Blickwinkel zugestanden. Was er sieht und hört, muss ihn ebenso nachhaltig befremden wie den zusehends verdatterten, sich selbst entgleitenden, dabei rasend vitalen Mann.

Gerilltes Glas schirmt den alten König ab vor den Gespenstern, die mehr oder minder direkt seinem Gehirnkasten entspringen (Bühne: Raimund Orfeo Voigt). Begebenheiten verdoppeln sich, Gesprächsfetzen von ehedem kehren in marternder Endlosschleife wieder. Der sozial aufstrebende Schwiegersohn in spe (Martin Niedermair) besitzt sein eigenes, hässlich verzerrtes Double (Oliver Huether). Die Hölle sind im kollabierenden Kosmos des sich abhanden Kommenden nicht die Anderen. Die Hölle, die macht er sich schon selbst.

Regisseurin Alexandra Liedtke hat etwa zwei Drittel des Stücks als klinisch kaltes Schachspiel inszeniert. Die Figuren bewegen sich in leicht abgewandelten Zügen immer gleich. Spuk und triste Wirklichkeit sind immer seltener voneinander zu unterscheiden. Nur manchmal, wenn eine Videowand hochschießt, verstricken sich Andrés arme Angehörige in konspirativ anmutende Gespräche. Eine neue Pflegerin (Eva Mayer) punktet mit pragmatischer Liebenswürdigkeit.

Steinhauer gibt den Tollhäusler, der, keiner Zurechnung mehr fähig, immer häufiger zur Salzsäule erstarrt. Leider Gottes verpflichtet Liedtke sich mit Fortdauer des Abends zu gehobenem Kunsthandwerk der Güteklasse Kitsch. Dann darf Steinhauer als regredierter Bub im Museum seiner Kindheit Zuflucht suchen und – zu schlechter Letzt – in eine Vitrine schlüpfen. Der endgültig in der Verwahranstalt Gepferchte hat nach "Maman" gerufen! Steinhausers wegen ist diese heftig akklamierte Aufführung aber durchaus nicht zum Vergessen. (Ronald Pohl, 12.2.2016)

  • Ein tanzender Erwin Steinhauer auf dem Weg in die Verwahranstalt, Gerti Drassl macht sich Sorgen um den vergesslichen Papa.
    foto: apa/hans klaus techt

    Ein tanzender Erwin Steinhauer auf dem Weg in die Verwahranstalt, Gerti Drassl macht sich Sorgen um den vergesslichen Papa.

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