Ein kaiserliches Generikum

11. Februar 2016, 17:40
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Interpretation des "Beckenbauer-Papiers": Beruhigungsvertrag statt Bestechungsversuch

Wien – Bestechung, darin stimmen die Beteiligten überein, habe es bei den schließlich erfolgreichen deutschen Bemühungen um die Fußball-WM 2006 nicht gegeben. Beeinflussung immerhin hat Fedor Radmann (71), der seinerzeitige Vizepräsident des Organisationskomitees, jetzt unter öffentlichem Druck eingeräumt.

Es geht um jenen von Organisationschef und Kaiser Franz Beckenbauer unterfertigten Vertragsentwurf vom 2. Juli 2000, der jüngst in den Archiven des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) aufgetaucht ist. Mit dem Papier sollte der einflussreiche Weltverbandsfunktionär Jack Warner vier Tage vor Vergabe der Endrunde ruhiggestellt werden. Warner gebot damals als Vizepräsident der Fifa über eine Anhängerschaft, die weit über den von ihm präsidierten Verband von Nord- und Mittelamerika sowie der Karibik (Concacaf) hinausging. Und der Mann aus Trinidad und Tobago schien eine Bedrohung für die Deutschen zu sein.

"Er hat immer, immer wieder so rumgejammert, was die Engländer alles für seinen Verband tun – und wir gar nichts. Da haben wir halt was gemacht", sagte Radmann der Welt. Demnach wurden Warner schriftlich Infrastrukturinvestitionen sowie 1000 WM-Karten der teuersten Kategorie mit einem Wiederverkaufswert von mehreren Hunderttausend Euro in Aussicht gestellt. Vier Tage später setzte sich die deutsche Bewerbung in Zürich schlussendlich mit 12:11 gegen jene aus Südafrika durch – der Rest ist quasi eine Sommermärchengeschichte.

Blinde Unterschrift

Beckenbauer hatte im vergangenen November der Süddeutschen Zeitung erzählt, dass er den Vertragsentwurf "blind" unterzeichnet habe. Es sei um ein "Entwicklungshilfepaket mit Ticketingmöglichkeit" für Warners Kontinentalverband gegangen.

Radmann sagt, dass diese "Art Beruhigungsvertrag" allerdings nie schlagend geworden sei. "Bestechung war das keinesfalls. Es wurde ja nie umgesetzt." Diese Ansicht stützt übrigens die Juristin Sylvia Schenk. "Es kann auch eine Täuschung Warners gewesen sein, quasi eine Finte. Ein Vertrag ist unwirksam, wenn eine Seite ihn von Beginn an nicht umsetzen will", sagte die Korruptionsexpertin von Transparency International Deutschland.

Wirksam wurde das Papier, indem es Wolfgang Niersbach zum Rücktritt als DFB-Präsident veranlasste. Jack Warner, von der Fifa inzwischen lebenslang gesperrt, sieht seiner Auslieferung in die USA entgegen. Die dortige Justiz hat genügend Hinweise auf vollendete Korruption. (sid, lü, 11.2.2016)

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